Oli Kahn: Fußballhassliebe & Fußballsidekick

Als Torwart lebst du im Tunnel

Man kann ihn mögen, man kann ihn hassen, bloß ignorieren kann man ihn nicht. Sechs seiner 26 Jahre im Profifußball kommentiert Oliver Kahn seinen Sport schon im Fernsehen und hat sich dabei fast so viele Freunde oder Feinde gemacht,  wie seinerzeit als bester Torwart der Welt. Zurzeit steht er täglich hoch über der Copacabana und erklärt ihr mit seinem meckernden Hehe die Fußball-WM in Brasilien. Interview mit einem, der polarisiert und trotzdem in sich zu ruhen scheint.

Interview: Jan Freitag

Oliver Kahn: Bitte sehen Sie es mir bitte nach, dass ich etwas müde bin; ich bin heute sehr früh aufgestanden.

freitagsmedien: Aber das ist man doch als junger Vater gewöhnt?

Das „jung“ würde ich jetzt mal in Frage stellen. Günther Netzer hat sehr richtig gesagt, dass Hochleistungssportler mit Mitte 40 schon ein bisschen älter sind als normal.

Diesen Hochleistungssport haben Sie 20 Jahre Ihres Lebens ausgeübt, bevor Sie zum Fernsehen gewechselt sind.

Was ich auch schon wieder sechs Jahre mache. Puh.

Ab wann ungefähr werden Sie mehr Sportjournalist als Exfußballer sein?

Schwer zu sagen, da ich keins von beiden wirklich bin. Ich begreife mich schon lange nicht mehr als Exfußballer und noch lange nicht als Sportjournalist, höchstens sportjournalistischer Zuarbeiter. Mit Informationen ist der Zuschauer schließlich bis zum Abwinken überversorgt; deshalb versuche ich nur, sie ein bisschen besser einzuordnen. In unserer Gesellschaft geht es mir also eher darum, Wissen zu bewerten. Das ist eine Aufgabe, die ein … ein…

Experte?

So nennt es jedenfalls das ZDF.

Vielleicht Sidekick?

Gerne! Weil der Blick auf die Vergangenheit helfen kann, die Gegenwart ein bisschen besser zu begreifen, gebe ich als solcher Einblicke in meine aktive Zeit, aber auch in fußballerische Gefühlswelten, die ich aus eigener Erfahrung schildern kann, ohne nur bestehendes Wissen wiederzukäuen.

Hat man Sie dafür als Kenner der Materie eingekauft oder doch eher als prominentes Zugpferd?

Nur als prominenter Name würden Sie in der Branche nicht lange überleben; nee – man muss schon auch was liefern.

Und das trauen die Sender offenbar vor allem Ex-Bayern zu, so viele davon mittlerweile als Experten-Sidekicks tätig sind…

Das hat aber eher damit zu spielen, dass beim FC Bayern immer nationale und internationale Topleute gespielt haben, die viel von der Welt gesehen, hochklassig gespielt, also ein großes Bild vom Fußball im Kopf haben. Umso interessanter wäre es, für diesen Job jemand aus den Niederungen des Fußballs zu nehmen.

Die dann allerdings das Rampenlicht weniger gewohnt sind als Sie.

Aber auch für mich ist es nicht so einfach, zusätzlich zu den Länderspielen jetzt auch noch alle 14 Tage Champions League in einer ständigen Live-Situation vor vielen Millionen Menschen zu machen, die Dinge blitzschnell zu erfassen und mit dem richtigen Tonfall analysieren, ohne dass die Leute einschlafen. Das kann man nicht nur, weil man schon früher öfter mal vor der Kamera gestanden hat.

Was qualifiziert Sie dann dazu?

Mehrere Faktoren. Erstens die Erfahrung aus 14 Jahren FC Bayern, da gehörte die Kamera zum Alltag. Zweitens die Weiterentwicklung, also an eigenen Fehlern zu arbeiten, ohne sich überzuanalysieren. Außerdem gibt es noch eine gewissen Routine. Da helfen meine 15 bis 20 Vorträge im Jahr auch.

Als Key-Speaker, wie es auf Ihrer Homepage so schön heißt. Würde man Sie auch ohne den Namen Kahn so oft als Redner in Wirtschaftsdingen buchen?

In meinen Vorträgen versuche ich, Parallelen zwischen Wirtschaft und Sport zu vermitteln. Und weil mein Name da für Begriffe wie Disziplin, Motivation, mentale Stärke steht, ist er nicht davon zu trennen. Das kann hilfreich sein, aber als Unternehmer auch Nachteile haben, wenn es auf bestimmten Terminen nur darum geht, mal den Oli Kahn kennen zu lernen, als etwas übers Geschäftliche. Deshalb hab ich meinen Master of Business Administration gemacht. Dennoch wäre es hanebüchen zu glauben, den Vorsprung den andere im Business haben, mit meinem Namen oder dem MBA auszugleichen. Und wenn man substanziell etwas bewirken will, ist ein Name manchmal eher Malus.

