Fettflecken & andere Spuren

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

17. – 23. März

Die Welt der Fernsehpreise ist vielfältig. Es gibt belanglose Trophäen wie die Goldene Kamera und noch belanglosere wie die Goldene Henne. Es gibt belanglose, aber glitzernde wie den Bambi oder so richtig belanglose weil hirntote wie den Deutschen Fernsehpreis. Und es gibt den Grimme-Preis. Die wichtigste, nein – eigentlich einzig wirklich wichtige Auszeichnung für anspruchsvolles Fernsehen in Deutschland hat ihre Preisträger 2014 bekannt gegeben, und nur bei dieser Jury hatte man das Gefühl, sie hätte sich mit ihrem Medium auseinandergesetzt.

Die zwei NDR-Produktionen Mord in Eberswalde und Grenzgang haben ebenso gewonnen wie das Kundus-Drama Eine mörderische Entscheidung. Dazu die Serie Tatort im Allgemeinen, dessen Wiener Episode Angezählt im Besonderen, nebst der schwäbischen Echtzeitreihe Zeit der Helden, die wirklich zum Niederknien gut ist. Hinzu kommen Sachfilme von Restrisiko über The Voice of Peace des Wahlhamburger Filmemachers Eric Friedler bis Work Hard – Play Hard. Und dann auch noch die Moderatoren Martin Sonneborn, Thomas Böhmermann plus – Achtung: Joko und Klaas, als einzige Vertreter des kommerziellen Fernsehens.

Es sind vielleicht nicht die objektiv besten Filme, Dokus und Entertainer, die am 4. April in Marl gefeiert werden, aber durch die Bank welche, die das Fernsehen auf ihre jeweils eigenwillige Art bereichern. Gut, zu den zwei Pro7-Gewächsen Winterscheidt/Heufer-Umlauf gibt es da sicher auch abweichende Meinungen; doch alle Ausgezeichneten eint das ernsthafte Bemühen, Spuren am Bildschirm zu hinterlassen, nicht bloß Fettflecken. Ersteres statt letzteres haben auch zwei Protagonisten vor ihrem Tod getan, der vorige Woche bekannt wurde: Mareike Carrière, die sich im Großstadtrevier vor fast drei Jahrzehnten als eine der ersten Frauen überhaupt hinters Steuerrad eines fiktionalen Peterwagens setzen durfte. Und Justus Pfaue, der seinerzeit von Timm Thaler bis Anna nahezu sämtliche Drehbücher einer Institution schrieb, die ganze Generationen Zuschauer geprägt hat: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF.

Wie weit das öffentlich-rechtliche Fernsehen von seiner alten Serientradition entfernt ist, zeigt sich nicht nur am aktuellen Bestand, sondern auch einer schmalen Ankündigung: 2015 will das Zweite eine Miniserie mit Bastian Pastewka zeigen, die sich an Breaking Bad orientiere. Warum auch eigene Ideen entwickeln…

TV-neuDie Frischwoche

24. – 30. März

…wenn man so schön von anderen klauen kann. Erstes Beispiel Michelle Hunziker. Mittwoch kriegt Gottschalks Ex-Assistentin im ZDF ihre erste eigene Sendung. Dass die großen Überraschungen der großen Überraschungsshow verteufelt an Rudi Carrells Lass dich überraschen erinnern, ist aber sicher reiner Zufall. Zweites Beispiel Sat1: Dessen Historienmelodrama Die Hebamme variiert tags zuvor das Fernsehdauerthema starker Frauen in frauenfeindlichen Zeiten gefühlt zum 6258. Mal und liefert dabei so derart überdramatisierte Stromlinienkost, dass die Geigen nur so scheppern. Drittes Beispiel – nein, der heutige ZDF-Film „Kein Entkommen“ mit Anja Kling als traumatisiertes Gewaltopfer mit anschließendem Mobbing-Problem ist zwar irgendwie auch abgekupfert. Aber vom realen Fall einer Zeit-Autorin vor vier Jahren, was irgendwie nicht richtig kopiert ist, auch wenn das Zweite das Thema ebenfalls zum 6258. durchspielt.

Dank guter Schauspieler ist das durchaus auf dem Niveau des ARD-Mittwochsfilms, diesmal mit einem Krimi der ungewohnten Art. Denn Die Fahnderin kümmert sich um Steuerbetrüger. Eine wachsende Gruppe Krimineller also, die im Lichte des Hoeneß-Urteils derzeit zwar zusehends den Mainstream bewegt wie sonst höchstens Krim-Krise und Lanz-Bashing; für herkömmliche Krimis galt das Thema allerdings lange als völlig ungeeignet zwischen all den Kinderschändern und Serienmördern. Katja Riemann gerät als Jägerin nordrheinwestfälischer Steuerbetrüger zwar zuweilen etwas arg staubig, aber überwiegend glaubhaft – und öffnet somit vielleicht Türen für Ermittler jenseits des Kapitalverbrechens à la Tatort, der Sonntag in Kiel Station macht.

Das wird umso wichtiger, als RTL parallel dazu die Behandlung relevanter Themen dadurch verhöhnt, dass es Mario Barth darauf ansetzt, der angeblich irgendwas aufdeckt, tatsächlich aber nur seinen Kontostand dank weiterer Nichtigkeiten erhöht. Nicht das einzige, aber prägnanteste, was ihn mit Helene Fischer verbindet, die Donnerstag im Ersten mit viel Glamour (aber ohne Frei.Wild) den künstlerisch sinnlosen Musikpreis Echo verleiht. Das dürfte zwar weniger Zuschauer haben als die Explosionsarie Cobra 11 die zeitgleich bei RTL in die 6258. Staffel geht. Aber einiges mehr als der grandiose Arte-Dreiteiler Burning Bush, mit dem der tschechische Produzent Jan Mojto seinen eigenen Prager Frühling spielerisch aufarbeitet. Kalter Krieg zum Anfassen quasi. Heißen Krieg dagegen gibt es morgen zur besten Sendezeit, wenn ZDFzeit die Soldaten des Ersten Weltkriegs Mit Jubel in die Hölle schickt. Dagegen wirkt der Tipp der Woche bei aller Gewalt fast friedlich: Wie ein wilder Stier (heute, 22.20 Uhr, Arte) mit dem jungen Robert de Niro als Boxer.

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