Indiefriday: CYHSY, Hundred Waters

Clap Your Hands Say Yeah

Mit Understatement hat es Alec Ounsworth nie so richtig gehalten. Bereits vor neun Jahren legte der Sänger, Songwriter, Kopf und Bauch von Clap Your Hands Say Yeah seine Stimme so melodramatisch übers bandbetitelte Debütalbum, dass die wesensverwandten Waterboys dagegen klangen wie lebensbejahender Powerpop. Auch die nächsten zwei Platten hielten sich emotional selten zurück. Stets war da diese leichte Schwermut im Grundton, eine Art optimistischer Larmoyanz im Arrangement. In den besseren Momenten klang das dann wie Radiohead auf milder Partydroge. In den schlechteren wie Radiohead beim Kater danach.

Clap Your Hands Say Yeah, die Band mit einem der großartigsten Namen überhaupt, hat zum höflichen Händeklatschen schon immer weit mehr Anlass gegeben als zum Yeah-Sagen. Jetzt aber fällt auch Ersteres nicht mehr so richtig leicht. Only Run, das vierte Album nämlich, ergeht sich so in aufdringlicher Weinerlichkeit, dass man dem Titel beim Zuhören rasch Folge leisten möchte. Wenn sich Ounsworths Stimme im Auftaktstück As Always über eine jeanmicheljarreske Synthiefläche legt, zersetzt vom Hall einer Plätschergitarre im The-xx-Stil, ist das selbst in depressiver Stimmung nur schwer erträglich. Erinnert sich der Hörer auch nur entfernt an Frühlingserwachen, schütteln ihn die Fluchtimpulse.

Und zwar zehn Lieder lang, fast unentwegt. Vom seltsam U2-haften Blamelessüber Little Moments im Coldplay-Gedächtnis-Pathos bis hin zum bombastischen Titeltrack, der wie so vieles auf diesem Album versiert durchproduziert ist, aber einen Verdacht erzeugt: Viele Empfindungen, die sie wachrufen soll, sind nur Teil eines groß angelegten Plans zur emotionalen Unterwanderung, Alec Ournsworths ganz persönliche PR mit dem Subtext der Propaganda. Schließlich ist Clap Your Hands Say Yeah mehr denn je zentralistisch gesteuert. Seit dem jüngsten Wegfall zweier Mitglieder zeigt sich das gleichberechtigte Kollektiv früherer Tage zusehends als Gruppe von Begleitmusikern, die das Werk vom Boss nur erfüllen helfen. Betrachtet man nun die Entwicklung des einst recht dynamischen US-Indierocks von der Westküste unter Britpopeinfluss hin zum orchestralen Emowave voller Choräle und Geigen, aber ohne Tempo, ohne Verve, gibt das Anlass zur nächsten Spekulation: Womöglich waren Robbie Guertin (Gitarre) und Tyler Sargant (Bass) vor ihrem Abgang Reduktionskorrektive der Band, die Ounsworths Gefühligkeit ein wenig geerdet haben.

Auch ohne sie bleibt nun natürlich nicht alles mies auf Only Run. Das Ganze ist wie üblich professionell und stimmig arrangiert. Es hat seine lichten Momente, etwa die Bonusversion von Impossible Request zum Schluss. Dazu mag das Timbre nicht jedermanns Sache sein, ist aber so ungewöhnlich, dass es von Byrne bis Bowie zu Recht prominente Fans hat. Clap Your Hands Say Yeah machen ja keine Musik für jeden Geschmack in jeder Laune. Aber ein bisschen weniger schlechter Geschmack bei schlechter Laune hätte es diesmal ruhig sein dürfen.

Clap Your Hands Say Yeah – Only Run (Xtra Mile); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/06/clap-your-hands-say-yeah_18225

Hundred Waters

Manche Musik braucht einfach kein festes Schuhwerk: Flower Power und Folk, Ethno und einiges an Americana, mit oder ohne “Neo” davor, ob von Zivilisationsverdruss angetrieben oder bloß partiellem Fluchtimpuls – ein Sound aus vornehmlich hölzernen Instrumenten und naturbelassenen Stimmen wird immer Leute dazu bringen, barfuß zu tanzen. Kompliziert wird es erst, wenn der Klang elektronisch generiert wird, wenn das Gehörte also synthetisch ist und artifiziell. Im Technofach heißt das dann Goa und geht meist mit bewusstseinsverändernden Drogen einher. Aber im Pop?

Da gibt es Bands wie Hundred Waters, die so konsequent zwischen affektiert und natürlich traumwandeln, dass es einem förmlich die Schuhe auszieht. Schon das Debütalbum des Quartetts aus den Südstaaten der USA hatte vor zwei Jahren die lose Grenze zwischen Digitalität und Analogie überwunden (wie zuletzt höchstens die grandiosen Poliça hoch aus dem amerikanischen Norden) und dabei gleich noch ein vermeintlich neues Genre namens “Sound of Florida” geschaffen. Sein Nachfolger mit dem Titel Moon Rang Like a Bell aber lässt die Konturen von damals noch ein wenig weicher erscheinen, die Trennlinien unschärfer.

Es ist ein episches Synthiepopalbum, das sein Instrumentarium aus Paul Gieses elektronischen Effektgeräten und Nicole Miglis’ Keyboards plus Querflöte, aus Trayer Tryons Gitarre und Zach Tetreaults Drums im Kopf verschwimmen lässt wie betörende Einschlafmusik. Schon der Sirenengesang von Show me Love zum Auftakt erinnert an die furiose Taufszene im Coen-Film Oh Brother, Where Are Thou und legt die Messlatte des Absurden somit niedrig. Auch danach geht es in verstörender Schönheit weiter. Jedes der zwölf Stücke blickt zaghaft über den Tellerrand der eigenen Soundstruktur, was die andere Seite so treibt und entdeckt dort immer wieder etwas Neues für sich selbst.

Hundred Waters – The Moon Rang Like a Bell (!K7 Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/02/hundred-waters_18152

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