Wow-Effekte & Social-Factual-Formate

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

30. Juni – 6. Juli

Jetzt ist es amtlich: Deutschlands Beste sind mit Y-Chromosom Helmut Schmidt, gefolgt von zwei weiteren Politikern a.D. (Genscher, Weizsäcker), ohne dagegen: Angela Merkel, die wie Hannelore Kraft (Platz 4) und Ursula von der Leyen (6) des Landes Geschicke aktiv betreibt. Für solche Rankings braucht das ZDF übrigens nicht mal Meinungsforschungsinstitute oder akademische Begleitung; öffentlich-rechtlich reicht da ein Johannes B. Kerner zur besten Sendezeit dicke. Kein Wunder, dass die weiblichen Top 10 neben dem Polittrio nur Entertainerinnen von Steffi G. bis Helene F. enthalten, während unter den ersten acht Kerlen allein Günther Jauch leidlich unterhaltsam ist. Und dann folgt auf dem Höhepunkt des WM-Fiebers der erste aktive Fußballer auch noch spät auf Rang 17. Er heißt übrigens weder Neuer (32) noch Lahm (46), sondern wie immer: Uwe Seeler.

Per Mertesacker stand übrigens nicht zur Wahl. Dabei hätte er gute Chancen gehabt, zwischen Schumi und Gröni im Mittelfeld zu landen, nachdem er im Interview mit dem gewohnt schlicht (nicht dämlich) fragenden Boris Büchler deutlich aggressiver zu Werke ging als im Achtelfinalspiel gegen Algerien zuvor. Was folgte, war ein statticherShitstorm – nein, nicht gegen die putzige Volte des Verteidigers („ich leg mich jetzt erstmal drei Tage in die Eistonne“), sondern die Vertreter von Büchlers Branche, die Sportlerinterviews wahlweise mit serviler Huldigung oder scheinheiliger Kritik füllen und Inhalt durch Begriffe wie „Wow-Effekt“ ersetzen.

Den erzeugte bis jetzt praktisch jede Übertragung jedes abseitigen WM-Spiels. Der unfassbare Zuschauerzuspruch gipfelte in 85,1% Sehbeteiligung beim erwähnten Achtelfinale, was jedoch auch am eklatanten Mangel an Alternativen auf anderen Kanälen lag. Zumal noch nicht lief, womit demnächst auf Quotenjagd gegangen werden soll. Zum Beispiel die neue Charmeattacke der RTL-Allzweckwaffe Guido Maria Kretschmer, der demnächst Deutschlands schönste Frau auf dem Ableger Nitro sucht. Oder der Vorabendableger des ARD-Produktes In aller Freundschaft, dem ab Herbst Die jungen Ärzte angehängt wird. Und da ist noch gar nicht von den 20 Samstagsshows die Rede, mit denen Pro7 im zweiten Halbjahr Wetten, dass…? vergessen machen will. Was konkret heißt: viel Raab, viel Joko, viel Klaas, wenig Neues.

 

TV-neuDie Frischwoche

7. – 13. Juli

Trotzdem Geiiiiiil, würde die Fechterin Britta Heidemann jubeln. Feiert sie doch im ARD-Morgenmagazin von Brasilien aus alles, was irgendwie deutsch ist. Umso erfrischender ist es, dass mit der WM am Sonntag auch die Sendezeit einsilbig überdrehter Gastmoderatoren à la Salihamdzic endet, dessen journalistischer Mehrwert trotz aller Nähe zu seinen früheren Kollegen unter dem einer besoffenen Büttenrede liegt.

Weit höher liegt er Donnerstag bei Der Rassist in uns, was dem Publikum dummerweise schon im Titel etwas zu viel Selbstkritik abverlangt, um es zu erreichen. Und wie zur Bestätigung verpasst das ZDF der Selbsterfahrungsreportage die alberne Relevanz-Chiffre „Social-Factual-Format“ und versendet sie nicht nur im Spartensender neo, sondern nach 22 Uhr, was eine Einschaltquote gen Null garantiert. Dabei mag das Experiment, drei Dutzend Probanden in ein rassistisches System vermeintlich minderwertiger Blau- und überlegener Braunäugiger einzuteilen, wissenschaftliche Schwächen haben; im Ergebnis veranschaulicht der dreistündige Versuch erschreckend, wie fix willkürliche Ausgrenzung entsteht. Und es ist nur eine Simulation.

Wie das, was RTL dem 2. WM-Halbfinale entgegensetzt, wenn dort angeblich echt Ausgegrenzte Mittwoch von den Zwegats und Poschs des Hilfsfernsehens kommerzieller Art beigestanden wird. Aber was die anderen Sender in Konkurrenz zu den vier Finalspielen bis Sonntag auch bringen – ist eh völlig egal, bei Quoten nah an den 100 Prozent. Da können wir uns gleich den Randlagen des Programms widmen, die auch ohne Weltsport chronisch unterfrequentiert wären. Eine Retrospektive des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn zum Beispiel, der es in Sachen Suspense zum legitimen Erben Alfred Hitchcocks bringt. Ab Mittwoch zeigt 3sat einige seiner Filme, erst Walhalla Rising um Mitternacht mit Mats Mikkelsen als sturmumtoster Wikinger, tags drauf das Drama FearX, in dem ein Wachmann den Tod seiner Frau nachspürt und Abgründe ihrer Existenz entdeckt, die besser unentdeckt geblieben wären.

Spürnasen anderer Art kommen dagegen ab heute auf ZDFneo zum Einsatz, genauer: abermals. Täglich um 16.45 Uhr laufen digital sanierte Doppelfolgen von Drei Engel für Charly, ein Feuerwerk zu großer Kragen und zu breiter Schläge. Stünde das Wort nicht auf dem Index des Kultivierten, man müsste es mit dessen erster Silbe umschreiben. Daher zu einem anderen „K“, dem Deutschen Kleinkunstpreis, und weil gut ist, was alliteriert: Kategorie Kabarett. Die wird heute um 21.45 Uhr bei 3sat verliehen. Und der bedeutsame Medientitel Tipp der Woche? Geht heute (ARD) an die TV-Premiere von Ziemlich beste Freunde.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s