WM-Reihe: Marc Bogmans Minitrikots

nederland2002Der Minimalist

Eigentlich wollte Marc Bogman normale Fußballtrikots sammeln. Weil das allerdings auf Dauer zu teuer war, wechselte der Holländer auf Miniaturausgaben. Mittlerweile hat er von den winzigen Kombinationen ein paar Tausend Stück. Und es werden fast täglich mehr…

Auch diese Wochenendreportage ist Teil des freitagsmedien-Gewinnspiels. Als Preis gibt es wie immer WM-Sammelalben von Panini samt 12 Päckchen Sticker. Die Frage steht unterm Text, der dafür genau gelesen werden sollte.

Von Jan Freitag

Als Fußballfan mit Niveau rümpft man immer die Nase, wenn sie vor einem halten: Autos, vornehmlich saubere Mittelklassewagen aus Rüsselsheim, mit kleinen Trikotsets an der Heckscheibe, direkt unterm Zusatzbremslicht. Dazu noch ein Steuern-runter-macht-Deutschland-munter-Sticker am Kofferraum und zwei Samtkissen auf der Ablage – fertig ist die Spießerkarre. Nein, solche Fanartikel kaufen sich nur Sitzplatzdauerkartenabonnenten vom Land über 50, denken Sprechchorerprobte Anhänger da gern.

Vielleicht ist an dem Vorurteil was dran, vielleicht wird der Trashfaktor auch nur unterschätzt, vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Denn der größte Miniaturtrikotfan des Universums hat kein Schrumpfjersey seines Lieblingsvereins Feyenoord Rotterdam über der Rückbank hängen. Dafür aber über 50 Stück im Wohnzimmer – umrahmt von rund 500 Exemplaren anderer Clubs. Ganz zu schweigen von all denen in Kisten, Kartons, Schubladen. Marc Bogman aus dem niederländischen ’s-Hertogenbosch hat mit locker 2500 „Football Miniatures“ von allen Kontinenten die weltweit wohl größte Sammlung. Ein paar Tausend Hemdchen samt Höschen – genauer ist die Anzahl nicht zu taxieren. Schließlich kauft Marc Bogman bei nahezu jeder Gelegenheit. „Ich investiere rund 500 Euro im Jahr“, beziffert der 51-Jährige seine Leidenschaft. Bei einem durchschnittlichen Neukaufpreis von zehn Euro ein ungebremster Wachstumsprozess.

Dabei sollte alles ursprünglich noch viel größer werden – wörtlich genommen. „Ich wolle eigentlich normale Replika-Trikots sammeln“, erinnert sich der eingefleischte Fußballfan, im Alltag Bibliothekar eines Sportverbands, an das Jahr 1995. „Die sind aber so teuer, da bin ich zu Minis gewechselt.“ Eine Milchmädchenrechnung, heißt es in solchen Fällen wohl. Denn mittlerweile hat seine Sammlung einen geschätzten Wert von weit über 15.000 Euro. Das teuerste Exponat – eine Rotterdam-Variante von 1984 – kostet allein 75 Euro. „Ein Geschenk“, meint Marc Bogman fröhlich und macht gleich darauf seinem Ärger Luft. Da es weder internationale Online-Tauschbörsen noch eine organisierte Szene gibt, schreibt er Jahr für Jahr direkt an Vereine in ganz Europa und bittet um Ergänzung seines Bestandes. Mit vorhersagbaren Ergebnissen: „Es ist eine Schande, dass fast kein Club reagiert“, ärgert er sich vor allem über die Arroganz europäischer Topclubs. Klingt ziemlich vertraut nach Alltag.

