Judith Rakers: Sachlichkeit & Glamour

Keine Pfauenräder

Seit neun Jahren spricht Judith Rakers die Tagesschau, halb so lang leitet sie an der Seite von Giovanni di Lorenzo den NDR-Talk 3 nach 9. Und seit die schöne Vollblutjournalistin aus dem eher glanzlosen Paderborn auch noch den glamourösen ESC in perfektem Französisch präsentierte, ist klar: Diese Frau kann beinahe alles. Außer kochen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Rakers, sind sie naturblond?

Sie als Blatt für Intellektuelle sprechen mich als erstes auf meine Haarfarbe an? Ja, ich bin blond, hab aber auch ein paar helle Strähnchen. Warum fragen Sie.

Spielt das Äußere in seriösen Formaten wie Tagesschau und 3 nach 9 eine Rolle?

Wäre es so, würde ich meine Haare eher dunkel färben, weil das Blonde bei Frauen noch immer mit Vorurteilen behaftet ist; meine Haarlänge und -farbe gilt manchen sogar als kommerziell, da wurde mir auch schon  nahe gelegt, sie kurz zu schneiden.

Auf die Nachrichtensprecherinneneinheitslänge in Kinnhöhe.

Richtig. Aber auch dem habe ich mich verweigert, obwohl es angeblich seriös wirkt. Hätte ich von Anfang an Boulevardjournalismus gemacht, hätte die blonde Schublade gepasst, so nicht.

Ist das Äußere für Sie von Bedeutung.

Wir reden aber nicht nur übers Aussehen?

Keine Sorge.

Die Optik spielt natürlich eine Rolle, weil ich in einem optischen Medium arbeite. In meinem Genre allerdings ist übertrieben vordergründige Optik seit jeher eher hinderlich. Anfangs habe ich mich deshalb gelegentlich aufs Optische reduziert gefühlt, aber ich habe meine Kollegen immer rasch davon überzeugt, dass Klischees bei mir nicht passen, ohne verkrampft Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Ich bin wie ich bin und wie jeder Mensch schwer mit anderen zu vergleichen..

Auch nicht mit Charlotte Roche?

Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir sind verschiedene Charaktere, haben aber beide Feuchtgebiete, nur dass Charlotte drüber schreibt, ich nicht. Wir sind berufstätig und machen einen guten Job. Wir setzen uns wissentlich der Kritik von außen aus. Und wir sind beide medienerfahren.

Sie allerdings etwas mehr.

Im Nachrichtensektor vielleicht, aber bei Viva hat sie für ihre Interviews und Gespräche sogar den Grimme-Preis gekriegt. Ein großer Unterschied ist, dass sie es beim Feuilleton leichter hat. Auf ihrer Schublade steht: hochgelobte Bestsellerautorin, bei mir herrscht relativ große Unkenntnis über meine Person als solche. Viel mehr als die Tatsache, dass ich Nachrichten spreche ist nicht bekannt, kein Werdegang, nichts über sechs Jahre Hörfunk, die Zeitungsjournalistin zuvor, mein kommunikationswissenschaftliches Studium, dass ich für der „Brigitte“ ein Format entwickelt habe. Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, wäre bekannter, dass es auch Gemeinsamkeiten mit Frau Roche gibt.

Oberflächlich wirken Sie bodenständiger.

Sehen Sie? Falsch! Charlotte ist Charlotte. Ich arbeite da nicht an Gegenentwürfen, weder zu ihr noch zu anderen, auch nicht zu ihrem Fragestil etwa.

Was kennzeichnet Ihren?

Bisher die Sachebene. Als Recherche oder drei Minuten im Studio, mit Verteidigungsminister Jung zur Kundus-Affäre oder Regisseur Hirschbiegel zu Der Untergang. Interviews zur Person, wie sie jetzt auf mich zukommen, hatte ich in den letzten 15 Jahren seltener. Insofern verlagert sich meine Tätigkeit ein bisschen. Mein Ziel ist erreicht, wenn sich Information und Emotion gleichermaßen für den Zuschauer vermitteln. Talkshows dürfen krawallig sein, wenn der Gast es hergibt, aber auch lustig oder still. Im Idealfall gibt es Tempiwechsel. Die Interaktion macht die Musik.

Und Sie moderieren nur oder gießen auch mal Öl ins Feuer oder löschen es?

Beides. Es gibt Menschen, die muss man nur anticken und sie reden, bis man sie zügelt. Anderen muss man bei der Öffnung helfen und nachgrätschen. Die Konfrontationshaltung variiert mit den Gästen.

Sie gehen keiner aus dem Weg.

Das wüssten Sie, wenn Sie mal Interviews mit mir beim Hamburg Journal gesehen hätten. Ich bin geradezu abonniert auf konfrontative Nachfragen. Aber das ist bei mir kein Selbstzweck. Ich will nicht mich gut verkaufen, sondern die Geschichte des Gastes, seine Antworten. Wie ich dabei aussehe ist mir letztlich egal, selbst wenn das ziemlich blöd ist.

Das klingt nach Kokettieren.

