Samy Deluxe: HipHop, Soul & Arte

Geiler Reim auf Hammer

Mit Scootershouter H.P.Baxxter moderiert gerade einer den grandiosen Summer of the 90s, der so überhaupt nicht zu Arte passt. Das war vor einem Jahr ähnlich. Damals präsentierte der Conscious-Rapper Samy Deluxe den Summer of Soul – und es war die reine Freude. Ebenso wie das Interview mit dem HipHopper made in Hamburg

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Samy Deluxe, ich wette, Sie werden gern zu ganz bestimmten Themen gefragt.

Samy Deluxe: Oh ja, Integration, Rassismus, solche Sachen.

Dann handeln wir das doch gleich zu Beginn in Stichworten ab und kommen dann zum Wesentlichen für heute – zur Musik.

Gern, nur zu.

Also: Migrationshintergrund?

Ein leeres Wort, gerade in einem Einwanderungsland wie diesen. Aber ich hab ihn, keine Frage.

Rassismus?

Gibt es komischerweise immer noch alltäglich, auch wenn Medien vor allem dann darüber berichten, falls irgendwo irgendwas oder irgendwer brennt. Wenn Thomas R. verhaftet wird, steht dahinter das Alter, wenn Mehmet R. verhaftet wird, auch dass er Türke ist. So zeigt sich Rassismus auch institutionell ständig.

Eigene Erfahrungen als schwarzer Deutscher?

Ich hatte zum Glück nie 20 Naziskins vor mir, daher eher verbaler Art. Das aber immer wieder. Ich beschäftige mich aber auch anders mit dem Thema als potenziell Betroffene sonst, da ich mich offen gegen Rassismus engagiere und mein eigenes Sprachrohr bin. Wie viel noch zu tun ist, zeigte sich ja eben bei der Vorstellung vom Summer of Soul. Da war ich der einzig dunkelhäutige Mensch unter zig Leuten im Raum, obwohl es um schwarze Musik geht.

Dienen Sie der bei Arte als Moderator, weil sie dieselbe Hautfarbe haben oder aus künstlerischen Gründen?

Ich hoffe eher letzteres, aber auch ersteres ist ja durchaus nachvollziehbar. Die hätten auch einen wie Jan Delay nehmen können, der mindestens genauso viel Ahnung von schwarzer Musik hat wie ich. Aber diese Art Minderheitenmusik von einem aus der Mehrheitsgesellschaft moderieren zu lassen – da passt einer wie ich vielleicht besser. Weiße machen doch schon alles andere in der Welt.

Was qualifiziert Sie denn inhaltlich zur Moderation?

Ich kenne jeden der Künstler, die vorkommen, und fast jeden Film, hab alle Folgen von Soul Train auf DVD, bin mit Ayo, die den Titelsong gemacht hat, befreundet und auch sonst ziemlich bewandert in diesem Genre. Da war es leicht, zuzusagen.

Zumal Sie schon Moderationserfahrung haben.

Absolut. Ich mach so was schon ewig. Auf ZDFkultur hatte ich mal eine eigene Sendung, Wo ich herkomme, ansonsten oft als Gastmoderator, zu Themen, die mich persönlich betreffen. Ansonsten steht Moderation in Deutschland ja für gar nichts mehr, die werden alle gecastet und moderieren das Zeug weg, das ihnen vorgesetzt wird.

Sie stehen hinter allem, was Sie moderieren?

Unbedingt! Ich will ja was verständlich machen, auch mir selbst. Schon bei der ersten Einarbeitung und dem kleinen Rap zur Sendung hab ich gemerkt, wie viel Spaß ich an dem Thema habe. Für eine Heimwerkersendung hätte ich bestimmt einen geilen Reim auf „Hammer“ gefunden, aber das wäre nicht ich. Außerdem finde ich es toll, dass Arte hier nicht nur ein Stück alter Kultur für neue Generationen wiederbelebt, sondern mir die Möglichkeit gegeben hat, es zu vermitteln.

Wie sind die denn auf Samy Deluxe gekommen, der ja doch eher Rapper als Souler ist?

Die haben meine One-Take-Wonders zum letzten Album gesehen: 60, 70 Zeilen live aus dem Kopf direkt in die Kamera gerappt, die Beats selbst beigesteuert und dazu noch einigermaßen cool aussehen. Das macht sonst kein Rapper der Welt und passt gut zu diesem Format.

Aber steckt bei allem Nutzen für Arte nicht auch ein wenig Selbstvermarktung da drin?

Natürlich, aber auf niedrigem Niveau. Denn Arte ist von allen Sendern, die mir so was angeboten haben, der kleinste, und dennoch der einzige, dem ich zugesagt habe. Ich hätte da die Chance zu weit größeren Selbstvermarktungsplattformen, aber die machen halt alle Bullshit.

Zum Beispiel?

Ach – Dschungelcamp, The Voice, Popstars, all so was. Aber ich stehe am Ende eben doch lieber auf der Bühne als in TV-Studios rum.

