Matthias Brandt: Die Ruhe & der Sturm

Diese Augen

Matthias Brandt ist ein Phänomen: Der schauspielernde Kanzlersohn füllt jeden Bildschirm mit Leben – und bleibt dabei doch merkwürdig hintergründig. Wie auch im famosen Politdrama Männertreu beweist, wo er heute (20.15 Uhr) einen Verleger spielt, der zum Bundespräsidenten gemacht werden soll.

Von Jan Freitag

Wie man mit diesen Augen Ruhm erringen kann, ist ein kleines Rätsel. Ihre verquollene Faltigkeit erinnert zwar unweigerlich an den weltberühmten Stephan Derrick. Doch die melancholische Starre reduziert das Gesicht auf so wenige Ausdrücke, dass es ziemlich unscheinbar daherkommt. Schönheit, Glamour, Spannung darin zu entdecken, fällt daher schwer. Und man muss den Namen beim Betrachten schon mal kurz aussprechen, um darin, ja – ihn zu sehen: Willy, den anderen, den größeren, wohl größten Brandt überhaupt. Es ist sein Vater. Und diese Herkunft mag Garant für eine gewisse Eleganz im Umgang mit Bekanntheit sein; für eine große Schauspielerkarriere eher weniger. Nicht im Fernsehen.

Da ist es fürs Publikum ein Segen, dass der Sohn für den Exkanzler „eine große Enttäuschung“ war, wie Matthias Brandt seine Abstinenz von aller Politik beschreibt. So konnte er das verfeinern, was ihm trotz allem in die Wiege gelegt wurde: die Charakterrolle. Fein justiert, ohne Trara expressiv, frei von Imponiergehabe so präsent, dass der Bildschirm voll von ihm ist, obwohl er darauf oftmals völlig abwesend wirkt. So viel Bescheidenheit gestatten sich nur wenige in diesem Business. Welch ein Mann! Was für ein Talent!

Seines berühmten Namens hat es also nie bedurft, um erst im Theater, dann vor der Kamera die höchsten Weihen zu erhalten, Engagements an den renommiertesten Bühnen, TV-Preise in Reihe etwa und eine schier explodierende Zahl an Rollen, über drei Dutzend allein in den vergangenen drei Jahren. Umso mehr ist es eine Ironie der Geschichte, dass Matthias Brandt den Durchbruch im Fernsehen am Ende doch seinem Vater zu verdanken hatte. Besser noch: dessen Verräter. 2004, als der Nachwuchsfilmschauspieler mit über 40 Jahren im ARD-Zweiteiler Im Schatten der Macht ausgerechnet Günter Guillaume darstellte, jenen Mann, über den Papa Willy einst stürzte.

Eine Ironie des Mediums, seiner ganzen aufgeregten Oberflächlichkeit ist es hingegen, dass sich jemand mit derart unschillernder Ausstrahlung darin derart beharrlich festsetzt. Wobei es natürlich ein Wink des Schicksals ist, dabei immer wieder mal den Politikbetrieb verkörpern zu dürfen. So wie heute in Hermine Huntgeburths furiosen Drama Männertreu. Brandt spielt darin einen Frankfurter Verleger, der von seinem machtbewussten Umfeld zum Bundespräsidenten aufgebaut wird. Und wie er dabei scheitert und zugleich reüssiert, wie dieser PR-Profi namens Sahl jede Niederlage in einen Sieg verwandelt, jede Untiefe zum Aufstieg macht, wie er stets die Kontrolle im Aberwitz der repräsentativen Demokratie behält – das kann niemand spielen wie Brandt.

Dabei zeigt er seine wahre Güte eigentlich ein paar Erregungsstufen niedriger, in leichten Melodramen etwa wie Ein Sommer mit Paul, wo Brandt den Zauberer Raimund Balsam, dem der Tod seiner Frau neben dem Zaubern gleich den Rest des Lebens verleidet, bis das Verhältnis zu seinem assistierendem Sohn Paul (Max Schmuckert) darunter zu zerbrechen droht. Keine weltbewegende Geschichte. Und gezaubert wird auch nicht allzu viel. Doch wie Matthias Brandt die Traurigkeit seines Kurzsichtigen-Blicks darin tanzen lässt, wie er die Tristesse eines Gestrauchelten permanent mit Hoffnung versieht und selbst einem trinkenden, arbeitsscheuen, ausgelaugten, zynischen und partiell (auto)aggressiven Verlierertypen Restbestände von Humor entlockt, macht den Film zur eindrücklichen Studie unserer Zeit. In einer Spaßgesellschaft, die sich so hektisch amüsieren zu müssen glaubt, dass ihr ganzes aufgestautes Selbstmitleid darunter nur eruptiv entweichen kann. Oder eben stecken bleibt. Wie in Matthias Brandt. Seinen Augen. Und jeder seiner Fasern.

Dabei hat er schon mehrfach bewiesen, wie man seine Figuren fast ohne Mimik zum Leben erweckt. An der Seite Katja Flints verlieh er dem Single-Thema der Patchwork-Komödie Wie krieg ich meine Mutter groß 2004 so viel trübe Zuversicht, dass eine Fortsetzung (Väter, Mütter, Kinder) folgte. In Der Stich des Skorpions vermaß er einen früheren Stasi-Offizier mit der perfekten Mixtur aus Zerrüttung, Ballast und Stolz. Als Episodenpart von Tatort bis Nachtschicht macht er das, was ihm auch in seinen vielen Hauptrollen am besten gelingt: Aus dem Hintergrund nach vorn drängen, ohne dass es jemand merkt. Und zwar nicht selten im Dunstkreis bildschöner Frauen, die er auf subtile Art verzaubert, ohne dass es vom Drehbuch konstruiert wirkt.

Er verkörpert darin schließlich dass, was zeitgemäße Männer heutzutage auszeichnet: eine gewisse Selbstreduktion, die Bereitschaft, sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Zugleich aber jene flatterhafte Adoleszenzverweigerung, die eine ganze Generation männlicher Spielkinder auf der Flucht vor Verantwortung zwischen dreißig und fünfzig produziert hat. Als Vater seines Filmkindes Paul ist es Raimunds Magie, die seinen Unernst im Umgang mit Zukunftsfragen, Bürokratie oder Liebe definiert. Dass Kinder in Ein Sommer mit Paul allzu oft Dialoge vertonen müssen, die offenbar für Erwachsene verfasst waren, sei dem Film verziehen und Drehbuchautor Sebastian Schubert empfohlen, Kinderrollen künftig lieber für Kinderfilme zu schreiben, als seine Darsteller mit altklugen Aphorismen der Unglaubwürdigkeit preiszugeben. Aber auch hier ist es Matthias Brandt, der die Kohlen aus dem Feuer holt.

Und zwar ganz nebenbei, aus dem Hintergrund quasi, mit kleinen Gesten oder deren Unterschlagung. Wem sonst als dem Berliner von 52 Jahren könnte man fast zwei Minuten dabei zusehen, wie er an der Kamera vorbei ins Nichts blickt, um dem Brief seines Sohnes an die tote Mutter zu lauschen, ohne dabei einzuschläfern. Da darf er wie zuletzt ruhig mal ein paar anspruchslosere Rollen in seichteren Stoffen übernehmen – mit Matthias Brandt wird jede Hauptrolle zur Nebenrolle. Und umgekehrt. Das liegt nicht nur an den Augen.

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