Dieter Meier: Yellow & Solo

MeierAlles aus dem Chaos

Wie er so mit dem berühmten Halstuch unterm Jackett vor einem sitzt, das eisgraue Haar zurückgegelt, könnte man in Ehrfurcht erstarren: Dieter Meier ist nach Hamburg gekommen und hat sein erstes Solo-Album dabei. Es heißt „Out of Chaos“ und wurde überwiegend auf der argentinischen Farm des Yello-Sängers von fast 70 Jahren erdacht. Im Interview erzählt vom Dilettantismus dahinter, was es mit dem Weltall zu tun hat und warum der Echo fürs Lebenswerk eigentlich seinem musikalischen Partner Boris Blank gebührt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Meier…

Dieter Meier: Dieter.

Dein erstes echtes Soloalbum heißt Out of Chaos. Aus welchem Chaos heraus ist es entstanden?

Aus einem pulsierenden. Chaos ist die Mother of Invention. Aus ihm entsteht einfach alles, gibt sich eine Form und löst sie irgendwann wieder auf. Ein gutes Beispiel ist das Weltall. An seinem Anfang explodierte eine Ballung von Energie, bis daraus in Millionen von Jahren Strukturen entstanden sind und nach weiteren Milliarden auch unsere Erde. Doch auch wenn sich das Ganze mit immer höherer Geschwindigkeit ausbreitet, wird es sich wieder zu einer schieren Masse zusammenziehen, die dann aufs Neue explodiert. Dieser Vorgang vollzieht sich in jedem Prozess echter Kreation.

Also auch in der Musik?

Genau. Es sei denn, man macht Schlager, richtet sich also nach Kriterien der Verwertbarkeit aus. Das folgt dann eher einem Opportunitätsprinzip. Wahre Kreativität dagegen folgt dem Prinzip, das Ungeformte zu formen und wieder zu überwinden, damit man nicht als Epigone seiner Selbst dauernd auf alten Pfaden herumtritt. Ich jedenfalls blicke nie zurück.

Auch nicht aufs eigene Werk?

Ich habe mir kaum ein fertiges Yello-Album angehört und schaue mir auch keine eigenen Filme oder Ausstellungskataloge an, weil all dies Fußspuren von gestern sind. Mir ging es nämlich nie um finale Produkte, sondern den Ausdruck meines Ganges durch die paar Zehntausend Tage Leben auf diesem Planeten. Manche Fußspuren verschwinden gleich wieder, manche bleiben länger, das ist alles nicht so wahnsinnig wichtig. Für mich sind die Produkte Ausdruck seinerzeitigen Befindlichkeiten, nicht eines erstrebenswerten Werkes.

Hat Out of Chaos trotzdem etwas mit dem bisherigen Schaffen von Dieter Meier zu tun?

Insofern, als ich mit derselben Stimme arbeite. Aber eben auf völlig andere Weise. Bei Yello bin ich zudem bloß Darsteller verschiedener Charaktere, deren Klangkörper durch die Arbeit von Boris Blank schon zu 80 Prozent bestehen. Sie funktionieren wie Soundtracks nicht existierender Filme, die in mir Emotionen, Situationen auslösen. In den Szenen erfinde ich dann quasi Figuren, die ich als Schauspieler mit meiner Persönlichkeit fülle, wie ja auch jeder Geiger seinen eigenen Zugang zur Violinsonate von Beethoven findet. Aber es bleibt eine Zuarbeit. Bei Out of Chaos ist mein Zugang daher ein völlig anderer; da sitze ich irgendwo in der argentinischen Provinz.

Auf deiner eigenen Rinderfarm.

Sehr einsam. Und dann klimpere ich wochenlang auf einer alten Gaucho-Gitarre herum, ohne Verantwortung für Harmonien, nicht determiniert durch Kompositionsideen oder Inhalte. All meine Akkorde, Melodien, Wörter in nicht existierenden Sprachen sind aus diesem Chaos, dem Nichts entstanden, und vieles davon fiel mir zu wie Sternschnuppen, die mir kleine Fäden zur Hand geben, aus dem ein Gewebe entstehen kann. Als Gitarrist bin ich nämlich ein absoluter Dilettant, aber dieser winzige Urknall dehnt sich wie das Weltall zu einem Inhaltsgebilde aus, auf dem man aufbauen kann. Ich vergleiche das mit Rhizomen.

Pilzgeflechten?

Genauer: ihrem Wurzelwerk im Waldboden. Als Produkt meiner Genetik, Erfahrungen, der Persönlichkeit wächst alles, was ich tue, nur soweit es das Umfeld zulässt – Temperatur, Niederschlag, Nachbarpflanzen. Diese Haltung drückt sich darin aus, dass ich auf gar nichts, was ich je gemacht habe, auch nur die geringste Form von Stolz entwickelt habe. Meine Werke entstehen nicht auf einem erkämpften Leidensweg des Künstlers; sie sind mir passiert.

Vor allem dank Boris Blank oder?

Ja. Was er geformt hat, wirkt auf mich wie ein Gemälde, das ich betrachte. Jetzt dagegen agiere ich nicht als Schauspieler, sondern seit vielen Jahren erstmals wieder als Dieter Meier, der unter dieser Identität vor die Menschen tritt.

Aber schafft sie nicht letztlich eine ähnliche Form des Elektropop?

