Bernd Schachtsiek: Erfolg & Homosexualität

Passiert halt

Alphatier, Vater, Porschefahrer – Bernd Schachtsiek, Vorsitzender des Völklinger Kreises schwuler Führungskräfte, passt nicht recht ins Klischee eines homosexuellen Wirtschaftsfunktionärs. Einerseits.

Von Jan Freitag

Da kann man noch so suchen, forschen, scannen – oberflächlich verweist nichts an diesem Mann auf das, was er ist, worauf ihn die Gesellschaft nur zu gerne reduziert. Keine versteckte Andeutungen, nirgends der kleinste Wink. „Wer mich hier bloß so sitzen sieht“, bekennt er am Ende einer langen Nacht an Wiesbadens Theken, „würde mich nie als das identifizieren, was ich bin“. Dann aber, so plötzlich wie unerwartet, passiert es doch. „Hab ich’s getan?“, fragt Bernd Schachtsiek entgeistert: „Dekolletee-Griff?“ Der raumfüllende Wirtschaftsfunktionär lacht laut und wiederholt die Geste wie zur Selbstvergewisserung, dass sie ihm im Grunde wesensfremd ist. „Passiert halt“, fügt er achselzuckend hinzu und leert sein letztes Bier. „Man kriegt es nie ganz aus sich raus.“

Die Codes seiner sexuellen Orientierung nämlich. Bernd Schachtsiek spricht lieber von Identität und dass man bei einer Person wie ihm, mit einer Ausstrahlung wie seiner, in einer Funktion wie dieser überhaupt Sexualität, Liebe, das Intimste thematisiert – dies allein bildet bereits die Arbeitsgrundlage als Vorsitzender einer Institution, die überflüssig zu machen seine edelste Aufgabe, ach: Mission ist. Der erfolgreiche Unternehmensberater leitet den Bundesverband schwuler Führungskräfte.

Bund, Schwul, Führung, Kraft – es stecken starke Begriffe im Titel dieser Interessensvertretung. Sie passen auch zu Bernd Schachtsiek selbst. Begriffe voller Beharrlichkeit, offensive Begriffe selbstbewusster Randgruppenvertreter einer Gesellschaft, die sich ihrer lästigen Homophobie zusehends entledigt. Doch wenn der Sechzigjährige die Geschichte eines Vorstandsmitglieds in Frankfurt erzählt, dem wegen eines zutiefst züchtigen Profils auf der Online-Kontaktbörse GayRomeo die Entlassung drohte, dann zeigt sich: Es gibt noch viel zu tun. Deshalb fordert mit Bernd Schachtsiek einer, der die Bühnenkante gewöhnt ist: „Wir müssen sichtbar sein.“ Mit allem was dazugehört. Mit schwuler Attitüde und schwulem Understatement, schwulen Schwächen, schwulem Rückrat, wenn’s sein muss schwulen Dekolletee-Griffen und dem Stolz, das schwul davor laut auszusprechen, ohne es vor sich herzutragen wie ein Schild, wie eine Lanze.

„Wir sehen uns nicht als Klagezirkel der Unterdrückten“, sagt der Verbandschef und bäumt sich spürbar auf im dunkel getäfelten Büro einer Wiesbadener Gründerzeitvilla, „aber auch nicht als Kampfverband“. Schließlich wisse man als gut bezahltes Leitpersonal um seine Privilegien; nach oben mobbt es sich bekanntlich schwerer. „Wir wollen nicht bevorzugt behandelt werden“, fügt er lächelnd hinzu, als eine Sekretärin französisches Wasser und asiatischen Tee serviert, „sondern gleich“. Sicher, es gehe dem VK bei aller ökonomischen Ausrichtung auch ums Große Ganze: dass Schwule und Päderasten nicht in einen Topf geworfen werden, dass sich der Katholizismus modernisiert und die CDU, dass es mehr gibt als die Tucke im „Traumschiff Surprise“ und die Partyfraktion beim CDS, dass der Wind durchs Land weiter auffrischt. Dennoch sei der Weg seines Kreises weniger politisch als menschlich. Es geht um Vernetzung vereinzelter Wirtschaftssubjekte. Das Ziel lautet Diversity. Auf allen Ebenen, auch den höchsten, gerade dort.

Vor zwei Jahrzehnten, als die Idee zum Verband geboren wurde, da mag der Ruf nach Vielfalt und offensiver Teilhabe geklungen haben wie das Pfeifen im Walde. Die Wowereits, Wills, von Beusts waren 1990 womöglich noch auf der Suche nach ihrer eigenen sexuellen Identität und eingetragene Lebenspartnerschaften illusionär, als ein homophiler Manager aus einer saarländischen Kleinstadt um Brüder in Geist und Körperlichkeit warb. „Kapitalistenknecht und Vorstands-Assi sucht Kapitalisten und andere Knechte für Austausch von Berufserfahrungen“ – mit dieser Annonce, zitiert Bernd Schachtsiek die Vereinshistorie, suchte der Entscheider Gleichgesinnte, die nicht weiter im Verborgenen entscheiden wollten.

