Dieter „Max“ Moor: Nischenstar & Biobauer
Posted: April 3, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a commentIch bin ja nicht verkopft
Dieter Moor, der sich seit neuestem Max nennt, moderiert das ARD-Kulturmagazin titel, thesen, temperamente (Sonntag, 23.05 Uhr) im verflixten 7. Jahr. Zum Einstieg gab er Einblicke in sein Leben als Schweizer im deutschen Fernsehen, der dort seit 30 Jahren präsent ist, reihenweise TV-Formate erfindet, Filme dreht, Bücher schreibt, Theater macht und doch nur einen kleinen Publikum bekannt ist. Daran wird auch sein Auftritt im neuen Talkformat von Sarah Kuttner auf ZDFneo am 24. April nichts ändern. Leider.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Moor, haben Sie sich schon eine Anmoderation für Ihre erste Sendung ttt?
Dieter Moor: Nein, aber es wird wohl etwas mit Guten Abend werden.
Sie werden das Publikum nicht mit „Liebe Zielgruppe“ begrüßen wie einst in Ihrer Mediensendung Canale Grande?
Ganz sicher nicht.
Das würde sich doch anbieten. Kulturformate sind doch längst Fernsehen für kleine Zielgruppen.
Was heißt „längst“, das war nie anders. Wir haben eine lange Phase hinter uns, in der man etwas Verstecktes, Verstaubtes in Kultur sah. ttt ist eine Special-Interest-Sendung für Leute, die sich im allerweitesten Sinne für Kultur interessieren.
Ist Kultur ein Nischenprodukt?
Ich denke schon. Seltsam, nicht wahr? Sie umgibt uns, sie ist überall, aber was genau sie ist, bleibt umstritten. Mein Begriff ist da sehr breit, für viele womöglich zu breitweit. Wenn ich durch eine Straße gehe, bin ich umgeben von Kultur, entdecke sie eigentlich überall, wo keine Natur ist. Ich gehör noch einer Generation an, die zur Kontaktaufnahme ins Theater geschickt wurde, aber vielleicht wäre es besser, beim Heranführen von Kindern an die Kultur einfacher anzufangen: Was du da gerade gezeichnet hast, ist Kultur, wie dein Schnuller aussieht, sogar Diddl-Mäuse.
Droht da nicht Beliebigkeit, ohne nun einem Begriff von Hochkultur das Wort zu reden?
Die Gefahr besteht immer, weil das Spektrum so enorm breit ist. Doch sie droht selbst dem, der sich nur ums Theater kümmert, weil es auch davon weitaus mehr gibt, als man je in einem Kulturformat behandeln könnte. Wir haben eine relativ kurze wöchentliche Sendung für ein gigantisches Feld, da werden Sie eine gewisse Beliebigkeit kaum vermeiden können, müssen also zwangsläufig subjektiv sein, was ich aber überhaupt nicht tragisch finde. Wir sagen ja niemandem: Da musst du hin! Wir liefern Angebote zum Entdecken. In der Ergänzung durch weitere Medien ergibt sich daraus vielleicht ein umfassendes Bild. Wir haben nicht den Anspruch, Kultur zu definieren.
Heutzutage finden auch Stefan Raab und Betriebsratssitzungen im Feuilleton statt.
Das Feuilleton ist sehr breit geworden, in seiner Kulturauffassung, egal ob Gangsterrapper oder Politik. Die Grenzen sind durchlässig.
Zu durchlässig, wird oft kritisiert.
Ich finde, dass gesellschaftliche Veränderungen aufgrund des Afghanistan-Krieges durchaus in den Kulturteil gehören. Die politische Sicht kann vermitteln, wie es zu dem Krieg kam, wer wen besiegt, wer welche Interessen hat, wie man ihn löst. Was aber mit den Menschen im Einzelnen passiert, ist schließlich eine Aufgabe der Kunst.
Hat die Durchlässigkeit – abgesehen von der Naturbeobachtung – dennoch Grenzen?
Nein, denn es gibt immer einen kulturellen Ansatz. Sogar eine Wahlberichterstattung bietet dafür Potenzial. Natürlich nicht in der bloßen Ergebnisübermittlung, aber in der Darstellung, wie sie erfolgt, wie sie Ergebnisse beeinflusst. Nehmen Sie das Desaster der Bush-Wahl – da gibt es Fragen der Ästhetik, der Psychologie. Oder Schröders Ausraster nach der knapp verlorenen Wahl. Das sind Ausdrucksformen einer Kultur, die ja den Anspruch hat, Leitkultur zu sein.
Mit d oder t geschrieben?
Mit t. Eine Leidkultur gab es bei uns vor 20 Jahren, als Künstler zu leiden hatten, um Wahrhaftigkeit zu erzeugen. Davon sind sie Gott sei Dank weggekommen.
Und hat den Frohsinn entdeckt?
Nein, die Breite des Spektrums.
Fernsehvermittelt in Kulturformaten, also der Nische. Fühlen Sie sich darin wohl?
