Fernsehköche: Zu viele & zu männlich

Die Herren der Töpfe

Kochen und kein Ende: Seit mehr als zehn Jahren wird im Fernsehen fast unablässig am Bildschirm gebrutzelt. Während der heimische Herd allerdings wie eh und je in Frauenhand ist, stehen im Fernsehen fast ausschließlich Männer davor. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur sehr langsam, das zeigt auch die neue Staffel vcon Steffen Hensslers Grillshow ab Sonntag, 20.15 Uhr, bei Vox

Von Jan Freitag
Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als Kochprofis stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime. Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kochte auf ihrer Kulinarischen Tour de France regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: Auf Arte.

Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch „mmmh“ summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. „Sieh zu!“, raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält. Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Und auch in der zweiten Staffel von Grill den Henssler ist ide Rollenaufteilung klar: Ruth Moschner moderiert, Steffen Henssler kocht. Alles beim Alte also.

Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: „In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer.“ In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, er sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.

„Wir können uns ja keine Köchin ausbilden“, bemüht Stichler die Angebottheorie als Ursache der miesen Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm bruzzelte – ohne Ausbildung, Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb soviel zu verstehen wie von dessen Präsentation. Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen Drehscheibe-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format HAPS erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus szeniger Jungkoch. Steffen Henßlers Jugendstil etwa bildet seit 2006 zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.

Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann und dessen Sendung Koch doch aufs gleiche Pferd. „Frauentyp“ nennt der Sender den „vermutlich charmantesten Koch Deutschlands“. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zuhause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, „die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann“, so Jansing, „würden wir sie sehr gern nehmen.“ Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Indoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, „nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue“ zu ersetzen.

Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das Kochduell leitete, bis ihr Mälzers Schmeckt nicht, gibt’s nicht den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut Brigitte Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats Was die Großmutter noch wusste beim SWR. Immerhin hat sich mit Sarah Wiener eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von Pro7, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein Single-Dinner zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.

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