Zwölf Monate später hatte er zwei Dutzend beisammen, die für juristische, berufliche, gesellschaftliche Gleichbehandlung ringen wollten, in der Wirtschaft, aber nicht nur dort. Sie benannten sich nach dem Wohnort des Initiators „Völklinger Kreis“, kurz: VK, untertitelten ihn mit dem später übersetzten „Bundesverband Gay Manager“ und schon die Provinzialität im Namen darüber verweist auf den Bedarf nach einer solchen Organisation. In den Topsphären der Wirtschaft, Bernd Schachtsiek scheint das mehr zu wundern, denn zu ärgern, hinke die Emanzipation noch heute hinterher.

Showgrößen, Volksmusiker und Popstars, Regierungschefs, Topjournalisten, selbst Außenminister können heute recht barrierefrei zu sich und ihren gleichgeschlechtlichen Partnern stehen. In nostalgischen Männerbünden vom Handwerk über Armee, DFB, Polizei bis in die Konzernzentralen hinein aber, leben die alten Vorbehalte oft unverhohlen fort – und halten das Versteckspiel am Laufen. Gerade bei Banken und Versicherungen suche man vergebens nach bekennenden Schwulen an der Spitze, zu schweigen von deren weiblichen Pendants. „Lesben werden bis in die Chefetagen hinein doppelt diskriminiert“, meint Schachtsiek, „wir Männer immerhin nur als Homosexuelle.“

Während dies in den Werkhallen und Großraumbüros offener erfolgt, drohen Schachtsieks Klientel subtilere Formen der Benachteiligung. Willkürliche Beförderungsstopps, verschlossene Türen einflussreicher Industrieclubs, Karrierehemmnisse nach ganz oben, besonders in den DAX-Vorständen, all dies verleidet sogar VK-Mitgliedern das Outing. „Ab einer bestimmten Höhe, wird die Luft für uns dünn“. Dazu die kleinen Abfälligkeiten, ein blöder Scherz hier, ein schiefer Blick da – die Restbestände normsexueller Homophobie rechtfertigen allemal einen Verband mit fünfköpfigem Vorstand, Zentrale am Berliner Kaiserdamm und 20 rührigen Regionalverbänden. Wenngleich sich sein Vorsitzender an die letzte Diskriminierung am eigenen Leib nicht mehr erinnern kann. Sein Auftreten, glaubt der kraftstrotzende Charismatiker mit dem Siegerlächeln überm Dreitagebart, „lädt dazu offenbar nicht ein“.

Und nicht nur die. Als Selbstständiger zählt er ohnehin zu jenem Drittel der 700 Völklinger, denen die fehlende Frau im Gegensatz zu angestellten Mitgliedern jenseits fester Hierarchien Probleme bereitet. Sein Erfolg macht zudem ungleichbehandlungsresistent. Bernd Schachtsiek bekam ihn förmlich in die Wiege gelegt. Als der Jurist nach dem 2. Staatsexamen auf Drängen des Vaters in den Bielefelder Familienbetrieb einstieg, war Opas kleine Maschinenbaufabrik dank lukrativer Erfindungen von der Schokoladenpapierprägung über Perforationstechniken bis hin zum bahnbrechenden Rubbellos zur ORO-Druck gewachsen. Weil aber ein Großkunde nicht zahlen konnte, strich Sohn Bernd 1977 Promotion und BWL-Diplom, kaufte sich mit dem Bausparvertrag in die Firma ein und lieh sich gleich noch 100.000 Mark von der Mutter, um damit 50 Prozent des säumigen Schuldners zu erwerben: die Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD).

Es war sein Einstieg in die Fortbildungsbranche und die beschleunigte fortan den Aufstieg des Jungunternehmers immens. Kaum 30, sanierte er in fünf Jahren beide Häuser, expandierte fleißig, gründete 1994 gemeinsam mit der Klett AG die Deutsche Weiterbildungsgesellschaft (DLG), die sich bald darauf Deutschlands größte Fernschule ILS einverleibte, und stand bei seinem Ausstieg aus der Geschäftsführung vor zehn Jahren dort, wo es für VK-Mitglieder in Toleranzfragen sauerstoffarm ist: ganz oben. Seine Geschäfte hätten ihn wohlhabend gemacht, das weiß er. „Manche würden sogar sagen: reich.“

Ein gutes Polster für die florierende Schachtsiek Beratung in der Landeshauptstadt, mit der er nun vor allem am Weiterbildungsmarkt sein Geld verdient, dank einiger Geschäftsführungen und Beteiligungen sogar viel Geld. Geld genug, um nebenbei in Bio-Bäckereien, Weingüter, die Kommunikationsbranche und Luxusimmobilien zu investieren. Eine davon bewohnt er selbst. Schachtsiek nennt sie „mein geschrumpftes Schloss Schwanstein“. Während sein Büro dort ist, „wo ich mein Notebook aufschlage“, ist sein Chalet ein fester Halt für den Globetrotter und seinen langjährigen Freund, einen Friseur. Ausgerechnet, sagt Schachtsiek und muss selber lachen: dieser Millionär ohne Spekulationseinkünfte, herkunftsbegünstigt und doch mehr als bloß Erbe. Ein kultivierter Opernliebhaber sei er, der auch mal Schwulenwitze reißt. Porschefahrer mit „Aversion gegen Schickimicki“, Arbeitsamer Genießer, der gutes Essen schätzt und guten Wein. So sehr, dass beim Heilfasten auf Mallorca unlängst elf überzählige Kilo purzelten.

