Golden Pudel: Underground & Mainstream

pudel2-540x304Vernarbte Marke

Der Golden Pudel (Foto: Tobias Johanning/ZEIT) ist das Aushängeschild Hamburger Clubkultur, hat ein Problem: Wohin mit der eigenen Bedeutung für den Standort, wenn ihn die Betreibenden eigentlich untergraben wollen? Begegnung mit einer Musikinstitution zwischen Politik und PR.

Von Jan Freitag

Philosophie, philosophierte einst Platon, sei das Streben nach dem Guten, Wahren, Schönen. Kein schlechtes Ansinnen also für all jene, die die Welt ein wenig besser machen wollen und das Leben darin freier. Die Philosophie des Golden Pudel Clubs zu erfragen, scheint daher nicht vollends illegitim. Doch so leicht mag es ein Schorsch Kamerun keinem machen. „Die Frage ist unzulässig“, antwortet er auf die nach der Philosophie seiner Idee räumlich gebundenen Entertainments. „Philosophie klingt mir zu sehr nach Konzept.“ Also irgendwie bürgerlich, also angepasst, also falsch. „Wir sind bestenfalls gegenkulturell.“

Nach dieser Belehrung singt Schorsch Kamerun, der eigentlich Thomas Sehl heißt und als Sprachrohr der Goldenen Zitronen zu den Köpfen deutschen Diskurspops zählt, etwas Unverständliches vor sich hin und es wird deutlich: Dieses Epizentrum der Spaßkultur (die man hier natürlich nicht so nennen darf) zwischen Landungsbrücken und Fischmarkt 20 Jahre nach der Eröffnung zu verstehen, bedarf mehr als plakativer Begriffe. Dennoch ist Vokabelsicherheit vonnöten, Abstraktionsvermögen. Und ein dickes Fell.

Denn Kamerun kommt nicht allein, um zu erklären, was er im Grunde gar nicht erklären will, weil es sich ja von selbst erklären soll. Ralf Köster ist auch da, Charlotte Knothe und Viktor Marek: der Booker, die Geschäftsführerin und ihr Kollege. Wenn es um ihren gemeinsamen Club geht, treten die Macher des Pudel gern zu viert auf, dann fehlt eigentlich nur noch Rocko Schamoni – Mitbesitzer, Mitanarcho, Mitgesamtkunstwerk. Aber auch das anwesende Führungsquartett dieses Kollektivs Gleichberechtigter ist nicht darauf aus, PR zu machen für ihren Laden. PR gilt hier als schlecht, falsch und hässlich, das merkt man vom ersten Satz an. Nur: was gut, wahr und schön ist am Pudel, wird auch bei tieferer Betrachtung nie ganz klar.

Als er 1988 gegründet wurde, zunächst an anderer Stelle, sechs Jahre darauf dann in einem zweigeschossigen Schmugglergefängnis von Achtzehnirgendwas mit Spitzgiebel und Elbblick, gab es ja zunächst kaum Dafürs. Nur Dagegens. Gegen Mainstream, Effizienzdenken, die ganze Eventkultur am Kiez. Genauer: „Gegen das Türstehergehabe“, meint Expunk Kamerun. „Gegen nur Männer an den Plattentellern“, ergänzt Journalistin Knothe. „Gegen abtörnende Coolness“, fügt Elektromusiker Marek hinzu und macht einen Atemzug später deutlich, welches Dafür grad noch geduldet wird: „Bescheuerter Charme.“