Einzig kleinere Vereine – für die der kostenlose Beitrag samt Porto oft mehr ist als ein Griff in die Portokasse – freuen sich über die Anfragen und antworten zahlreich. So haben ihm unterklassige Vereine mehrerer Länder überraschend häufig mit Sachspenden unterstützt. In seiner Sammlung fehlen Championsleaguefinalisten ebenso wenig wie ein deutscher Oberligist namens VfB Pössneck, Club Ravinala vom Inselstaat Madagaskar, Al Ahli Saudi aus ölhaltigeren Regionen oder Süd Afrikas Nationaldress.
Das Standbein seiner Kollektion aber wird von Gleichgesinnten geschient. Großartig, schwärmt Marc Bogman, „wöchentlich bekomme ich Briefe von Fans, die helfen möchten und Minis verschicken.“ Ein deutscher Hersteller tütet ihm zudem viele Neuerscheinungen ein, der Rest stammt von Fanshops, ebay und anderen Sammlern, die auf Marc Bogmans Homepage doppelte Trikots begutachten können. Und Menschen wie Bogman gibt es scheinbar in der ganzen Welt. Erst kürzlich hat er im Internet mit einem japanischen Jäger erfolgreich getauscht. Jetzt hat das Kleine Rote von den Urawa Reds selbstredend einen Ehrenplatz – nach so einer Reise!
Überhaupt die Exoten. In seinem Repertoire ist Luxemburg besser vertreten als Portugal, Uruguay zahlreicher als Spanien und einzig das fußballverrückte Australien hängt wohl auf absehbare Zeit nicht in Trikotform über seiner Couchgruppe.

Auf zehn bis zwölf schätzt Marc Bogman die Zahl „seriöser Sammler“ wie ihn selbst. Und der Rest? Kleinkollektionen, Gelegenheitskäufer, Archivare einzelner Clubs. Die meisten, meint Bogman leicht naserümpfend, haben nur ihren Lieblingsverein im Angebot. Das kann man vom Champion nicht behaupten. Sicher – Feyonoord steht ganz oben auf seiner akribisch geführten Kartei. Vor wenigen Stunden erst, berichtet Marc Bogman stolz, habe er ein Heim- und ein Auswärtshemd jenes Vereins erstanden, deren Spiele er bereits als Vierjähriger verfolgte. Doch mit mehr als 1200 Clubs und Nationalteams, mal abgesehen von Fantasietrikots im Stile von Che Guevara und WM-Merchandising, lässt seine Sammlung kaum Präferenzen erkennen. An Marc Bogmans Wohnzimmerwand – und damit auf die alphabetisch sortierte und reich bebilderte Homepage gelangt alles, was der Markt so hergibt; Hauptsache, es passt rein theoretisch einem Chihuahua und hat (außer in Mexico, wo es scheinbar nur Oberteile gibt) Hemd plus Hose.

Ob ihm denn noch ein bestimmtes „Mini-Kit mit Saugnapf“ (so der deutsche Fachtitel) fehlt? Da kriegt Marc Bogman glänzende Augen: Logisch! Und nicht nur eines. Alte Raritäten von Feyonoord, dazu River Plate und Boca Juniors aus dem Land der Gauchos, säumige Topteams wie Valencia, La Corunha oder Porto und regionale Sahnestückchen wie Wacker Burghausen, Jahn Regensburg, LR Ahlen – all dies sehnt er herbei.
Er kennt sie alle, er hat klare Vorstellungen, er liebt Trikots in Schwarz, er lobt das Design von FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf und er ist begehrt – eine Amsterdamer Sportkneipe hat mal 3000 Euro für alle geboten. Er sieht irgendwie ein bisschen so aus wie ein etwas verschrobener Sammler, mit seinem unscheinbaren Äußeren und der großen Brille. Er ist aber einfach nur ein Fan, der „irgendwas mit Fußball sammeln wollte“. Vielleicht auch, um für seine rund 1000 Scheiben starke Plattensammlung der 80er einen textilen Gegenpol zu schaffen. Dass zu seinen Leidenschaften auch Groundhopping zählt, ist da kaum noch einer Erwähnung wert. Hunderte Fotos aus 25 Ländern sind auf seiner Homepage verewigt, darunter Hong Kong und Melbourne. Ein Spießer ist Marc Bogman nicht, ein Fußballverrückter allemal.

Gewinnfrage: Aus welchem Jahr stammt Marc Bogmans teuerstes Minitrikot? Antwort an janfreitag@gmx.net

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