Bernd Schachtsiek ist der Gegenbeweis vieler Klischees und ihr Beleg gleichermaßen: Der traditionsbewusster Veränderer überreicht Bremens 2. Bürgermeisterin bei der Grußrede zum Verbandstag – „da bin ich konservativ“ – galant Blumen, legt aber bei öffentlichen Reden durchaus die Federboa über den Zweiteiler mit Krawatte, kauft für eine Präsentation der Deutschen Bahn – „mit 16 Beamern und Teilwaggons“ – ein ganzes Gebäude in Qatar und in New York ein Penthouse, um dem Parkett der Met nah zu sein. Schachtsieks Credo ist ein Mix aus Savoir Vivre und fast protestantischem Ethos, Kompromiss und Alleingang, Härte und Empathie. Fußball interessiert ihn auch noch. Und über allem schwebt seine Kraft, physisch, geistig, zielgerichtet.

Exbundesjustizministerin Brigitte Zyprie lobt ihn als „Macher der Probleme anpackt und nicht lang fackelt“. Einer, „der der Gesellschaft unbedingt etwas von seinem Erfolg zurückgeben will“, wie es sein früherer Verbandsassistent Steffen Westermann formuliert. „Ein väterlicher Typ“, befindet Mercedes Rodriguez Garcia-Gutierrez vom lesbischen VK-Pendant Wirtschaftsweiber, der „viel sehr Platz einnimmt, ohne alle zu verdrängen“. Einschätzungen, die von Respekt zeugen, der Anerkennung seines Ehrenamts als Netzwerker, als Kämpfer für seinesgleichen und ein Klima allseitiger Achtung. Aber wie einer nach der anderen das „Alphatier“ in ihm orten, wie sie es an die „Spitze der Bewegung“ setzen (Zypries), „Selbstverliebtheit“, gar „Beratungsresistenz“ monieren (Westermann), mehr Augenhöhe mit, mehr Angebote an Mitstreiter(innen) fordern (Garcia-Gutierrez), spürt man auch die Ambivalenz seiner Person und deren Aufgabe.

Denn es ist eine Gratwanderung, die Bernd Schachtsiek vornimmt. Als Mann und Manager, mehr aber noch als Vermittler und Angehöriger einer Gruppe, der das Vorurteil weiche Seiten andichtet, die im harten Kampf der Wirtschaft Punkte kosten. In Bremen, unter Freunden, herzt er fast jeden Gast, Küsschen links, Küsschen rechts, zwanglose, wenn man denn so will: schwule Gepflogenheiten. Im sexuell identitätsneutralen „Aktionskreis Leistungsträger“ aber, im beruflichen Tagesgeschäft, bei der Verbandsbürokratie, da verhalte sich sein Ex-Chef aus Sicht Steffen Westermanns zuweilen „heterosexueller als mancher Hetero“.

Vielleicht ja auch, weil der „westfälische Dickschädel“ als Unternehmer ein Schnellstarter war, in Identitätsdingen hingegen ein Spätzünder. Mit 22 hat er geheiratet, fünf Jahre darauf einen Sohn bekommen und wurde sich nach dem 10. Hochzeitstag seiner Homosexualität bewusst. Es folgten schmerzhafte Jahre, umwälzende, selbstzerstörerische, aber auch heilsame. Denn ohne diesen Bruch in der Biografie, bekennt das FDP-Mitglied in seiner offenen Art, „wäre ich ein selbstherrlicher Konservativer geworden“. Und ohne die Hilfe seiner Frau, fügt der hingebungsvolle Vater hinzu, „ein – mit Verlaub – borniertes Arschloch“.

So wurde er zum gewordenen Schwulen mit Familienanschluss, den man auch im eigenen Betrieb akzeptieren konnte, weil man ihn ja anders, heterosexuell, kannte. Dabei will Bernd Schachtsiek doch vor allem eines sein: normal. Er betont es immer wieder, es ist sein Selbstverständnis. Als Vertreter einer Randgruppe komme man so einfach weiter. Und als Unternehmer? „Kann man sich keine Dogmen leisten.“ Es gehe ums Geld. „Moral spielt in der Wirtschaft oft keine Rolle.“ Und auch wenn ihm hier ein „leider“ entfährt, genieße er dort Höchstleistungen. Auch deshalb wird der VK ihn im Herbst wohl wieder zum Vorsitzenden wählen, nach neun Jahren im Verband und zwei an der Spitze. Denn ja, er sei ein Macher, einer, der anpackt, sich einmischt. Alphatier sagt er nicht. Die Hand bleibt trotzdem fern vom Dekolletee.

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