Nation & Konterrevolution

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Juni

Wer es mit Nationalismus oder seiner unwesentlich gelasseneren Version – dem Patriotismus – hält, erlebt bei der aktuellen Weltmeisterschaft eine Art Parallelturnier. Auch das findet zwar nominell in Brasilien statt, doch nirgendwo lassen sich all die Überbietungswettbewerbe ausschweifender Vaterlandsliebe besser bestaunen als am heimischen Bildschirm. Da wird man als Zuschauer dann Zeuge von Teams, deren Ergriffenheitsgrad beim Absingen der Nationalhymne irgendwo zwischen Orgasmus und Geburtserlebnis liegt. Da bejubeln im Bierwerbespot schicke Schanzen-Hipster, die man in realen Stadien unter all den Bieder- bis Ballermannfans seltsamerweise vergebens sucht, deutsche Tore leidenschaftlicher als Sechser im Lotto. Da werden Staatsgebilde samt ihrer Insignien generell so innig gefeiert, als hätten sie in der Menschheitsgeschichte nie irgendwas Negatives wie Krieg und so Sachen provoziert. Und immer vorne dabei eine Personengruppe, besser: Spezies, die berufsbedingt zur Überparteilichkeit verpflichtet ist: Moderatoren.

Es ist eine absolute Schande für den Journalismus, wie unverschämt kritiklos Fernsehprofis unterm Deckmantel wohlfeiler Unterhaltung einen Patriotismus als Information verkaufen, der vom Nationalismus dann doch nur noch einen inneren Reichsparteitag entfernt ist. Dabei treibt er Blüten wie die der geistig offenbar schlichten Katrin Müller-Hohenstein, Hansi Flicks tolle Gesichtsbräune live zu lobpreisen, als stünde sie nicht auf der Gehaltsliste des öffentlich-rechtlichen ZDF, sondern eines Hybrids aus RTL und Bild.

Dennoch: So debil der allen Ernstes von Angesicht zu Angesicht geäußerte Satz zum morgendlichen Ablaufplan des Co-Trainers („manchmal auch ein bisschen in die Sonne? Sie haben eine tolle Farbe“) auch sein mag – er steht stellvertretend für ein Genre, das sich sämtlicher Distanz zum Berichtsgegenstand zusehends entledigt. Aber er ist auch ein Grund mehr, sich mal die Kraft der Worte jener Medien vor Augen zu halten, die Journalismus weiter als solchen betreiben. Worte wie in der Süddeutsche-Kolumne „fern gesehen“, die täglich den Irrsinn deutscher Berichterstattung mit Sätzen wie den aufs Korn nimmt, Ex-Schiri Urs Meier fordere bei seinen seltsam kurzen Auftritten zwischen den Olivers Welke & Kahn „in einer Art zeremoniellem Ritual die Einführung von Profi-Schiedsrichtern, das ZDF zeigt den nächsten Film – und schwups ist Meier wieder verschwunden wie eine Marionette“. So geht Informieren mit Unterhaltungswert.

TV-neuDie Frischwoche

30. Juni – 6. Juli

Dass das auch ohne WM geht, scheint dieser Tage allerdings unvorstellbar. Mittwoch nämlich ereignet sich zwar Außergewöhnliches: es gibt nicht ein einziges Fußballspiel von nirgendwo mit niemandem; trotzdem geben sich ARD und ZDF nicht die allergeringste Mühe, ihre freigewordene Sendezeit innovativ zu füllen. Das Erste wiederholt auf seinem wichtigsten Spielfilmplatz die muntere, aber biedere Seniorenselbstbestimmungskomödie Spätzünder mit Jan Josef Liefers als Jan Josef Liefers mit Gitarre. Das Zweite wiederholt JBK auf der Suche nach Unsere Besten als JBK auf der Suche nach Deutschlands Beste. Was ähnlich jubelpatriotisch ist wie 2003, als JBK erstmals Beliebtheit mit Güte verwechseln ließ – aber gerade deshalb natürlich ganz gut in die schwarzrotgoldene Fähnchenlaune im Land passt.

So gesehen muss man den darauf folgenden Tag schon fast als konterrevolutionär einordnen. Dort zeigt die ARD im Rahmen ihrer FilmDebüt-Reihe zwei charmante Geschichten vom Rande der Gesellschaft. Andi Rogenhagens Ein Tick anders präsentiert das Tourette-Syndrom der jungen Eva (Jasna Fritzi Bauer) nicht als arglistigen Feind, sondern leicht komplizierten Freund. Nach Mitternacht beschreibt Dan Tangs I Phone You die Irrungen Wirrungen der Generation Multimediazwang am Beispiel einer jungen Chinesin zwischen ihrer Heimat und Berlin, was zwar zuweilen etwas zuckrig ist, aber insgesamt recht schlüssig.

Alles andere als zuckrig, dafür noch schlüssiger ist dagegen der Auftakt der jahreszeitüblichen ARD-Reihe SommerKino. Darin gelingt es Meryl Streep als Die Eiserne Lady, Margaret Thatcher privat zu sezieren, ohne das politische Alphatier davor zu vergessen. Dafür gab es zu Recht Streeps dritten Oscar und vom Ersten einen erstaunlich guten Sendeplatz für gute Fiktion. Gutes Sachfernsehen gibt es gewohnt erst später, andernorts oder beides in einem. Zum Beispiel Krieg der Patente. Ein hochbrisantes Stück über Sinn und Unsinn des Erfindungsschutzes, leider morgen erst um 22.45 Uhr auf Arte. Oder auch das grandiose Naturschauspiel Operation Eisberg, gleicher Sender, fast gleiche Zeit, bloß am Freitag. Und bevor der Fußballwirbel des Viertelfinals am gleichen Tag alles in den Strudel aus Patriotismus und Freizeit zurückzieht, noch zum Tipp der Woche: Stanley Kubricks brillante Nabokovs Romanverfilmung Lolita (Mittwoch, 23.15 Uhr, 3sat) von 1962.

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