Sherlock: Was deutsches TV nie könnte

Genie im Wahnsinn

Den guten alten Sherlock Holmes zum TV-Stoff zu machen, ist wenig einfallsreich. Dass die britische Serie dennoch ungebrochen brillant ist, hat auch in den drei neuen Fällen von Sherlock strukturelle Gründe.

Von Jan Freitag

Erotik kennt keine festen Regeln. Körperliche Reize können genauso antörnen wie Sinn für Humor, Makel genau wie Makellosigkeit, riesige Muskelberge exakt wie gewaltige Intelligenz. Bei Irene Adler ist es zweifellos letzteres. Vom Mund eines Freundes auf die neue Zahnbürste zu schließen, von der Hose eines Gastes auf die Zahl seiner Hunde am Arbeitsplatz, von einem epischen Zeichencode in Sekunden auf Typ, Startzeit und Zielort einer Passagiermaschine nach Baltimore, von praktisch nichts also auf fast alles – all dies erregt sie so heftig, dass es eine besonders bekannte Intelligenzbestie an ihrer Iris ablesen kann: Sherlock Holmes, der Welt brillantester Detektiv. „Intelligenz ist sexy“, sagt also die rätselhaft schöne Irene zu Beginn der 2. Staffel von Sherlock zur schön rätselhaften Titelfigur, als er mal wieder ein schier unlösbares Rätsel löst. Und weil beide (beinahe) gleich brillant sind, fordert sie ihn in einem Ränkespiel rund um den Buckingham Palace zum Duell zweier genialer Hirne. Ein Skandal in Belgravia heißt die vierte, wie immer verwirrende und doch stets fesselnde TV-Adaption von Arthur Conan Doyles Romanen. Ab morgen Abend (natürlich erst wenn Eckart vonzu Hirschhausens Stromlinienquiz die Anspruchslosen eingeschläfert hat) laufen im Ersten die lang ersehnten Teile 7 bis 9 und auch sie sind nicht nur gewohnt großartige Transfers des berühmten Privatermittlers aus dem analogen 19. ins digitale 21. Jahrhundert; vor allem sind sie ungemein britisch. Verantwortet von der BBC nämlich. Völlig folgerichtig also das Beste, was auf dem Bildschirm schlechthin denkbar ist. Folgerichtig?

Folgerichtig! Denn wenn das angloamerikanische Fernsehen fiktionale Stoffe in Serie exportiert, sind das – ob witzig, actiongeladen, gesellschaftlich relevant oder kriminologisch – meist Waren von hoher Güte. Wie Sherlock eben. Und so dürften die Elogen auch im zweiten Happen der sechs Folgen schwelgerisch ausfallen. Schon bei der ersten Hälfte reichten die Kritiken vor Jahresfrist von der „Ultima Ratio des Krimis“ (FAZ) zum „erzählerischen Sog“ (Spiegel), von „meisterhaft“ (Welt) bis „wunderbar“ (Süddeutsche). Doch erst die Relativierung des letzten Lobs setzt den Sog englischsprachiger Primetime-Reihen exakt ins Verhältnis: Wie „luzide“ diese hier sei, schrieb die SZ weiter, werde im Umfeld öffentlich-rechtlicher Wiederholungen deutlich. Denn während Sherlock als 2.0-Version alter Geschichten ständig Sehgewohnheiten bricht, steckt unser eigenes Fernsehen in der konventionellen Endlosschleife. So sehr sich ernst gemeinte Filme aus deutschen Landen international sehen lassen können, so stark fällt das Niveau schließlich im Seriellen ab. Das hat Gründe, die kaum etwas besser verdeutlicht als „Sherlock“. Wie so oft in importierten Formaten, seien sie nun aus Hollywood, England oder Skandinavien, gilt der Effekt als Hilfsmittel der Handlung, nicht als Hauptdarsteller. Es gibt bei Sherlock alles Mögliche, was überdreht, affektiert, exzentrisch und laut ist: von schrillen Tapeten über wilde Kamerazooms bis hin zu Zappelschnitten und Psychopathen; doch all die Absurditäten werden als Teil der Normalität gezeigt. Absurd wirkt darin nur die Norm, die das nicht akzeptiert.

Vergleicht man das mit deutschen Produktionen, schrumpft selbst Herausragendes zur bloßen Effekthascherei. In den Achtzigern etwa mag Kir Royal die Welt der Schönen und Reichen so sehenswert seziert haben, wie zuletzt „Im Angesicht des Verbrechens“ die Russenmafia – beide Höhepunkte hiesigen Serienfernsehens erreichen in keiner Sendesekunde die tiefgründigen Charakterzeichnungen von Sopranos oder Breaking Bad. Deutsches Fernsehen mag gesellschaftliche Mittellagen gründlich skizzieren wie Diese Drombuschs oder zeitgeschichtlich unterhalten (Weißensee) – es mangelt dabei stets an der Vielschichtigkeit menschlicher Eigenarten. Ein Regisseur wie Dominik Graf überträgt den Blick des Alltags verstörend zwar genau ins Leitmedium – wenn er Osteuropa in Berlin porträtiert, macht keine Figur darin die geringste Entwicklung durch. Der grandiose Benedict Cumberbatch dagegen – der es dank Sherlock innerhalb kürzester Zeit vom gechätzten Bühnenvirtuosen zum gefeierten Weltstar brachte – darf als selbstgerecht snobistischer Holmes unablässig überraschende Facetten offenbaren. Seine Arroganz wird plötzlich von Schwäche gebrochen, sein Verstand durch Irrtümer, die Gefühlskälte durch Hitzewallungen und alles zusammen gibt irgendwann ein geschlossenes Bild ab. Und dass man ihm mit Martin Freeman einen früheren Hobbit als Dr. Watson zur Seite stellt – in hiesigen Serien undenkbar. So wie ein Hauptdarsteller, dessen Erotik einzig aus Intelligenz erwächst, nicht aus der wohlgeformten Nase. In einer deutschen Serie wären Irene Adler und ihr Jäger Holmes bloß Freaks. In Sherlock zeigen sie uns, wie wahnsinnig die Welt um sie herum ist. Dafür sind neun Folgen längst noch nicht genug.

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