J.B. Kerner: Bestensucher & Kanteverweigerer

Ich bin eher Fernsehhandwerker

Johannes B. Kerner wird entweder geliebt oder gehasst, wobei letzteres deutlich überwiegen dürfte. Das liegt nicht zuletzt an ZDF-Shows wie Deutschlands Beste, in der JKB heute zum zweiten Mal mit demoskopisch dubiosen Methoden messen lässt, wer hierzulande am beliebtesten ist. Dass diese Art Entertainment eher harmlos ist, weiß der Moderator aus der Beamtenstadt Bonn selbst am besten. Aber die Fernsehwelt will er ja auch gar nicht mehr aus den Angeln haben, sondern im Grunde bloß seine Ruhe haben. Ein Interview über zu viel und zu wenig Fernsehpräsenz, WM-Phantomschmerzen bei der WM und warum er nicht mehr Kante zeigen will.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kerner, Ranking Shows mit besonders tollen Deutschen gibt‘s schon länger. Sie selbst haben vor zehn Jahren ja schon Unsere Besten moderiert. Was ist neu anDeutschlands Beste?

Johannes B. Kerner: Es gibt da schon Ähnlichkeiten. Aber der signifikante Unterschied ist, dass es um lebende Personen geht. Bei Unsere Besten hatten die Top10 eines gemeinsam: Sie waren allesamt tot. Helmut Kohl hatte es 2003 also nicht unter die ersten zehn geschafft, dafür aber Adenauer, Luther, Marx, Bismarck, Goethe oder Einstein. Die fallen nun als Kandidaten raus…

Und gibt es auch atmosphärische Unterschiede?

Sogar einen elementaren: Die 100 Personen, die in einer repräsentativen Umfrage ausgesucht wurden und nun online zur Wahl stehen, geben ein aktuelles Stimmungsbild wieder. Ich finde es interessant, was wir über uns denken. Und auch, ob es da in den letzten zehn Jahren Veränderungen gab, ein Sido also wichtiger geworden ist als sagen wir: Helmut Schmidt. Das ist eine ehrliche Betrachtung.

Kann sich daraus auf den harmoniefreundlichen Showsendeplätzen auch so etwas wie Konflitkpotenzial entwickeln?

Sicher, mit manchen unserer Gäste wird man trefflich über die jeweilige Auswahl streiten können – und zwar nicht nur geschmacklich, sondern auch inhaltlich. Es lässt sich doch bestens drüber debattieren, wer zum Beispiel mehr tut fürs Land – Grönemeyer oder Steinmeier? Aber streiten heißt natülich nicht, sich die Köppe einzuhauen, sondern zu diskutieren.

Mit wem zum Beispiel?

Günther Jauch ist dabei, Franz Beckenbauer auch. Hannelore Kraft, Maria Höfl-Riesch und Katharina Witt sind ebenfalls unsere Gäste. Und es wird noch so einige Überraschungen geben.

Was fasziniert das übliche Sofapersonal, vor allem aber das Publikum eigentlich so sehr an solchen Ranging Shows?

Die Menschen wollen einfach wissen, was die Mehrheit denkt. Auch um zu wissen, wo sie stehen. Ich selber finde die Mischung aus journalistischem und unterhaltsamem Charakter attraktiv.

Die aber stets auf dem Konsens der breiten Masse basiert. Müsste der Titel da nicht„Deutschlands Beliebteste“ heißen?

Eigentlich sogar „Deutschlands Bedeutendste“, aber das wäre wohl doch zu sperrig… Natürlich ist das eine Suche nach dem Massengeschmack, aber Masse ist für mich kein Schimpfwort. Und wer sagt denn, dass nicht auch Literaturnobelpreisträger ganz vorne landen? Ich kenne die Ergebnisse auch noch nicht.

Wer würde denn in Ihrem privaten Ranking dort landen?