Ist aber ist Professionalität. Und meine Haltung. Mich machen Interviewer wahnsinnig, die sich unablässig produzieren, sogar Marotten aneignen, das ist mir zu viel Personality-Show. Man muss gelegentlich seinen Standpunkt klären, aber keine Pfauenräder schlagen.

Sehen Sie sich gern im Fernsehen?

Das tut niemand. Gelegentlich muss es sein, schon um alle paar Monate mit einem Sprechtrainer an der Präsenz vor der Kamera zu arbeiten. In der Tagesschau steh ich zum Beispiel leicht schief. Das ist nichts Schlimmes, fällt aber auf und lenkt ab. Ich kriege da viele gut gemeinte Tipps von den Zuschauern, Wärmepflaster und so.

Ist Ihnen die zusätzliche Popularität durch die Talkshow lieb?

Was Popularität betrifft, kann ich mit zehn Millionen Tagesschau-Zuschauern nicht mehr erreichen. Und wenn ich sie meiden würde, wäre ich immer noch beim Radio.

Ist 3 nach 9 der erste Schritt ins Unterhaltungsfach?

Also eine Sendung mit Schlager oder Volksmusik mache ich sicher nie. Aber wenn mir früher Unterhaltungssendungen angeboten wurden, war das für mich unvorstellbar, weil ich mir da schlichweg blöd vorgekommen wäre. Jetzt, wo ich mit 3 nach 9 informative Unterhaltung mache, fragen viele: kann die das und meinten, ich solle lieber eine Kochsendung machen. Ich. In einer Kochsendung…

Sie können nicht kochen?

Überhaupt nicht. Außerdem müsste ich da eine Rolle spielen. Ich wäre wohl professionell genug, das irgendwie hinzukriegen. Bei 3 nach 9 muss ich das eben gar nicht erst.

Nehmen wir das Thema Lifestyle, dem Sie angeblich sehr zugeneigt sind.

Was glauben Sie, was mir da schon alles angeboten wurde. Ich mache keinen Boulevard.

Weil es Ihnen zu unseriös ist?

Nein, es ist eine Facette des Lebens. titel thesen temperamente ist am Ende auch Lifestyle, da geht’s um Kunst, Kultur, Design. Wenn ich mir bei 3 nach 9 einen Jorge Gonzalez einlade, ginge es eben nicht um seinen Job als Heidi Klums Topmodel-Juror, sondern, wie er in seiner kubanischen Heimat als Homosexueller diskriminiert wurde. So lernt man neue Facetten an ihm kennen, die mir aufgefallen sind, weil ich neugierig war, als ich bei einem Abendessen mal neben ihm saß. Außerdem ist er studierter Nuklear-Ökologe, der für seine Examensarbeit Milchproben von Kühen bei Tschernobyl genommen hat. Wer würde das von dem denken? Wer Vorurteile sät, erntet nur Oberflächen.

Sind Sie auch privat so investigativ und offen?

Also wenn ich im Zug mit jemandem ins Gespräch komme, erzählen mir Frauen schon mal ihre Kriegserinnerungen, weil sie mein Interesse spüren. Das ist kein dummes Gelaber: mich interessiert immer das „Warum“. Deshalb hab ich auch Geschichte studiert.

Interesse allein reicht nicht, man braucht sprachliche Hebel, um Menschen zu öffnen.

Und da bin ich mal gespannt, ob mein Instrumentarium ausreicht. 3 nach 9 ist nicht genau mein Ding, weil ich schon jetzt darin perfekt bin, sondern weil ich das können kann. Und wenn ich so was spüre, mache ich’s auch. Das ist mein Naturell. Ich hab mal für den NDR eine Tanzshow moderiert, als ich noch relativ neu war. Da habe ich mich die ganze Zeit von außen betrachtet und fand das schrecklich. Das muss ich jetzt auch erst mal machen und sehen, ob ich in die Sendung passe. Bei meinem Mit-Moderator Giovanni di Lorenzo sagten vor 21 Jahren viele, was will der Yuppi aus München bei unserer Talkshow, jetzt fragen das andere eben zur „Tagesschau“-Tante. Wenn man mich 2020 bei Interviews weiter zuerst nach dem Haaren, statt meinem Fragestil fragt, hab ich was falsch gemacht. Jetzt wollen wir mal sehen, wie’s läuft.

Wussten Sie schon nach Ihrer ersten Sendung, dass es das ist – Ihr Ding?

Nicht direkt, aber ich habe schon in der Sendung in mich reingehorcht und gemerkt: Das fühlt sich gut an. Ich war die ganze Zeit bei mir, kein Tunnelblick, der unter großem Druck gerade bei Live-Sendungen entsteht. Und dann noch mit sieben Gästen plus Co-Moderator; man stellt manchmal eine Frage, nur um die nächste anzuschließen und plötzlich grätscht Giovanni rein und das Konzept ist dahin. Aber ich habe mich trotzdem wohl gefühlt.

Fühlte es sich auch wie ein Casting an?

Eher wie ein Gastauftritt. Aber das Feedback war sehr positiv, also haben sich auch andere wohl gefühlt. Kritik geht mir sehr nahe, negative wie positive.

Haben Sie sich als sechste Frau an di Lorenzos Seite seit Charlotte Roches Weggang im Februar als Konsenskandidatin gesehen?

Nein. Nie.

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