Anarchie & Seitenwechsel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Juni

Es war das aufrichtigste Wort der bisherigen WM-Übertragungen: „Nein.“ Ein Lichtfleck im Dunkel der Redundanz. „Nein.“ Ein Körnchen Wahrhaftigkeit im dauernden Drama, Drama, Drama. „Iran gegen Nigeria“, sprach die neunmalkluge Nervensäge Matthias Opdenhövel am Montag zum Co-Moderator Scholl. „Hast du dazu noch was zu sagen?“ Und der antwortete, was wie ein Damm war im Sturzbach leerer Worte: „Nein.“ Einfach so. Ach, wie würde man seinen Kollegen dies innere Nein wünschen, statt wie Wolf-Dieter Poschmann Kicker im besten Landser-Duktus „Kameraden“ zu nennen, die bei Béla Rethy „durchmarschieren“, wenn sie nicht „bei Kaffee und Kuchen“ sitzen, wofür Claus Kleber die kostbare Sendzeit des seriösen „heute-journals“ verschwendete. Da war Scholls Überflussverweigerung geradezu von anarchistischer Schönheit.

Dass die Menschen am Ende aber doch jede Quasselei klaglos erdulden, um nur die maximale Dosis WM zu erhaschen, zeigt nicht erst Deutschlands Turniereinstieg mit erwartbaren 80 Prozent Einschaltquote. Sondern mehr noch das Auftaktspiel Brasiliens, dem kaum weniger als jene 30 Millionen Zuschauer beiwohnten – Public Viewing nicht mitgerechnet. Davon profitiert auch das Restprogramm, dem im Sog des Fußballs erstaunliche Anteile zuteil werden. Etwa das „Wort zum Sonntag“, in der Halbzeitpause einer Samstagspartie.

Und so durften ein paar mehr dem beiwohnen, was sonst nur eine Handvoll Hängengebliebener um diese Zeit im wachen Zustand erleben. In diesem Fall das debile Gefasel der Frankfurter Pastoralreferentin Verena Maria Kitz, die sich über den Seitenwechsel ein paar wirre Gedanken machte. Und so gab es die Woche drauf folgerichtig einen veritablen Shitstorm zu ihren Einlassungen, doch einfach mal andere Bier holen zu lassen, statt sich mühsam aus dem Fernsehsessel zu quälen. Oder probehalber in die Favela zu ziehen, um deren Leid zu erspüren.

 

TV-neuDie Frischwoche

23. – 29. Juni

Ja, das wäre eine Möglichkeit, liebe Frau Pastoralreferentin – was immer das sein mag. Die andere ist zwar ein bisschen weniger unmittelbar, aber mindestens ebenso ergreifend. Der Overkill medialer Aufarbeitungen zum Ersten Weltkrieg geht langsam seinem Ende entgegen, da zeigt Arte endlich das Schlachtendrama schlechthin: „Im Westen nichts Neues“, heute parallel zum letzten Vorrundenmatch der Brasilianer. Zugeben, das schwarzweiß knisternde Meisterwerk wurde schon öfter gezeigt, aber noch nie mitsamt all jener Szenen, die 1930 erst der amerikanischen, dann der deutschen Zensur als wehrkraftzersetzend zum Opfer gefallen waren. Was die anschließende Doku „Geschundenes Zelluloid“ im Übrigen nochmals eingehend schildert.

Obendrauf gibt es im Anschluss sogar noch Gabriel Le Bomins preisgekröntes Regiedebüt „Die Geschichte des Soldaten Antonin“, der 2006 die Probleme heimgekehrter Krieger vor 100 Jahren zum Spielthema macht. Ansonsten heißt es im WM-Rahmenprogramm auch diese Woche: Im Ersten, Zweiten, Dritten, Privaten nichts Neues. Und falls doch, zeigt ihn die ARD lieber nach dem pappeflachen Politrührstück „Mord in bester Gesellschaft“ mit Vater und Tochter Wepper. Das weit anspruchsvollere Drama „Die Unsichtbare“ mit dem gewohnt furiosen Ulrich Noethen als berühmter Regisseur, der von einer Nachwuchsschauspielerin diabolisch Besitz ergreift, gibt es dagegen erst zur Nacht – und das obwohl der DFB sein letztes Vorrundenspiel schon um sechs hat.

Wenn dessen Schlusspfiff ertönt, kann man dafür den zweiten Noethen des Abends genießen. Als schmieriger Provinzbulle in „Das unsichtbare Mädchen, Dominik Grafs grandioser Fiktionalisierung des realen Mordfalls Peggy auf Arte. Kurz vor Ende der Geisterstunde gibt’s dann die nächste Folge vom „FilmDebüt im Ersten“, also wenn garantiert niemand mehr zusieht. Dann erzählt die türkischstämmige Schweizerin Güzin Kar in „Fliegende Fischer müssen ins Meer“ die Geschichte einer Alleinerziehenden (Meret Becker), die ihrer Tochter (Elisa Schlott) so peinlich ist, dass sie ihr einen Mann besorgt, um nicht mehr mit ihr allein sein zu müssen. Das ist dramaturgisch jetzt wenig herausragend, aber mit einem besonderen Farbkonzept erstellt, was es zumindest ästhetisch sehenswert macht.

Also beinahe neu. Ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Kommerzkanäle als solches verkaufen. Zum Beispiel wenn GNTM-Juror Jorge González ab Dienstag Allerweltsfrauen auf Vox Model-Glamour verpasst. Da ist jede Wiederholung innovativer. Etwa die „Tipps der Woche“: Mittwoch, 22.30 Uhr, RBB: Roberto Savianos Mafiaporträt „Gomorrha“ mit Laiendarstellern von 2008. Oder aus dem gleichen Jahr „Abgedreht“ mit Jack Black als Videothekar, der versehentlich alle Filmbänder löscht und mit eigener Kamera nachdreht, was selbst synchronisiert zum Herzerweichen schön ist (Mi, 2015, EinsFestival).

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s