Ich war nie woanders und wenn ich es versucht habe, war es nicht von Erfolg gekrönt. Ich fühle mich dort wohl. Meine größere Mühe besteht darin zu verstehen, was Mainstream eigentlich ist: der quantitative Faktor, die Zuschauerzahl, Massenwirksamkeit? Damit müssen sich alle Programmmacher auseinandersetzen. Nur: wie wird denn die Quote ermittelt und vor allem, bei wem? Sie wird ja nicht bei Menschen ohne deutschen Pass gemessen. Und wer erklärt sich bereit, dieses Gerät bei sich aufstellen zu lassen, wer braucht diese paar Euro im Monat? Also: Ist das Messergebnis eigentlich relevant?
Sie halten es für irrelevant?
Ich halte die Quote für eine Vereinbarung, die getroffen wurde, um der Fernsehwirtschaft eine Währung zu geben. Es ist eine reine Erfindung, genau wie Geld. Auch da gebe ich Ihnen ein Äquivalent, ein Stück Papier, auf dem die Behauptung steht, 100 Euro wert zu sein, und da wir uns beide an die Vereinbarung halten funktioniert es, obwohl der Wert ständig variiert. Ähnlich funktioniert die Behauptung des Mainstreams. So wie die Modeindustrie versucht zu suggerieren, welche Farbe demnächst angesagt ist. So gesehen ist die Frage, ob ich mich in der Nische wohl fühle, mit einem herzlichen Ja zu beantworten.
Müssen Sie in ihrer Funktion zwischen dem, was als Mainstream ermittelt wird, und dem, was in der Nische Platz findet, moderieren?
Mir reicht das Ziel, dass die Leute, die sich in meine Nische begeben, darin wohl fühlen. Und ich nicht den Eindruck erwecke, in meiner Nische finde kein Frohsinn, keine Sinnlichkeit, keine Provokation statt. Solange die Nische lebt, gefällt sie mir.
Wird sie womöglich bald nur noch von den Öffentlich-Rechtlichen fürs ältere Publikum gefüllt und der junge Rest guckt Privatsender?
Ich mag nicht in solchen Blöcken denken. Es teilt sich gerade auf und vermischt sich sofort wieder. Es wäre verhängnisvoll zu sagen, ich mache anspruchsvolles Programm, aber nur für 50+-Zuschauer, und das Seichte ist für die Jungen. Wer genau ist denn das? Was stimmt, ist, dass Fernsehen für die neuen Generationen nicht mehr die Bedeutung hat, wie für ihre Eltern. Der Medienzugang hat sich geändert. Mein Vater dachte noch, was in der Zeitung steht, ist exakt so wahr, sonst dürfte es da ja nicht stehen. Diese Rolle spielte für diese Generation später das Fernsehen. Und wenn Sie jetzt einem Zwanzigjährigen sagen, weil etwas gesendet oder geschrieben wird, stimmt es auch, lacht der Sie aus. Zeitungen, Sender, Internet sind auch nur Versionen, Varianten, Möglichkeiten einer Realität.
Ist das Interesse gesunken oder die Erregbarkeit?
Schwierige Frage, denn es hat sich als Irrtum herausgestellt, was lange Zeit als Gewissheit galt, nämlich dass die jungen Leute wegzappen, wenn nicht alle drei Sekunden ein Schnitt erfolgt. Plötzlich hören sie Pink Floyd, das Musikvideo ist kein Geschäft mehr und niemand weiß so recht, wie es weitergeht. Das gefällt mir eigentlich sehr gut. Ich kenne auch ein paar Leute aus der Werbebranche, die schon vor langer Zeit von dieser Katalogisierung weggegangen sind. Ganz früher gab es die ABC-Zielgruppe: A sind die mit der Kohle, B hätten sie gern, C nennt man heute das Prekariat. Dann hat man es feiner eingeteilt in Meinungsmacher, Innovatoren, Angepasste; hat auch nicht funktioniert. Nehmen Sie Harald Schmidt. Weißgott kein junger Mann, trotzdem wird seine Sendung keineswegs nur von über Fünfzigjährigen geschaut.
Aber damit sich das für den Gesamtsender ändert, hat ihm die ARD Oliver Pocher zur Seite gestellt.
Verständlich. Ich hab’s nur leider nicht gesehen.
Pocher steht für die Vulgarisierung des Mediums. Würden Sie sich noch einmal wie in Canale Grande vor laufender Kamera ausziehen, um eine Botschaft zu vermitteln?
Nein, selbst wenn die Botschaft passen würde wie damals. Außerdem war ich ein bisschen jünger und knackiger. Man muss die Leute ja nicht gleich erschrecken.
Wo liegen Ihre Schamgrenzen?
Um ihrer Selbst Willen ganz hoch; ich geniere mich sehr schnell. Wenn es jedoch darum geht, einen Zweck zu erfüllen, sehr niedrig, fast Null. Man darf aber bei der Niveaufrage nicht vergessen, dass die Privatsender schon deshalb so wertvoll waren, weil sie Innovationen riskiert haben. Bis vor einigen Jahren haben sie der Fernsehkultur hochinteressante Impulse gegeben, denen die Öffentlich-Rechtlichen bisweilen hinterher hecheln mussten. Mittlerweile aber sind sie Unternehmen geworden, mit Shareholder-Kriterien und Quotenautomatismen statt Entscheidungsträgern. Ein Irrweg, auf dem der Innovationsanteil weiter sinken wird. Ich glaube und hoffe, dass die Öffentlich-Rechtlichen anlässlich dieses Dilemmas die Qualitätsoffensive suchen.