Wenn ich meine Familie mal außen vor lasse, glaube ich, dass Politiker teilweise schlechter wegkommen, als sie es verdient haben. Lebende Politiker, die mir imponieren, zeichnen sich durch eine klare Haltung aus. Solche Leute gibt es mit Sicherheit in allen demokratischen Parteien. Aber Sie wollen sicher Namen hören…

Hauen Sie mal einen raus!

Ich schätze an Politikern, wenn sie in Zeiten der Krise auf Diplomatie setzen und nicht auf markige Sprüche. Kanzlerin Merkel und der Außenminister Steinmeier machen momentan einen besonnenen Eindruck, wie ich finde. Weil mir Haltung wichtig ist, fiele mir noch Helmut Schmidt ein; dem nehme ich ab, was er sagt, das ist aus meiner Sicht authentisch. Ich kann mich für Hildegard Hamm-Brücher begeistern, die ihrer eigenen Partie nach 70 Jahren Mitgliedschaft den Rücken kehrte.

Und wie ist es mit Fußballern?

Erfolgreicher waren zwar Beckenbauer oder Matthäus und ihre Teams von 1974 und 1990. Aber wegen ihrer besonderen Idee vom Spiel waren mir Breitner, Netzer wichtig. Und Flohe.

Bei Heinz Flohe denken Jüngere wohl eher an die Tierwelt als einen Mittelfeldspieler.

Heinz Flohe! Mittelfeldspieler des 1. FC Köln, der leider nicht gewählt werden kann, weil er voriges Jahr gestorben ist. Die Siebziger und Achtziger waren Jahrzehnte klassischer Zehner wie Overath. Um den hat Flohe herum gespielt, wechselte ständig die Position, machte einerseits die Drecksarbeit, war dabei aber unglaublich kreativ. Deswegen war Heinz Flohe immer mein persönlicher Fußballheld.

Man spürt sofort Ihre Leidenschaft, wenn es um Fußball geht. Tut es dem Sportreporter in Ihnen nicht weh, während der WM daheimzubleiben?

Da habe ich null Phantomschmerz.

Hand aufs Herz!

Es ist so! Zumal ich mich schon 2010 daran gewöhnen konnte. Ein Jahr zuvor, nachdem ich meinen glorreichen Wechsel zu Sat1 verkündet hatte, hatte mich das ZDF gebeten, zum letzten WM-Qualifikationsspiel nach Moskau zu fahren, um das neue Team mit Katrin Müller-Hohenstein so ein bisschen einzuführen. Als ich mit meinen Kindern im Stadion saß und hoch zum gläsernen Studio blickte, war ich mir nicht mehr sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nachher war ich sogar sehr sicher, dass es die falsche Entscheidung war.

Und heute?

Will ich nicht ausschließen, irgendwann mal wieder als Sportreporter zu arbeiten und werde mir nach Möglichkeit jedes Spiel der WM ansehen.

Auch nicht hinters Mikrofon, als Kommentator?

Als ich 2004 in Portugal das Viertelfinale des Gastgebers gegen England kommentiert habe, gab es Verlängerung, Elfmeterschießen, Beckham verschoss, England war mal wieder im Elferschießen raus, das Spiel war hochdramatisch und ich habe das, glaube ich, auch ganz gut kommentiert. Da rief ich am nächsten Tag meinen Chef an und sagte: ich mach Schluss! Besser als das wird es nicht mehr. Nach dem Halbfinale habe ich nicht mehr wieder kommentiert.

Sie gehören also zu jener seltenen Gattung Mensch, die tatsächlich aufhören kann, wenn es am schönsten ist?

Nicht in allen Lebensbereichen, aber damals war es so. Manchmal wird man ja auch aufgehört. Aber wenn ich mich an dieses Spiel erinnere, weiß ich, dass Kommentieren großer Spiele ein wahnsinnig intensiver Job ist. Ich könnte Ihnen noch jedes Detail, jede Szene dieses Spiels nacherzählen. Verrückt oder? Als die Partie zu Ende war und ich die Kopfhörer absetzte, war ich wie in Trance und bin erst daraus erwacht, als das Stadion quasi leer war. In anderen Bereichen hätte ich dagegen lieber mal früher aufhören sollen.

