Wallraffen & Filmnamen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Mai

Es gibt eine Szene in Der bewegte Mann, die das komplizierte Konstrukt politischer Korrektheit ganz gut verdeutlicht. „Titten“, ruft da einer in die Selbsthilfegruppe emanzipierter Geschlechtsgenossen der Comicverfilmung, „Titten, Titten, Titten!“ Und besonders die dreifache Wiederholung zeigt: man muss tabuisierte Begriffe offenbar nur mal richtig intonieren, um ihnen den Schrecken zu nehmen. So praktiziert es auch der populistische Moderator Jeremy Clarkson in seiner merkbefreiten, aber sehr beliebten PS-Show Top Gear. Seit jeher. Nun aber hat er das böse N-Wort benutzt, ganz leise nur, in einem nicht ausgestrahlten Teil der Erfolgssendung für infantile Machos mit großem Auspuff und kleinem Gehirn. Ein Skandal, ohne Zweifel. Dass die BBC ihrem Zugpferd für ein geflüstertes „Nigger“ mit Rauswurf droht, nicht aber für seinen widerlichen Sexismus, das dauernde Schießen gegen jede ökologische Moral, die Verherrlichung von Vollgas, Scheißegal und Mackertum – auch das ist ein Skandal, wenngleich ein ungesühnter. Solange die Quote stimmt…

Vielleicht sollte sich das Team Wallraff in der nächsten Folge Reporter Undercover also mal inkognito unter Tempoapostel à la Clarkson mischen und zeigen, wie wenig menschliche Intelligenz zwischen Bleifuß und Gaspedal passt. Das aber würde dem Zielgruppensender womöglich nicht die gleiche Zuschauerzahl bescheren, mit der RTL vorigen Montag Furore machte. Mehr als vier Millionen sahen, wie der Verkleidungsaktivis Missstände in Pflegeheimen aufdeckte und man muss einräumen: Wenn ein Kommerzkanal wie RTL mal eine Prise Ethik ins eigene Programm streut, hat das eine ungleich größere Wirkung aufs Publikum als bei den Öffentlich-Rechtlichen, die ja allenfalls Überzeugte überzeugen.

Das fällt umso mehr ins Gewicht, als das ZDF (das sich gerade mal wieder einen kleinen Skandal um Drehbücher des Mannes einer Redakteurin unter Pseudonym gönnt) tags drauf ausgerechnet eine Reportage zu dem Thema gebracht hat, mit dem RTL die Woche zuvor für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte. Zu dumm, dass der private Konkurrent dabei ernsthaft auf geradezu kriminelle Zustände bei einer umwelt- wie menschenverachtenden Fast-Food-Kette aufmerksam machte, was dort sogar personelle Konsequenzen nach sich zog. Die gebührenfinanzierte, staatsvertragsbeauftragte, angeblich so bedeutsame ZDFzeit dagegen brachte bei McDonalds gegen Burger King am Dienstag nichts Gehaltvolleres zustande, als die Marktführer am Klopsemarkt geschmacklich zu vergleichen. RTL ist steht zwar gerade unter Verdacht, für sein Burger-King-Bashing Geld vom Konkurrenten mit dem Mc davor kassiert zu haben, aber das wäre nicht weiter überraschend; dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sender dagegen bei derlei Schweineläden ausschließlich um den Geschmack kümmert ist – geschmacklos!

TV-neuDie Frischwoche

12. – 18. Mai

Da muss man also glatt froh sein, dass das Sachfilmformat morgen zugunsten eines belanglosen Fußballländerspiels Pause macht – sonst hätte das Zweite auf dem Sendeplatz womöglich die Live-Shows verschiedener ESC-Finales nach den Kriterien Pyrotechnik und Plastikpop verglichen. Oder die deutsche Teilnehmerin Elaiza mit Helene Fischer, deren Kirmespop im Rahmenprogramm auf der Hamburger Reeperbahn sicher mehr als den 18. Platz erreicht hätte. Oder auch, so als Anregung, die debilsten Filmtitel im hiesigen TV-Angebot. Sieger der Woche ganz klar: Die morgige Sat1-Komödie Nein, Aus, Pfui! Ein Baby an der Leine über irgendwas mit Familienhunden. Und zwar klar vor I Like the 90’s, das sich fünf Mittwoche dem ästhetisch jämmerlichsten Jahrzehnt widmet, seit man Jahrzehnten überhaupt irgendeine Ästhetik zuordnet.

Vorn dabei im Ranking der dämlichsten Sendungsnamen wäre allerdings auch Mörderische Hitze, der im krassen Gegensatz zum feinen Understatement der Spreewaldkrimis steht. Denn auch Christian Redls sechster Einsatz als Kommissar Krüger ist ja trotz aller sensorischen Reduktion ungemein eindrucksvoll und variiert sein Genre zudem sehr kreativ, indem der wunderbar schmierige Roeland Wiesnekker gleich zu Beginn als Täter feststeht. Nur ein Opfer muss sich halt noch finden lassen.

Auch Ein todsicherer Plan fällt in die Kategorie „aufdringlicher Titel“. Zumal er inhaltlich nicht ganz korrekt ist. Denn als schwäbischer Handwerker, der sich von einer betrügerischen Bank sein sauer verdientes Geld zurückholen will, indem er sie überfällt, lässt Richy Müller schon nach fünf Minuten keinen Zweifel daran aufkommen, dass der todsichere Plan garantiert in die Hose geht. Gut gespielt ist der ARD-Mittwochsfilm trotzdem und außerdem ziemlich relevant in Zeiten biestiger Banken. Da verzeiht man dem Drehbuch sogar das hanebüchene Ende.

Eine Nachsicht, die man Lars von Trier nie zuteil kommen ließe fürs Finish all seiner Filme wie Dancer in the Dark (Dienstag, 21.50 Uhr, Servus), deren fiktive Figuren grundsätzlich übel zugerichtet werden. Das widerfährt naturgemäß auch den meisten der 14 Tagebuchschreiber, mit denen Arte morgen wieder die Apokalypse des Ersten Weltkriegs erzählt. Und so richtig gut kommen auch die meisten Charaktere der schwedischen Science-Fiction-Serie Real Humans nicht aus ihrer grandiosen Geschichte um durchdrehende Haushaltsroboter nicht raus.

Was da am Donnerstag um 21.45 Uhr auf gleichem Kanal in die 2. Staffel geht, wäre also zuweilen ein Fall für den Tatortreiniger, der eineinhalb Stunden zuvor bei EinsFestival eine vegane Leiche in Hamburg entsorgt, dem Ort also, der vor 40 Jahren mal kurz zu filmischem Weltruhm kam. Womit wir beim Tipp der Woche wären: Die Akte Odessa (Montag, 23.15 Uhr, N3), wo ein hanseatischer Journalist Jagd auf untergetauchte Nazis machte – und dem Wirtschaftswunderhamburg damit ein cineastisches Denkmal baute.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s