Indierockfriday: Kaiser Chiefs, Fluten, Nirvana

Kaiser Chiefs

Die Kaiser Chiefs hatten schon immer etwas Proklamatorisches in ihrer Art Britrock. Ricky Wilsons kräftige Stimme vor allem, sie verlieh dem distinguierten Garagensound eine Parolenhaftigkeit, als gäbe es da sehr Ernstes mitzuteilen aus Leeds, etwas Umstürzlerisches, Renitentes. Und vom grandiosen Debütalbum Employment vor auch schon wieder neun Jahren bis zum leicht sedierenden The Future Is Medieval von 2012 schwang ja auch oft eine Attitüde mit, als sänge das Quintett an der Spitze einer Demo für die gute Sache, wütend, aber ohne Hass. Nur – so richtig politisch waren die Kaiser Chiefs nicht. Bis jetzt, bis zum fünften Studioalbum, bis Education, Education, Education & War.

Angelehnt an eine alte Wahlkampfparole Tony Blairs, kombiniert mit dem, worin der Premier sein Land seinerzeit trieb, haben die Kaiser Chiefs sich damit womöglich einen Traum erfüllt: Eine richtige Arbeiterplatte aus der Arbeiterstadt. So handelt schon The Factory Gate zum Auftakt nicht nur im Titel vom Proletariat. Und auch danach fallen viele Begriffe sozialkritischer Debatten: Drohnen, Konsum, Handgranaten, solche Sachen. Doch man wird das Gefühl nie los, das seien bloß poetische Platzhalter, um den gewohnten Vorwärtsrock früherer Platten mit möglichst martialischem Vokabular zu unterfüttern. Denn der wird hier – ausgeschmückt von Nick Baines virilem Keyboard – so furios variiert, als hätte es nie kreative Schaffenskrisen gegeben.  Das Album mit dem sperrigen Namen mag nicht das beste der Kaiser Chiefs sein; eines der besten dieser Gattung ist es trotzdem.

Kaiser Chiefs – Education, Education, Education & War (SPV)

Fluten

Referenzsysteme haben gemeinhin so ihre Tücken, nicht nur im Musikgeschäft, aber dort besonders. Wer sich seine Sporen darin erst verdienen muss, ist nämlich gut beraten, vorab mit ein paar griffigen Parallelen zum Bestand aufzuwarten, um nicht im luftleeren Raum des Genres zu verhallen. Zu viele der Ähnlichkeiten mit Alteingesessenen tun Neuankömmlingen aber auch selten gut. Das Produkt braucht ja klare Konturen, sonst ist es bloß, tja, Pop. Die Bass-Schlagzeug-Gitarren-Band Fluten steht so gesehen zwischen zwei ziemlich großen Stühlen. Einerseits hagelt es für das Quintett aus Hamburg so viele Analogien quer durch die weite Welt harten Rocks, dass ordnungsliebenden Indiefans rasch der Kopf dröhnt vor lauter Verweisen auf Foals oder Blumfeld, At the Drive In, Fugazi, gar Papa Roach oder Limp Bizkit. Andererseits jedoch steckt im Debütalbum namens Splitter eine vertrackte Eigenartigkeit, die selbst aufgeschlossenen Ohren den Zugang erstmal verbaut. Und dann noch diese Gattungschiffren: Punk mit oder ohne Post davor, Hardcore natürlich und Nu Metal, bisschen Crossover, bisschen Screamo gar, alles zusammen und nichts davon. Ja, was denn nun? Das!

Eine Platte, die dem Alternative-Sound dreier Jahrzehnte diverse Codes und Zeichen fast tobsüchtig entreißt, als gelte es, die Vergangenheit im Steinbruch zu begraben. Um es mit dem Auftaktstück Die längste Zeit auszudrücken: “Mit Tausend Sachen gegen den rasenden Stillstand / Split the Rock / Ohne Kopf durch die Wand”. Diesen Furor haben sich die nicht mehr ganz jungen Kapuzenpulliträger aus dem heißen Herzen der Hansestadt dort antrainiert, wo es manchmal wirklich zu brennen beginnt: im Keller der Roten Flora, dieser Kaderschmiede autonomer Renitenz. Hier findet der ganz weit linke Subtext durchweg lyrischer Lieder seine Brutstätte, die verschlüsselte Agitprop-Prosa von “No chance to defend / No logic, no system” bis “Die längste Zeit ist reif / We break into the now”. In dieser Atmosphäre entstehen auch all jene aggressiven Riffs, die sich gern mal ein paar elektronische Spielereien gönnen und fein ziseliertes Picking, im Kern aber stets das große, fette Brett verlegen. Stets angetrieben von Timo Neuschelers stinkewütenden Gebrüll und dem noch etwas stinkewütenderen des Mitgitarristen Christian Schütze.

