Falscher Thommy & echte Kampusch

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

4. – 10. August

Die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion ist in der Medienmoderne immer schwerer zu ziehen. Gerade im Entertainment bedarf es da schon eines genauen Blicks, besser noch dezidierten Hintergrundwissens, um die kleinen Betrügereien von Film und Fernsehen zu erkennen. Falsche Realität verkleidet sich hinter wackelnden Kameras zuweilen so geschickt als Mockumentary, dass bis heute viele an die Hexe in Blair Witch Project glauben. Privatsender bemühen sich mit ihrer Scripted Reality schon weit weniger um Glaubhaftigkeit, täuschen aber dennoch Millionen ihrer naiveren Zuschauer. Und dass dies selbst mit dem abgebrühteren Stammpublikum der Öffentlich-Rechtlichen möglich ist, belegte zuletzt die Schauspielsimulation von Daniela Katzenberger, der die nun ARD (gottlob) eine Fortsetzung des Pfalz-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch versagt. Oder die Betrügerei bei Kerners angeblich Besten, die sich gerde im NDR wiederholt hat. Vielleicht erklärt das die Chuzpe, mit der das Boulevardblatt Bunte vorige Woche Gottschalks Rückkehr zu Wetten, dass…? vermeldete.

Dass sich der arg offensichtliche, rasch dementierte Fake trotzdem mehr als einen Tag im Netz gehalten hat, zeigt jedoch etwas anderes als die Täuschungskompetenz selbst seriöser Medien im Bannstrahl der Erregungsökonomie: Dass der Exhumierung eines Unterhaltungsfossils so kurz nach seinem Abschied auch nur theoretische Wahrhaftigkeit beigemessen wird, heißt ja nur, dass man dem ZDF mittlerweile praktisch jede Art programmatischer Restauration zutraut. Es hätte sich also niemand ernstlich gewundert, wenn der Thommy seine lieb- und leblose Musikrevue auf RTL zugunsten der geliebten Wettcouch verlassen hätte.

Er wäre mit offenen Armen, respektablen Quoten und nicht zuletzt: fürstlichem Honorar empfangen worden. Schließlich wird simple TV-Unterhaltsamkeit längst höher dotiert als Nobelpreise, Firmenleitungen, Kanzlerschaften. Dafür lohnt sich ein Blick auf den übersteuerten US-Markt. Dort stoßen die drei Hauptdarsteller der beliebten, keinesfalls weltbewegenden Pro7-Sitcom The Big Bang Theory gerade in die Gruppe jener Serienstars vor, die eine Million Dollar verdienen. Pro Folge! Angesichts von 650.000 Dollar, die eine Werbeminute solcher Formte erzielen kann, klingt das gar nicht mal so unverhältnismäßig. Das Lebensgehalt eines Handwerkers für 45 Minuten Hintergrundlachervordergrund auch nur in Erwägung zu ziehen, grenzt aber doch spürbar an Größenwahn. Einer, der von dem eines Rupert Murdoch, dessen Übernahmeangebot von 80 Milliarden Dollar Time-Warner zum Glück abgelehnt hat, nur noch drei, vier Nullen entfernt ist.

TV-neuDie Frischwoche

11. – 17. August

Eine andere Form von Größenwahn bildet Mittwoch die Basis der ARD-Koproduktion 3096 Tage. Thure Lindhardt spielt darin den österreichischen Sklavenhalter Wolfgang Prokopil, der seine perversen Allmachtsphantasien an Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) auslebt. Es ist ein gelungenes, düsteres Stück realer Fiktion, die erstaunlicherweise nie auf Tränendrüsen drückt. Schade, dass es erst um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird. Weil es allzu starker Tobak für die Primetime ist. Aber auch, da das Erste seine Topsendzeit gern für freundliche Komödien freiräumt – sogar, wenn es wie die Ruhrpottkomödie Das Millionen-Rennen mit Peter Lohmeyer und Axel Prahl als Taubenzüchter Wiederholungen sind.

Ist vielleicht auch mal ganz angenehm, wenn einem der Filmmittwoch nicht dauernd Kindesmissbrauch und ähnliche Schläge in die Magengrube verpasst. Einerseits. Andererseits ist die Großwetterlage der ARD ja schon an den restlichen Tagen meist wolkig bis heiter. Wie am Montag, wo Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot) erneut sein Gespür für humoristischen Provinzialismus auslebt. In Wer’s glaubt wird selig versucht Gastwirt Georg (Christian Ulmen) seine verstorbene Schwiegermutter (Hannelore Elsner) mit ein paar falschen Wundern heiligsprechen zu lassen, damit sein zusehends schneefreier Wintersport- vom vatikanischen Priester (Fahri Yardim) als Wallfahrtsort anerkannt wird. Ebenso witzig, nur noch skurriler ist am gleichen Abend Puppe, Icke & der Dicke, wo es eine Blinde, ein Stummer und ein Kleinwüchsiger miteinander zu tun kriegen. Das Personal des Roadmovies lässt zwar reichlich Fremdscham befürchten. Doch siehe da: die vielen Preise fürs Regiedebüt von Felix Stienz gab es völlig zu recht.

Schade, dass es dafür vom ZDF die bemitleidenswerte Sendezeit um 0.30 Uhr gibt. So was könnte King Fußball nie widerfahren – ganz gleich, wie belanglos seine Spiele sind. Der Teufel scheißt daher diese Woche gleich zweimal auf gut gefüllte Haufen, ohne dass es sportlich um irgendwas Bedeutsames ginge: Dienstag beim Uefa-Supercup Madrid gegen Sevilla (ZDF), Mittwoch beim DFB-Supercup Bayern gegen Dortmund. Ansonsten steht die Woche vorm Bundesliga-Start im Zeichen wirklich wichtiger Wettkämpfe: Den Europameisterschaften in der Leichtathletik und im Schwimmen. Nicht ganz so wichtig ist dagegen das Ringen 15 leidlich bekannter PR-Figuren in Promi Big Brother, deren Containerbewohner niemand mit mehr als dem Intellekt einer Erdbeerbowle je kennenlernen möchte.

Zum Ausgleich für so viel Stumpfsinn empfiehlt sich eine Perle der Dokumentarfilmkunst – auch weil sie das Dokumentarfilmen selbst zum Thema hat. Montag nach der „Tagesschau“ zeigt 3sat Deutschland filmt. Eine zweiteilige Zeitreise durch ost- und westdeutsche Homevideos auf Super8 zwischen Ungarn-Urlaub und Platten-Alltag, die durch unbedingte Authentizität bezaubert. Irgendwie auch authentisch, am Ende aber eben doch Fake wie eingangs erwähnt ist der Tipp der Woche, Dienstag um 22 Uhr (BR): A Hard Days Night, bei der die Beatles 1964 brüllend komisch ihr Studio suchen, dicht gefolgt von einem schönen Porträt über George Harrison.

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