Bescheuert heißt hier: Schiefgehkultur, Lust am Scheitern, Ziellosigkeit. Gestern Pathospop, morgen Gabbatechno, zwischendrin Dichterlesung. Bescheuert sind auch Mareks Opaschuhe zum Goldkettchen, Knothes Omakleid zur Omafrisur, Kameruns Unfrisur über beigen Bermudas – alles gewollt abtörnend im Geiste der „Anti-Optimierung“, wie man hier sagt. Alles allerdings stets auf dem Sprung, selbst Hipsteroutfit zu werden. Jeder noch so bescheuerte Charme bleibt schließlich nur solange uncool, bis Instagram und Vice daraus heißen Scheiß machen. Der graue Kiezzausel Köster meint es somit nur halb im Spaß, als er über die Klamotten seiner jüngeren Mitstreiter befindet: „Ihr seid doch Mitschuld am Schlagermove.“

So wie der Pudel längst Teil jener Gentrifizierung ist, die seine Betreiber so verachten. Es begann schon 1994. Zur Eröffnung sollte ein Dr. Schnabel irgendwas aufführen, was dann doch nicht geschah. Mehr Philosophie, Konzept, was auch immer gab es nicht im historischen Café Elbterassen. Doch die Drohung ägyptischer Flüche bei Nichterscheinen hatte das kulturell ausgehungerte Publikum links des Mainstreams erstmals ins Brachland unter der Reeperbahn gelockt. „Hier gab es ja nur tote Industrie, Nutten, Verfall“, erinnert sich Kamerun an die Umgebung. 20 Jahre nach dem nihilistischen Auftakt im Schrottgebäude füllt sie Nacht für Nacht feuchte Investorenträume.

Und mittendrin der letzte Hamburger Club von Weltruf neben dem Mojo. Bier unter zwei Euro, Eintritt nur unwesentlich höher, kaum Hartalk in der Auslage, dafür Staub aus Dr. Schnabels Zeiten. Als Gegenpol zur Generation Flatrate lässt sich das Disparate trotz Hotspot im Lonely Planet auf jedem Quadratzentimeter des wohnungswinzigen Clubs ablesen. Dass er getagt ist, greift dabei zu kurz: der Pudel ist ein einziges Tag, lückenlos bekritzelt, Charlotte Knothe sagt: „vernarbt.“ Und dann sagt die unfreiwillig hippe Frau mit Omaoutfit noch etwas viel anderes, viel Wichtigeres: „Wir alle empfinden ganz große Liebe für diesen Laden.“

Das muss man kurz zwischen Antioptimierungsformeln und der feinen Arroganz renditeferner Alternativszenen verhallen lassen: Liebe. Bei allem was der Club keinesfalls sein will und gerade dadurch unentrinnbar wird, ist das philosophische Konzept Golden Pudel vor allem ein leidenschaftsgetriebenes. Eines, das trotz Markierung auf den Touristenrouten „große Privatheit“ besitzt, wie es Viktor Marek ausdrückt, der schon Schnauzbart trug, als Hipster noch wie Babynahrung klang. Am Wochenende ist wieder Gartenfest mit Grillen, Tanzen, Rumhocken, Touris begaffen, von Touris begafft werden, wie es eben ist, wenn man heimisch ist, wo andere Pardy machen.

Schorsch heißt dort wohl wieder Thomas und Rocko Tobias. Der Aberwitz der Aufwertungsmaschine ringsum wird für ein paar Stunden vergessen und die Marke Hamburg kann alle ebenso kreuzweise wie ein Café namens Oberstübchen, das dem Club vor ein paar Jahren ungefragt aufs Dach gesetzt wurde. Lockt das pittoreske Ensemble im Landhausstil eben noch mehr Hornbrillenträger auf die Treppen mit Elbblick. Was soll’s? „Uns kriegt man hier so schnell nicht raus“, sagt Kamerun angesichts eines Pachtvertrags bis 2028. Und wenn die Stadt bis dahin doch mal aufräumen will im Filetstück? Zieht der Club weiter, zum vierten Standort. Das Leben, hieß es mal in einem Film um ausgestorbene, aber wiederbelebte Dinosaurier, findet einen Weg. Das gute, wahre, schöne sowieso.

Der Artikel ist erschienen bei Zeit-Online: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-06/golden-pudel-club-hamburg

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