Nacktflirten & Fulton-Smith

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21. – 27. April

Die vergangene Fernsehwoche bot reichlich Gesprächsstoff zum Thema Sichtbarkeit. Keine allzu exklusive Nachricht in einem visuellen Medium, sicher. Und doch ist es bemerkenswert, wovon ARD und RTL mehr als üblich zeigen. Auf der gewachsenen LED-Wand im Nacken der „Tagesschau“-Sprecher etwa kann eine Osterglocke schon mal größer sein als die ganze Judith Rakers davor. Die private Konkurrenz dagegen kündigt an, das hüllenlose Tropenflirtformat „Adam sucht Eva“ von ihrer holländischen Schwester RTL 5 zu übernehmen. Wobei „sensibel mit Nacktheit“ umgegangen werde, wie der in Sachen Sensibilität führende Sender versprach. Was die Frage aufwirft, warum beim Grabe Beate Uhses er das dann sendet?

Ähnliches hatte dieser Blog jedoch auch im Fall von „Sing my Song“ geunkt – und leistet nun Abbitte: Das „Tauschkonzert“ bekannter Popstars, die gegenseitig ihr Liedgut covern, zeugt bei aller Überinszenierung von einer Liebe zur Musik, die im Fernsehen so selten geworden ist wie Heiligsprechungen. Um dem abzuhelfen, hat das ZDF gestern stundenlang von den zweier Expäpste berichtet. Und dennoch: religiöse Erbauung und leidenschaftlicher Sound bleiben aussterbende Arten im Erregungsfunk der Generation mediales Multitasking.

Da passt es ins Bild, dass ein Anachronismus grad an seine Grenzen kommt: Erstmals seit der Nullnummer verliert das bäuerlich-biedere Blut-und-Boden-Blatt „LandLust“ an Auflage. Das ist zwar auch der steigenden Zahl an Trittbrettfahrern à la „LandIdee“ geschuldet, die zugleich ihren Absatz steigern konnten. Aber immerhin – Teile der Kundschaft scheint aufzugehen, dass ihnen da Monat für Monat die identische Gemüsesuppe aufgekocht wird – was ähnlich stupide ist, als würde der „Tatort“ Woche für Woche vom SFR produziert.

Der vom Ostermontag war gewohnt betulich, erntete dafür mäßige Quoten, lässt somit aber auch Raum für Randbetrachtungen des Formats. Dass ChrisTine Urspruch, der Alberich aus Prof. Boernes Totenkeller, gerade zur Hauptfigur einer ZDF-Serie namens – bruha – „Dr. Klein“ avanciert. Dass ein Münchner Tatort-Kollege ihren schwulen Chefarzt spielt. Und dass eben jener Miroslav Nemec am Hauptarbeitsplatz endlich die ersehnte Assistentin kriegt.

TV-neuDie Frischwoche

28. – 4. Mai

Sie heißt Lisa Wagner, brilliert parallel als „Kommissarin Heller“ im Zweiten und steht dem vereinsamten Odd-Couple Batic/Leitmeyer diesen Sonntag als Analytikerin bei. Schon das ist eine Sensation – aber keine halb so große wie das, was zwei Tage zuvor auf Arte passiert: Francis Fulton-Smith alias Dr. Kleist alias Prof. Kernig in einer anspruchsvollen Rolle. Mit angefutterten 20 Kilo extra verkörpert der schlichteste aller Schnulzenstars im wahrsten Sinne des Wortes Franz-Josef Strauß, und er tut das so vorzüglich, dass Roland Suso Richters Dokudrama „Die Spiegel-Affäre“ insgesamt sehenswert wird.

Das muss erwähnt werden, weil sie ihre historische Vorlage fahrlässig auf FJS Alphatierkampf gegen seinen Kriegskameraden Rudolf Augstein (toll dargestellt von Sebastian Rudolph) reduziert. Doch so funktioniert nun mal das Unterhaltungsfernsehen zur Primetime. Da wird der Wirklichkeit regelmäßig fiktionale Grandezza verpasst, um das Pilcher-Publikum nicht zu vergraulen. Nach dem Prinzip funktioniert in gewisser Weise auch das heutige Biopic „Eine Dunkle Begierde“ (ZDF, 23.10 Uhr), in dem der furiose Michael Fassbender den Nervenarzt C.G. Jung auf sehr freie Art interpretiert. Mehr aber noch geschieht dies kurz zuvor in einem ZDF-Historiendrama, wo „Das Attentat – Sarajevo 1914“ fantasievoll vermenschelt wird. Auf anderem Weg arbeitet sich dagegen Arte am 1. Weltkrieg ab und nimmt „14 Tagebücher“ beteiligter Personen zur Basis eines Achtteilers, der ab morgen drei Dienstage bedrückend realistisch zeigt, was der Irrsinn vor 100 Jahren mit den Menschen gemacht hat.

Um den anschließenden Oberirrsinn und was davon bis heute fortwirkt, darum kümmert sich im Anschluss an gleicher Stelle Mo Asumang. Eine dunkelhäutige Reporterin – was nur von Belang ist, da sie sich in „Die Arier“ einer bizarren Gruppe nähert, die gern mal Herrenmensch spielt. Das ist oft gespenstisch, aber versprochen: Die Stumpfheit konfrontierter Rassisten garantiert neben mancher Erkenntnis auch heitere Momente. Was diese Dokumentation grundlegend von einer Krimireihe unterscheidet, die ab Samstag explizit lustig gemeint sein soll. „Friesland“ ist so flache Komödienschonkost, dass offen bleibt, warum sich Florian Lukas als Kommissar, der bei Blut – Achtung: Scherz! – stets umkippt, dafür hergibt.

Dann doch lieber Henning Baum in der 5. Staffel „Der letzte Bulle“ ab heute auf Sat1. Oder gar das RTL-Ranking „Die 25“, diesen Mittwoch „originellsten Leidenschaften“, was an Witzlosigkeit nur dadurch unterboten wird, dass die ARD das Konzept allen Ernstes kopiert. Und die Peinlichkeit wird nicht geringer, wenn sie Donnerstag vor der Tagesschau „Die zehn legendärsten Gesten aus Politik, Pop und Sport“ sucht. Gestohlen ist gestohlen. Wie John Grishams „Die Firma“, aus dessen Filmadaption RTL Nitro ab Freitag eine schnarchige Serie bastelt.

Bleibt noch die Frage, ob DSDS seinen Minusrekord von unter drei Millionen Zuschauer beim Finale am Samstag unterbietet. Und der „Tipp der Woche“. Filmisch: „Schelf“ (Mittwoch, Arte), eine Art Mysterythriller nach Juli Zeh, in der sich Mark Waschke als Physiker in seinen Parallelwelten verheddert. Seriell: „Diese Drombuschs“ (montags, 20.14 Uhr, HR), ein Stück Fernsehgeschichte der Achtziger.

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