Reisereportage: Polo im Schlosshotel

polo-pferd-gut-ising-hut-180xVarElitenbreitensport

Polo ist aristokratisch wie die Treibjagd. In einem Schlosshotel am Chiemsee öffnet man sich dennoch der breiten Masse – zerlebriert aber weitherin die feinen Unterschiede.

Von Jan Freitag

Man findet heute viele Beispiele dafür, dass Kleider keine Leute machen. Luxusmarken gibt es auch von der Stange, vorsätzlich zerlumpter Radical Chic hat rote Teppiche und Designerlofts erobert. In Blankenese sitzt die Popperlocke kaum fester am Scheitel als in Marzahn. Selbst das Polohemd ist kein sicheres Unterscheidungsmerkmal mehr für Ursprung, Dasein, Ziel des Trägers. Es sei denn, man weiß es zu tragen. Und dieser Mann weiß es.

Knallpink leuchtet sein Shirt mit dem gerippten Kragen. “St. Moritz Polo World Cup on Snow” steht darunter, gleich neben einem seidenen gestickten Spieler, der übers Herz reitet. Und dann der Kragen: Er ist hochgeklappt, bis ran an die eisgraue Nackenwelle des sorgsam gegelten Haars. So sieht er aus: der echte Polohemdträger beim echten Polohemdereignis, das – Überraschung! – Polo heißt. Polo ist ein Wettkampf zweier Viererteams, die, auf Pferden sitzend, mit innerörtlicher Höchstgeschwindigkeit kleinen Plastikkugeln über ein 274 Meter langes Feld hinterherjagen und sie gelegentlich in ein fußballtorbreites Gehäuse hämmern. Vor allem aber ist Polo die aristokratischste aller Sportarten und wird in Sachen Distinktionsgewinn allenfalls übertroffen von der Treibjagd.

Wir befinden uns auf einem zauberhaften, weltentrückten Flecken inmitten der oberbayerischen Bauernwelt, auf Gut Ising. Hier findet die “Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal 2014” statt, wobei “Medium” eine Art Handicap teilnahmeberechtigter Spieler beschreibt. Das Landgut, auf dem dieses Poloturnier stattfindet, ist gut 1.200 Jahre alt, und es gibt ähnlich alte Riten wie im Polo. Hier raucht die Klientel noch Dunhill. Spreizt kleine Finger ab. Trägt Wildlederslipper. Die Uhren sind Chronometer, die Autos Karossen, die Taschen wirklich von Louis Vuitton und die Kinder Orgelpfeifenensembles mit hochgeschlagenen Polohemdkragen. polo-pferd-gut-ising-trachten-180xVar

Andernorts mögen Luxushotels ihren elitären Ruf abzuschütteln versuchen. Auf Gut Ising wird seit 100 Jahren ein Ambiente der Abschottung konserviert. Es gibt Biedermeiermöbel und Eichendielen, rissige Ölgemälde früherer Gutsherren und Originalradierungen “Österreich-Ungarischer Bauernhöfe”. Auch im 21. Jahrhundert weht ein Hauch von K.u.K.-Historie durch Gut Ising. Im Herzen mächtiger Stallungen mit Reithalle, Poloschule und Golfplatz kann man hier in Spa-Suites nächtigen, Suites mit Whirlpool, Lichtsauna und Flachbildschirmen, so groß wie Bettvorleger. Die Moderne wird hier also nicht verleugnet, aber es gibt doch auch diesen Gestus distinguierter Rückständigkeit, dafür sorgen Angestellte in Dirndl oder Janker. Sie lächeln aristokratischen Dünkel ebenso versiert weg wie die Verlorenheit jener, die hier nicht hergehören, sei es wegen des Kontostands, sei es, weil sie sich nicht hierher gehörig fühlen.

Leute wie Gerhard Mayr aus dem benachbarten Mühldorf. Der Selbstständige ist zwar kein Fremdkörper – sein Metier sind Schuhe, wenngleich günstige. Dennoch fremdelt Mayr leicht im Polo-Betrieb. “Irres Spiel”, sagt er, als ein Reiter vom Team mit dem Sponsorennamen Emirat das Siegtor schießt, “aber wer spielt sowas bloß?” Die Antwort ist: Leute, die sich bis zu sieben Pferde plus Unterhalt, Pfleger, Transport leisten können. Leute, sagt Moderator Thomsen aus der Polo-Hochburg Hamburg, “die wie ich diesen Sport lieben”. Und die “5.000 Euro pro Pferd” aufwärts übrig haben, die einfach nötig sind, will man ihn mit Ehrgeiz praktizieren. Thomsen, selbst Spieler, lächelt mild: “Das kann man sich doch leisten.”

So ticken hier viele, die sich und ihr Polo erklären. Zu gern möchte der Sport in die Breite wachsen wie zuletzt Golf. Dafür ist der Eintritt hier frei, sofern man kein VIP-Bändchen beansprucht. Dafür gibt es Kinderschminken, Bratwurst, Spieler hautnah. Als die einlaufen, werden sie von luxuriösen Sport- und Geländewagen eskortiert. Jens Thomsen ist Immobilienmakler. Überhaupt gibt es hier reichlich Architekten, Ärzte, Manager mit und ohne Adelstitel. Polo stellt sich hier dann doch eher als Breitensport für eine sehr spitze Zielgruppe dar.

Das Polohemd ist hier Freizeitdress wie Uniform gleichermaßen, für Erwachsene als Alternative zum Businessanzug, für Jugendliche als Alltagstracht – wie im Schlossinternat nebenan mit den schneeweißen Zinnen und dem Parkplatz voller anthrazitfarbener SUVs. Am Finaltag aber, während die nationale Poloelite um Ruhm und Pokale reitet, zeigt sich die regionale Standeselite von ihrer volkstümlichen Seite, ohne die standesgemäße zu vernachlässigen. Bevor Moderator Jens Thomsen die VIPs – das sind die mit dem entsprechenden Bändchen für 100 Euro, so viel feiner Unterschied muss sein – in der Pause zu Saibling aus dem nahen Chiemsee und Schaumwein aus der fernen Champagne lädt, bittet er sie zum Divot Stomping.

So treten nun Frauen mit großen Hüten das ramponierte Grün für die zweite Halbzeit platt, und ihre Stilettos, Thomsen grinst, “vertikutieren sogar noch den Rasen”. Man macht sich also durchaus schmutzig. Nicht so schmutzig wie die Aktiven in den weißen Hosen im Kontaktsport Polo, aber schmutziger als üblich in diesen Kreisen.

Als der Himmel zum Abschluss des Tages seine Schleusen öffnet, sitzt Gerhard Mayr, der Zufallsgast ohne eigene Pferde, bereits im Trockenen. So wird auch das Polohemd seines Sohns nicht nass. Auf der Brust der ortsübliche Polospieler. Wenn er ein solches Hemd trage, “musst du dir das auch mal ansehen”, habe der Vater vorab gesagt. Aber wenn das Outfit auch noch so gut passt: Spielen tun weiter andere.

Der Text ist zuvor erschienen http://www.zeit.de/reisen/2014-08/polo-bayern-gut-ising

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