Sie waren als Fußballer auf ein Thema fokussiert und sind nun sehr breit aufgestellt. Ist das nur eine Übergangsphase, um sich irgendwann auf ein Feld zu konzentrieren?

Die Fokusverbreiterung war anfangs in der Tat die größte Herausforderung, bei der ich mich mehr denn je gefragt hatte, ob ich sie überhaupt schaffe. Als Torwart lebst du im Tunnel, jetzt bin ich da raus und genieße es sehr, nicht mehr in dieser sichtbeschränkten Welt des Fußballs zuleben. Momentan ist aber auch alles noch miteinander verzahnt. Der Begriff „selbstständig“ führt ja in die Irre: wer alles selbst macht, kriegt früher oder später Burnout. Auch ich musste erst lernen, was wichtig ist und was unwichtig, was ich gut kann und was ein anderer besser.

Können Sie Sportjournalismus denn schon so gut, dass Sie mal eine eigene Sendung machen oder ein Spiel kommentieren?

Ganz sicher nicht! Mittlerweile hab ich zwar so viel über den Fußball gelernt, worüber ich mir früher nie Gedanken gemacht hatte, dass mir ohne Fernsehen definitiv was fehlen würde. Die aktuelle Aufgabe macht mir aber vor allem Spaß – auch wenn sie mir 2008 auch helfen sollte, den Übergang in die Gegenwart zu schaffen, ohne gleich ganz den Stecker zu ziehen.

Kann man sechs Jahre später die Aufregung des Moderators und des Spielers vor einer WM vergleichen?

Nein, das sind völlig verschiedene Paar Schuhe. Schon weil sich meine Anspannung sofort auf den Bildschirm übertragen würde, gehe ich als Experte mit einer gewissen Lockerheit in so ein Turnier rein, was früher weniger einfach war. Aber das hat sich gebessert. Wenn ich verkrampft bin, kann ich nicht kreativ sein. Andererseits weiß ich genau, was in mir vorginge, wenn ich selber spielen würde, und das fühlt sich nicht immer positiv an.

Inwiefern?

Als ich 2010 mit Katrin Müller-Hohenstein das Finale Spanien gegen Holland moderiert hab, da kam mir auch mein Finale von 2002 in Japan und Südkorea ins Gedächtnis…

Wo Sie den Ball vor Ronaldos Füße fallengelassen haben.

Sehen Sie! Das kam da auch bei mir wieder hoch. Andererseits ist es gut, dass ich das aktiv vor der Kamera aufarbeiten kann. Ich habe alles verarbeitet und gehe auch deshalb entspannt an diese Aufgaben ran, weil ich mit vielen Dingen meinen Frieden gefunden habe.

Auch damit, bis heute in der Öffentlichkeit zu polarisieren.

[lacht und schweigt]

Es gab ja nur zwei Sorten von Zuschauern: Die, die Sie hassen. Und die, die Sie lieben.

Ach, das hat sich durch meine Fernsehrolle schon verändert. Mittlerweile können mir sogar Dortmund-Fans freundlich gegenübertreten, was für mich Beweis ist, dass ich den Job neutral mache, also richtig. Man kann mir nicht vorwerfen, nur der Pro-Bayern-Hansl zu sein.

Im Gegenteil – ihr alter Club kriegt das meiste Fett von Ihnen weg.

So wie Lehrerkinder immer die schlechtesten Noten von den eigenen Eltern kriegen, genau. Momentan ist es dennoch schwer, Kritikpunkte an den Bayern zu finden.

Ging es Ihnen je darum, gemocht zu werden?

Nein. Es ist nicht verkehrt, gemocht zu werden; mir ging es aber immer eher um Respekt dafür, alles mit 100 Prozent Einsatz zu tun und zwar auf einem möglichst hohen Niveau. Als Mensch gemocht werden zu wollen, ist oftmals ein verzweifelter Akt. Das schafft niemand auf Krampf. Schon gar nicht jetzt, wo es in den digitalen Medien für den kleinsten Furz einen Shitstorm gibt.

Sind die Medienfigur Oliver Kahn und der Privatmensch eigentlich deckungsgleich?

Absolut. Denn sobald ich am Bildschirm nicht mehr ich bin, bin ich nicht mehr gut. Das führt dazu, dass ich mich selbst korrigiere, sobald ich das Gefühl habe, nicht mehr authentisch zu sein. Als Fußballer gab es schon zwei Seiten; so wie ich im Spiel gegrätscht habe, war ich als Mensch nie. Heute brauche ich keine Ritterrüstung mehr.

Was sagt der Privatmensch, wer Weltmeister wird, und was sagt der ZDF-Experte im Dienste möglichst großer Euphorie des Fernsehpublikums?

Da beide deckungsgleich sind, kann ich nur mit einer Zunge tippen: Entweder Brasilien oder Deutschland. Aber das ist reines Wunschdenken. Ich habe leider keine Glaskugel.

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