Ein gutes Beispiel ist ja ihr alter Sender Vox, der mit hohen Ansprüchen gestartet nun vor allem Entertainment und Lizenzserien bietet.
In der Tat. Aber Niveau war bei Vox kein Anspruch, sondern eher eine euphorisierte Aufbruchsstimmung. Es gab dort zunächst kaum echte Fernsehmacher, die waren bei RTL; dafür reichlich Printjournalisten, die den Unterschied zwischen Schreiben und Senden erst lernen mussten. Aber sie haben zu Beginn 40 verschiedene Eigenproduktionen aus der Taufe gehoben, alles neue Formate, verrückt, aber auch toll.
Und erfolglos.
Das lag an einer etwas verunglückten Imagekampagne. Sinngemäß lautete die, unterhalb eines IQ von 140 brauchst du hier gar nicht einschalten. Fernsehen nur für Intelligente mit Doktortitel – das traut sich ja nicht mal Arte.
Sind Sie ein Intellektueller?
Nee. Intellektuelle sind für mich reine Kopfmenschen. Leute, die sehr engagiert über Themen debattieren, die ohne Relevanz über den Selbstzweck der Debatte hinaus sind. Sehr luxuriös und damit auch schön, aber ich kann das nicht. Wenn ein Thema nur noch eine Handvoll anderer interessiert und betrifft, kriegt es so etwas Solipsistisches, Abgehobenes, kreist es nur um sich selbst. Ich habe das Etikett intellektuell dennoch ab und zu gekriegt, keine Ahnung, wieso.
Vielleicht in der Definition als Vermittler erklärungsbedürfigen Wissens.
Dann würde es mir wiederum gefallen. Intellektuell gleich Aufklärer.
Und spannend wird es ja dann durch ihre Zweitexistenz als Ökobauer, quasi als Gegensatz des Intellektuellen?
Wo bitte ist denn da der Gegensatz?
Weil der Bauer für das Bodenständige, Instinktive, nicht das Abgehobene, Verkopfte steht.
Dann gefällt mir der Begriff doch wieder nicht. Ich bin ja nicht verkopft. Je sinnlicher die Vermittlung ist, mit je mehr Erleben Wissen vermittelt wird, desto besser klappt es. Nur Blablabla funktioniert nicht. Meine Frau und ich versuchen ja auch, zu vermitteln, wie mit Qualität gute Ergebnisse zu erzielen sind, dass Tierproduktion und Tierquälerei nicht unbedingt zusammen gehören, dass naturgerechte Ernährung keine Geldfrage ist.
War ihr Schritt in die nachhaltige Landwirtschaft eine politische Entscheidung?
Es war einfach ein Bedürfnis. Ich wollte lernen wie man sich unabhängig macht. Tiere sind Lebewesen, Lebensspender, keine Maschinen. Ein Tier wird auf die Welt gebracht, ernährt, getötet, zubereitet und gegessen – etwas sehr Archaisches. Das kennen zu lernen halte ich für sehr wertvoll. Ich kann also das Tier schlachten, das ich essen werde.
Sollte das jeder mal getan haben, der Fleisch isst?
Nein und das wünsche ich auch nicht dem Tier.
Die Süddeutsche schreibt, Sie seien eigentlich nie ganz weg, aber manchmal müsse man Sie suchen.
Also ich finde mich immer wieder. Und sei es morgens vorm Spiegel. Aber ich kann nachvollziehen, dass man mich mal aus den Augen verliert. Es ärgert mich auch nicht, wenn man mich immer noch mit Canale Grande identifiziert. Ich habe ja in der Zwischenzeit viel gemacht, manches mit mehr, manches mit weniger Aufmerksamkeit von außen. Und Heu einzubringen oder eine Kalbsgeburt einzuleiten, sind sehr starke und seltene Erlebnisse, bei denen es blödsinnig wäre, zu fordern, dass jetzt darüber berichtet wird. Andererseits ist es doch erstaunlich, dass man sich in dieser schnelllebigen Zeit noch an etwas so lange zurück Liegendes wie Canale Grande erinnert, das ist 14 Jahre her.
Sind Sie in der Schweiz bekannter als hier, ein Star womöglich?
Durch meine tägliche Late-Night-Show war ich schon sehr bekannt, aber das ist ja schon eine Weile her und dauerte nur zwei Jahre. Das schaffte viel Medienpräsenz, auch negative Schlagzeilen, aber wenn ich heute durch Zürich gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Leute nach mir umdrehen.
Waren Sie so etwas wie der Schweizer Harald Schmidt.
(nickt verlegen) Mhm, aber nicht mit dem gleichen Erfolg, mit dem gleichen Bekanntheitsgrad, nur – Harald Schmidt wird ja von fast allen geliebt, ich wurde mehrheitlich gehasst.