Anders als bei Yello finde ich solche Kategorien hier unerheblich. Ich habe den wunderbaren Produzenten Nackt, Ben Lauber und T.Raumschmiere meine Songs gegeben, um sie ihnen völlig zu überlassen. So haben Sie ohne störende Einflüsse von außen ihre eigene Klangwelt darin gefunden. Ich gebe zu, sie war mir anfangs durchaus fremd. Aber genau das habe ich daran bald geliebt: dass ich meine eigenen Lieder nochmals neu entdecken konnte.

Du sagst bewusst Lieder. Ist das die grundlegendere Unterscheidung zu Yello, wo ja vieles eher Fläche als Struktur war?

In der Tat. Diese Stücke stehen in der Tradition des Liedes in seiner ursprünglichsten Form. Es gibt Refrains, Reime, Fixpunkte, die umtanzt, umspielt werden, um immer wieder darauf zurückzukommen.

Die Frage nach dem Pop zielte auch darauf, dass der bekanntlich einem strikten Eklektizismus folgt, sich also aus dem Bestehenden nur neu konstruiert. Oder gibt es etwas wirklich Neues an dieser Musik?

Die Platte ist ja nicht wie ein Meteorit vom Himmel gefallen, sondern steht in der Tradition klassischer Liederschreiber von Schubert über Mahler bis Hugo Wolf. Aber wo gibt es denn überhaupt etwas Neues? So wie Philosophie stets ein Kommentar auf bestehendes Denken ist oder Malerei auf existierende Bilder, bedient sich auch mein Sound aus einer Schale voller Einflüsse. Interessant ist aber, wie sich die synthetischen Klänge mit der Wärme akustischer Experimente verbindet. Das finde ich trotz der langen Zeit im Geschäft zumindest originell.

Denkt man nach mehr als 40 Jahren in der Musikbranche kurz vorm 70. Geburtstag manchmal daran, dass so eine Platte eine Art finales Werk sein könnte?

Das weiß man nie so ganz, aber jemals keine Musik zu machen, ist nicht meine Absicht. Ich bin ein Transitmensch, immer unterwegs, und egal wo ich hinkomme – es stehen Instrumente bereit. Meine Tage nähern sich vor lauter Leere zwar bisweilen dem Nichts, aber sobald ich irgendwo eine Gitarre sehe, klimpere ich darauf herum. Nur die Verwertbarkeit ist mir halt völlig unwichtig. Mir ging es ja lange Zeit nicht mal um Wiederholbarkeit.

Inwiefern?

Als ich 1972, so mit 27 Jahren, meine letzte professionelle Partie Poker gespielt habe, wollten mich die Spielgötter mit dickem Gewinn in der Sucht halten. Doch ich habe wiederstanden und mir vom Geld eine tolle Akustikgitarre gekauft, fünf Saiten abgenommen und über Jahre nichts anderes getan, als die verbliebene Seite wie in der indischen Musik, wo sich alles um einen Grundton dreht, einzeln anzuschlagen und dazu undefinierbaren Gesang von mir zu geben. Das hat ein begabter Musiker von Faust gehört…

Der Krautrockband aus Hamburg?

Genau. Der nahm gerade in Norddeutschland eine Platte auf und bat mich, einen Song beizutragen. Als ich den im Studio vorspielte, bat mich der Techniker, ihn zu wiederholen. Dummerweise hatte ich noch nie etwas zweimal gespielt, weshalb ich dann wie ein Zen-Meister der Kalligrafie den Pinsel in den Topf tunkte und dechiffrierbare Schriftzeichen mit rein emotionalen Bildern oszillieren und lesbar werden ließ. Das war der Sündenfall meiner Musik, etwas Wiederholbares herstellen zu müssen. Erst ein paar Jahre nach diesem Schock bin ich mit Punk-Orchestern auf die Bühne gegangen, aber selbst dort habe ich jede Form, die ich mir im Übungsraum angeeignet hatte, sofort wieder verlassen, schlicht weil ich sie vergessen habe.

Ist das der Rote Faden durch deine Karriere – die Suche nach der Form außerhalb tradierter Strukturen?

Jedenfalls will ich mit ihr nie etwas Bestimmtes erreichen. Dass folgt meiner dilettantischen Natur und befreit mich von der Falle, im Akademischen hängen zu bleiben. Andererseits ist jeder Mensch einzigartig und erzeugt auf der Suche nach dem inneren Kind automatisch eine gewissen Originalität.

Diese Suche ist gerade erst mit dem Echo fürs Lebenswerk von Yello ausgezeichnet worden. Fühlt man sich da eher geehrt oder doch vor allem alt?

Durchaus geehrt. Die Ehre kommt aber vor allem Boris Blank zu, der im Grunde den Techno erfunden hat. Weil er kein Instrument beherrschte, aber Musik machen wollte, hat er – lange bevor es digitales Sampling gab – alle erdenklichen Geräusche auf Tonband aufgenommen und daraus Tape-Loops gemacht. Der Echo war als für den Klanggestalter Blank, nicht für den Sänger Meier. Vielleicht haben meine zugehörigen Videos zum Gesamtbild beigetragen, aber der Preis gebührt ihm. Weil wir aber beide weiterhin extrem pulsieren, um im Bild von vorhin zu bleiben, hat der Echo weder für ihn noch für mich irgendeine Nostalgie.

Das Interview ist vorab im MusikBlog erschienen: http://www.musikblog.com/2014/04/verwertbarkeit-ist-mir-voellig-unwichtig-dieter-meier-im-interview/

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