Innovation & Strukturen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

19. – 25. Mai

Fernsehen, das war mal eine betuliche Angelegenheit. Es gab drei Programme mit täglichem Sendeschluss, also insgesamt recht wenig zu sehen, aber immerhin Menschen wie Irene Koss oder Dénes Törzs, die das wenige ansagten, weshalb man sie Ansager nannte. Erst in den 90ern, als sie vor allem Privatsendern die Werbezeit stahlen, wurden sie abgeschafft. Schade eigentlich. Dachte sich auch Tele5 und holt die Ansager zurück auf den Bildschirm, der ja jetzt hochauflösend flach ist. So weisen Leopold Hornung und Daniela Fuß künftig auf Filme wie Sharknado 2 hin, wo ein Tornado menschenfressende Haie nach L.A. spült.

Spannender als der „ganz neue Style“, den Ansager 2014 angeblich haben, wäre somit die Frage, wie sie Donnerstag das Quizduell im Ersten angesagt hätten, nachdem zwar die Interaktivität, nicht aber die Quote funktioniert hat. Mit 900.000 Zuschauern, davon nur jeder sechste unter 50, hatte die – laut Pilawa, der ARD und dem UN-Sicherheitsrat – „Revolution“ weniger als ein Fünfzehntel des DFB-Pokalfinales am Samstag zuvor. Ist aber auch ein fieser Vergleich. Fairer wäre der zur Wahlarena zwischen Martin Schulz und Jean-Claude Juncker an gleicher Stelle, die zwar ein paar mehr hatte als Pilawas Ratespiel, aber nicht mal die Hälfte der Nonnenölung Um Himmels Willen zuvor. Kicken und Klöster ziehen halt blendend. Casting dagegen nicht mehr so dolle – sogar beim Plastikkanal Pro7, wo das Wettsingen Keep Your Light Shining voll abschmierte. Die moderierende Barbiepuppe Annica Hansen war offenbar selbst Intensivnutzern zu dämlich.

Dass derlei Phrasenmiezen überhaupt einen Platz im Fernsehen haben, liegt auch an Männern wie Andreas Bartl. Als Pro7-Programmchef hat er jahrelang Künstlichkeit als Kunstform verkauft; nun wechselt er zur Konkurrenz. Und die Sprache, in der sein neuer Arbeitgeber das verkündet hat, war wie immer von Heuchelei in Worthülsen wie „neue Herausforderung“ oder „große Vorfreude“ geprägt. Wenn der Kirmesverkäufer Bartl nach zwei Jahren Selbstständigkeit also betont, wie dufte es sei, „diesen immer wieder innovativen und gut positionierten TV-Sender zu führen“ wäre das schon bei Pro7 eine lächerliche Selbstentlarvung. Aber mal ernsthaft – bei RTL2, wo der leicht seifige Medienunternehmer künftig die Geschäfte führt?

TV-neuDie Frischwoche

26. Mai – 1. Juni

An einem Montag wie diesem zum Beispiel laufen nach der Dokusoap Frauentausch um neun gleich neun Dokusoaps am Stück, bis um 20 Uhr die Karikatur einer Nachrichtensendung gen Mitternacht vier weitere Dokusoaps einleitet, von der keine einzige mit der Realität auch nur das geringste zu tun hat, aber permanent so tut, als ob. Echt innovativ, Herr Bartl! Verglichen damit gerät der Mumpitz des Muttersenders mit der überdrehten Rückschau I like the 90’s am Donnertag oder dem Finale von Let’s Dance tags drauf ja fast unterhaltsam.

Natürlich längst nicht so sehr wie Die Anstalt im, die morgen Abend beim ZDF in die Sommerpause geht. Oder der unvergleichliche Hinnerk Schönemann als Privatdetektiv Finn Zehender, der es heute im neuen ZDF-Nordseekrimi Aschberg wieder mit Provinzmorden, mehr aber noch mit einem grandiosen Drehbuch zu tun kriegt. Da paaren sich anarchischer Witz mit einer spannenden Geschichte in einer Weise, die sich Fernsehen auf dem Sendeplatz nur selten traut. Dort regiert eher historisches Entertainment der Art von Clara Immerwahr am Mittwoch im Ersten. Dabei ist es fraglos solide inszeniert, wie Katharina Schüttler als brillante Chemikerin daran zerbricht, dass sie ihr herrischer Gatte Otto Hahn nicht nur zur Hausfrau degradiert, sondern dem Giftgaseinsatz im 1. Weltkrieg den Weg bereitet. Doch dramaturgisch bleibt es eben typisch Biopic mit etwas viel Pathos und etwas wenig Wagemut.

Den kann man dagegen zwei gelungenen Dokus (ohne Seife dran) attestieren: Die Vatikanverschwörung, die heute um 22.45 Uhr im ZDF den Machenschaften einer Sekte namens Katholische Kirche auf den Grund geht, der nach geltendem Recht ein Verfahren als kriminelle Vereinigung drohen müsste. Und Mittwoch, zur besten Sendezeit auf dem ZDF-Ableger -Kultur: Punk im Dschungel über die schwäbische Band Cluster Bomb Unit, der auf ihrer Tour durch Indonesien Erstaunliches widerfährt, was auch als Wiederholung außergewöhnlich. Eher sehr gewöhnlich ist das, was Himmelfahrt passiert. Da sondern die Sender ihre üblichen Blockbuster und Quizshows ab, nur eben ganztägig. Aus dem Rahmen fällt dabei allenfalls die Fortsetzung der britischen Reihe Sherlock, wo Benedict Cumberbatch als modernisierter Detektiv endlich von den Toten aufersteht.

Zu den Toten, also vom Bildschirm Verschwundenen, gesellen sich am Freitag dagegen (vorläufig) die zwei Neuen vom Fall für zwei, der sich allerdings als fortsetzungsfähig erwiesen hat. Ob es für 30 Jahre wie beim Vorgänger Matula reicht, sei mal dahingestellt; für die Lebensdauer eines Tatort-Ermittlers könnte es aber reichen. Apropos: Der macht Sonntag für ein Fußballländerspiel Pause, womit abermals die Verlogenheit belegt wäre, mit der das Erste jede Art Innovation zu erträglicher Sendezeit unterm Verweis auf verlässliche Programmstrukturen abbügelt. Wenigstens ist auf den Tipp der Woche Verlass: Akira Kurosawas King Lear auf Japanisch Ran von 1985, Mittwoch auf Servus, leider erst nach Mitternacht.

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