Fluten – Splitter (Flight13); mehr Text’n’Pics’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/04/02/fluten-splitter_17843

Nirvana

Zum 20. Todestag von Kurt Cobain erinnern die freitagsmedien heute an eines der größten Album der Rockhistorie: Bleach, kurz vorm Durchbruch erschienen und noch immer besser als alles, was danach von Nirvana kam.

Im Rückblick boten die späten Achtziger gar keine schlechte Ausgangslage für zu spät geborene Punks. Überall klebte Discosoul in den Charts, die Generation Acid rief zur ewigen Party, Berlin startete seine Love Parade, Schwarze tankten mit Gangstarap Selbstbewusstsein, selbst Heavy Metal verpoppte zusehends – die ideale Projektionsfläche für dreckige Akkorde und wütende Melancholie, für Bands wie Nirvana. Mit ihrem Album Nevermind pflügte sie den Rock gehörig um, verwandelte seine Wut in Warenform und schuf zugleich die Hymne des zivilisationsmüden Losers schlechthin: Smells Like Teen Spirit. Dabei war das, was sich 252 Wochen in den US-Charts hielt, nur eine schlichte Fortsetzung ihres furiosen Debütalbums Bleach. Als das erschienen war, interessierte sich bis auf ein paar langhaarige Jeansjackenträger noch niemand für das, was Journalisten gerade Grunge getauft hatten.

Bleach war eine dreizehnteilige Kanonade brachialer Rockdekonstruktionen, die Kurdt Cobains autoaggressives Genie noch wirklich gerecht wurde. Ganz im Gegensatz zu den folgenden Drei-Akkord-Platten oder dem Unplugged-Konzert für MTV. Doch sie waren es, die ihn unsterblich machten und verwandelten die antreibende Kraft seiner depressiven Ader in Pop. Auf Bleach dagegen war sie ein Novum. Bis dahin galt Punk als äußerliche, fremdbezogene Musik und Rock als irgendwie teilnahmslos. Gemeinsam drosch man im Viervierteltakt auf alles Denkbare ein – nur nicht aufs eigene Ego. Selbstreflexion, Gefühle, Schmerz waren ihm eher unbekannt, sein Ärger richtete sich gegen andere, gegen Systeme oder soziale Zustände. Nirvana indes suchten eben darin ihre eigene Position, vor allem lyrisch, aber auch klanglich, ohne den Punkgestus, seine Instrumente nicht zu beherrschen. Doch trotz dieser Emotionalität ist Bleach weit entfernt von Gefühlsduselei. Dafür ist sie zu arrangiert, zu vertrackt, bisweilen brutal.

Noch ohne Drummer Dave Grohl hackt Cobain so dissonant in die Saiten, dass vieles nach Proberaum klingt. Das liegt sicher am (bewusst?) miserablen Sound von Produzent Jack Endino, fürs Urgrunge-Label Sub Pop in drei Tagen gemixt; mehr aber noch am unberechenbaren Stakkato dumpfer Drums im Wechsel mit absurden Gitarrensoli. Progressive Metal oder das synkopische Geschrei Math Rock sind ohne ein verstörendes Lied wie Paper Cuts so unvorstellbar wie Soundgarden oder KoЯn. Die Harmonie darin zu erkennen dauert eine Weile, sagt dann aber mehr über Cobains Seelenzustand aus als jede Schrotflinte im Mund. Es bleibt die Ironie der Geschichte, dass sie von MTV geladen wurde. Cobain, so lautet eine Mythologisierung, ist am Erfolg zerbrochen wie an der Diskrepanz zwischen ihm und seinen Wurzeln. Wenn man so will: der „Nevermind“ und ihrem Vorgänger. Er war eine Suche nach Halt, rockte in allen Härtegraden und verlor dabei nie die Linie, das Gefühl für Abstraktion, die erst dank ihr zur Möglichkeit des Pop wurde. Dass er seinen Nachfolger in den Hitlisten überholte, macht das nur klarer. „Black is black/Shading back/Need more enemies” singt Cobain im düsteren Big Cheese. Er hat sie gefunden – in dem, was nach der Bleach später kam.

Der Artikel ist 2007 im Rahmen der ZEIT-Serie Die 100 besten Platten erschienen.

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