Porträt: Hoss, Eidinger, Waschke, Haberlandt

Vier gewinnen

Nina Hoss, Lars Edinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt gelten als beste Schauspieler Ihrer Generation. 14 Jahre nach ihrem gemeinsamen Abschluss zeigen sie heute (20.15 Uhr, Arte) im Drama Fenster zum Sommer, was Fernsehen kann, wenn es von der Leinwand kommt, aber nicht für den Bildschirm formatiert wurde.

Von Jan Freitag

Devid fehlt, aber eigentlich fehlt nur er. Nina, Lars, Mark und Fritzi – sie alle sind ja dabei, in diesem Drama namens Fenster zum Sommer. Und sie alle sind es in exakt jenen Rollen, die womöglich niemand besser beherrscht als dieses Quartett hiesiger Ausnahmeschauspieler: Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt. Vier Alleinstellungsmerkmale jedes Films geben also in einem einzigen: die irritierend schöne, aber seltsam spröde Enddreißigerin am Abgrund der Verzweiflung; ihren unscheinbaren, aber tiefenscharfen Freund zwischen Spießigkeit und Seitenscheitellässigkeit; seinen irritierend schönen, aber schwer durchschaubaren Nachfolger mit Hang zur Selbstüberschätzung; und die unscheinbare, aber bemerkenswerte Freundin aller ohne rechte Bindung zum Leben.

Es sind Paraderollen, die Regisseur Hendrik Handloegten seinen Hauptdarstellern auf den Leib geschrieben hat, Figuren in einer famosen Hybridproduktion – vorab gezeigt auf der Leinwand, gefertigt im Grunde für den Bildschirm. Sie handelt von Juliane (Hoss), die mit August (Waschke) einen traumhaften Sommer verbringt, bis sie im Winter zuvor an der Seite ihres Exfreunds Philipp (Eidinger) erwacht und bald ihre Freundin Emily (Haberlandt) trifft, die doch zwei Monate zuvor ums Leben kam. Daraus entwickelt sich ein fein orchestriertes, aber furioses Drama um jene Chancen, die ein Zurückdrehen der Zeit eröffnet – und verstreichen lässt. Es ist ein mystisches Melodram mit maximalem Realitätsanspruch, eine Perle deutschen Dialogkinos im Fernsehen. Kein Wunder, dass er ohne Devid stattfindet. Denn für den, Nachname Striesow, bliebe in Handloegtens Paraderollenmodell nur die Rolle des unscheinbaren, aber naiv überdrehten Kindskopfs mit Hang zur Hippeligkeit, der allerdings hier völlig fehl am Platze gewesen wäre. „Warum ist Devid nicht da?“, fragte Mark Waschke dennoch, als das Zeit-Magazin kürzlich die vier tragenden Säulen aus „Fenster zum Sommer“ interviewte und diese Frage war nur zu berechtigt. Devid Striesow, Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt sind schließlich nicht bloß Berufskollegen, es sind Absolventen desselben Jahrgangs an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch.

Im Jahr 1999 war das, nach zehn Semestern gemeinsamer Ausbildung, die – wie alle fünf minus Devid im Gespräch mit dem Wochenblatt pflichtschuldig bescheiden beteuerten – keinesfalls auf das hingedeutet hätten, was daraus geworden ist: der beste Jahrgang vielleicht, den hierzulande je eine solche Lehranstalt verlassen hat. Da summiert sich also Bemerkenswertes auf: Drei Dutzend der wichtigsten Branchenpreise im Land, für Inszenierungen, Filme und Fernsehstücke, die regelmäßig Feuilleton und Zuschauer, oft beides, zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allein die Stuttgarterin Hoss wurde bereits 1995 von Bernd Eichinger – damals noch eher aus optischen Gründen – als Edelnutte der Neuverfilmung vom „Mädchen Rosemarie“ aus der ersten Klasse abberufen und sammelte fortan für Stücke wie Medea, Filme wie Yella oder Fernsehen wie Wolfsburg als distanziert angreifbare Provinzbeauty die höchsten Trophäen. Lars Eidinger, mit 37 der Jüngste im Quintett und Ensemblemitglied an der Schaubühne seiner Berliner Geburtsstadt, gilt als größtes Theatertalent seiner Generation, wurde 2009 jedoch im unfassbaren Kammerspiel Alle anderen neben der unfassbaren Birgit Minichmayr auch dem Kinopublikum als unfassbarer Gesprächsvirtuose bekannt.

Dazu Mark Waschke, Markenkern: Nebenbuhler. Mit 41 am ältesten kam der Wattenscheider über leicht peinliche Umwege à la Alarm für Cobra 11 als letzter von allen zu inhaltlichem Erfolg, seit seinem Thomas in Heinrich Breloers Die Buddenbrooks aber mit Nachdruck und der wohl deutschesten Attraktivität seiner Branche, die ihm Mitte März im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gar einen SS-Schergen gestattet. Und Fritzi Haberlandt, noch so eine Berliner Bühnenberserkerin, Jahrgang 1975. Sie war schon Werthers Charlotte, war Wedekinds Lulu, war auch vor der Kamera oft die mal früh-, mal spätreife Jungerwachsene, was sie mit so kindlicher Inbrunst verkörpert, dass die beste Nachwuchsschauspielerin der Jahre 2000 bis 2001 wohl auch 2031 noch Teenager im Geiste darstellen darf.

Solch eine Riege in nur einem Film zu besetzen – da stellt sich nur die Frage, ob er am eigenen Anspruchsdenken scheitert oder dem der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher, wie souverän und dabei spielerisch „Fenster zum Sommer“ die Fallhöhe steht. Was vor allem daran liegt, dass Filmdialoge so brillanter Gegenwartsdarsteller gern improvisiert klingen, aber natürlich nie sind; dass sie stets die Balance halten zwischen Theatralik und Authentizität; dass sie buchstäblich spielen und dabei doch ernsthaft agieren. „Soll ich Ihnen mit dem Ding da helfen?“, sagt Waschke schüchtern, als August Juliane erstmals trifft. Ließe ein gewöhnlicher Film diese Traumfrau auf irgendwie betörende Weise antworten, sagt Hoss nur mädchenhaft „nö“ und lächelt zu Boden. Fernsehen kann so gut sein, wenn es vom Kino kommt. Mit solchen Texten. Von solchen Schauspielern.

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