Als Showmaster etwa – oder entwickeln Sie sich da noch weiter?

Gute Frage. Als Teil des Teams mit Klopp, Meier, Beckenbauer, Kerner – in dieser Reihenfolge – hatten wir damals ein Team, das technisch und inhaltlich Maßstäbe gesetzt hat. Da ist aus meiner Sicht wenig Luft nach oben. Anders als im Showgeschäft, wo ich mich immer wieder neu auf Themen und Leute einlassen muss. Da bin ich noch nicht am Ziel.

Könnte dieses Ziel nicht auch sein, mehr Kante zu zeigen?

Inwiefern?

Sie stehen im Ruf, eher meinungsschwach und harmoniebedürftig zu sein.

Ich habe meine festen Überzeugungen und klare Vorstellungen. Aber es steckt ja schon im Begriff des Moderators, Zurückhaltung zu üben. Wissen Sie, was Pilawa wählt oder Jauch? Muss man das wissen? Das für sich zu behalten, ist – anders als im englischsprachigen Raum – Teil unserer Kultur. Ich nehme mich nicht so ernst, meine Meinung ständig publizieren zu müssen. Und mal ehrlich: dass ich damals kritisiert wurde, lag ja auch daran, dass ich früher 150 Sendungen im Jahr moderiert habe. Das bot eine ungeheuer große Angriffsfläche.

Heute sind Sie viel weniger präsent…

Ja, und wie geil ist das denn? Ich dachte vor meinem Wechsel zu Sat1, die Zuschauer folgen mir, aber das war nicht der Fall. Sie waren klüger als ich. Sat1 war beruflich ein Fehler, aber was am Ende rausgekommen ist, gefällt mir richtig gut: Ich arbeite weniger und kann mich deshalb weit intensiver mit einzelnen Sendungen beschäftigen. Ich möchte sogar sagen, dass ich inhaltlich gerade die beste Zeit meines Berufslebens habe. Ich bin nicht mehr stets auf schneller Durchreise zwischen zwei Sendungen.

Sie waren mal getrieben…?

Ja, klar. Ich wurde von der Maske ins Studio geschubst, danach zu Hause abgesetzt, um dann festzustellen: Ach ja, da sind auch noch Kinder! Ich war getrieben aufgrund der vielen Jobs, die ich nicht ablehnen konnte. Erst wurde meine wöchentliche Talkshow in eine Show umgewandelt, die vier Mal pro Woche lief, dann wurde ich zusätzlich Sportmoderator, habe das Aktuelle Sportstudio gemacht, Länderspiele, Olympia. Ich konnte einfach nicht ablehnen, weil ich alles so spannend fand. Ich hab das damals zwar gar nicht so als Belastung empfunden, denke aber rückblickend: Heute geht es mir besser. Vielleicht bin ich da ungerecht zu mir selbst und ich habe mich damals auch total geil gefühlt, aber ich war auch wie im Rausch, Teil einer perfekt geölten Maschine. Heute bin ich eher Fernsehhandwerker. Das fühlt sich erfüllender an.

Erfüllender als die Droge Fußball aus unmittelbarer Nähe zu erleben wie Sie damals?

Fußball hat schon eine enorme emotionale Sogwirkung, das erlebe ich auch zuhause. Mein Sohn sagte neulich zu mir, als der HSV haarscharf dem Abstieg entronnen ist, die Endphase des zweiten Relegationsspiels wären die schlimmsten Minuten seines Lebens gewesen. Er ist zwölf Jahre alt!

Sie selber werden bald 50. Angst?

Gar nicht. Ich hatte auch bisher keine Midlife-Crisis. Hape Kerkeling hat ja am gleichen Tag Geburtstag wie ich, am 9. Dezember 1964. Wenn ich uns beide anschaue, denke ich: Ach, eigentlich stehen wir zwei doch noch mitten im Leben.

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