Sehen Sie denn selber fern?

Gar nicht, höchstens DVDs. Ich hab zwar einen Fernseher, der aber nicht angeschlossen ist.

Können Sie trotzdem was zum Zustand des Musikfernsehens in Deutschland sagen?

Ich weiß zumindest, dass da keine Musik mehr läuft. In Belgien, wo ich auch noch wohne, seh ich manchmal die französische Sendung Trace Urban. In Deutschland dagegen gibt’s nur Deluxe Music, wo noch richtige Clipstrecken laufen.

Den gibt’s leider nicht mehr.

Ah, sehen Sie. Deutsches Musikfernsehen ist tot.

Ist das beklagenswert?

Absolut. Es gab mal einen gemeinsamen Nenner und der hieß MTV; das haben alle Fans von Rock über HipHop bis Pop oder Techno gehört. Ohne eigene Recherche von Leuten mit echter Musikkenntnis grundversorgt zu werden, kann das Internet heute eben nicht kompensieren. Und dass man für einen Einblick ins Geschehen jetzt so sehr auf Eigeninitiative angewiesen ist, führt dazu, dass mir manche Leute auf der Straße sagen, wie geil das und das ist, von dem sie in der MTV-Zeit vielleicht gar nichts mitgekriegt hätten. Aber ebenso viele sagen: krass, ich hab seit Ewigkeiten nichts mehr von dir gehört. Machst du überhaupt noch Musik? Wo ich dann sagen müsste, Digger, ich hatte letztes Jahr ein Nummer-1-Album! Es fehlt das genreübergreifende Bindeglied der gesamten Musiklandschaft. Da geht viel Interessantes an einem vorbei. Alter, ich als Rapper hab bei MTV Heavy Metal geguckt!

Wenn das alte MTV heute einen Moderator suchen würde – wäre das was für Sie?

Na klar! Ich bin mit Yo MTV raps groß geworden, das war noch echte Subkutur. Andererseits ist auch dank MTV das Spektrum des HipHop in den Medien permanent geschrumpft, obwohl es auf der Straße zugleich ständig angewachsen ist. Gerade Fernsehen ist viel mehr Selektion als früher, alles muss in Formate passen; deshalb gibt es für Subkulturen kaum eigene Plattformen.

Sind Sie selbst nach 15 Jahren im Geschäft und vier Top-3-Alben noch Subkultur oder Ihrerseits Mainstream?

(lacht) Fiese Frage. Meine musikalische Herangehensweise ist strikt subkulturell, also nicht auf den Erfolg bedacht. Aber wenn 50.000 Leute das Ergebnis kaufen, ist das eben definitiv kein Underground.

Wie reagiert die Szene darauf, wenn einer von denen bei KiKa mitmischt oder jetzt auf Arte moderiert?

Ach, ich hör mir ja nicht alles an, was so an Blödsinn gelabert wird, und bin auch nicht der einzige Rapper, der den vielen Angeboten mal nachgeht, was anderes als HipHop zu machen. Aber es gibt natürlich gegenüber der ersten Generation deutscher Rapper mit Hintersinn ein romantisches Gefühl der ersten Stunde. Das können wir leider nicht dauerhaft bedienen. Ich entwickle mich halt genauso wie die Hörer weiter. Wenn ich bloß Dienstleister der Bedürfnisse meiner Fans wäre, kann ich auch gleich bei Penny an der Kasse stehen. Ehrlich – ich kann machen, was ich will: Heute HipHop, morgen Malen, übermorgen ein Buch, danach vielleicht was mit Film.

Kommt das alles noch?

Wer weiß, ich finde da vieles spannend. Selbst Fernsehen ist als Verbreitungsplattform grundsätzlich toll. Deshalb hätte ich auch große Lust, mal eine Talkshow zu machen. Dafür gab es sogar schon Gespräche. Und bei ZDFkultur hab ich als Finale einer fünfteiligen Deutschlandreise hier auf dem Kiez die zugehörige Talkrunde moderiert. Allerdings fehlte den Verantwortlichen dann doch der Mut, das den Revoluzzer alleine machen zu lassen. Deshalb haben sie mir noch was Öffentlich-Rechtliches zur Seite gesetzt. Die Frau war zwar ganz cool, hat aber alles verwässert. Fernsehen sollte prozesshaft entstehen, am besten nach einer Testphase im Internet. Ich find’s jedenfalls gut, dass Arte mich da jetzt mal machen lässt. Danach sehen wir mal weiter

Um dann so wie Ihr Kollege Ferris MC richtiger Schauspieler zu werden?

Hab ich von gehört. Ist davon denn mal was gelaufen?

Erfolgreich sogar. Zuletzt hat er sogar eine tragende Rolle im Tatort gespielt.

Das haben die mir auch mal angeboten. Aber als deutscher Schwarzer kriegt man eigentlich nur Drogendealer. Auf Klischees hab ich keinen Bock.

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