Paul Kemp: Psychotricks & Trickpsychologie

Hilfe!

Zu Kommissaren, Anwälten und Ärzten gesellt sich seit einigen Wochen auch der Sozialarbeiter Paul Kemp. Mit der Realität hat Harald Krassnitzer als Mediator genannten Streitschlichter im braunen Cordanzug wenig zu tun, aber darum geht es der ARD am Dienstagabend auch nicht. Schade.

Von Jan Freitag

Mediatoren sind scheue Wesen. Zur Konfliktlösung irgendwie zerrütteter Parteien engagiert, halten sie sich berufsbedingt im Hintergrund. Schließlich sollen Mediatoren vermitteln, nicht mitmischen. Bis auf Paul Kemp. Paul Kemp ist ein Mediator, dessen Understatement meist auf seine sandfarbenen Cordanzüge beschränkt bleibt. Aus den Streits, die er als Moderator doch schlichten soll, hält sich dieser geübte Streitschlichter aus Wien demzufolge nie vollends raus. Im Grunde genommen ist Paul Kemp also gar kein richtiger Mediator, er ist Beteiligter. Aus ethischer, moralischer, professioneller Sicht erscheint das allerdings ziemlich egal: Paul Kemp schlichtet schließlich im Fernsehen.

In der ARD zumal. Und dann auch noch dienstags um 20.15 Uhr, wo putzige Nonnen sonst so glaubhaft wie lautstarke Raumschiffschlachten katholisches Klosterleben simulieren. Kein Wunder also, dass Paul Kemp mit der Realität ähnlich wenig zu tun hat wie weltliche Gottesdienerinnen im heiteren Dauerclinch mit einem selbstgerechten Bürgermeister namens Wöller. Fernsehen eben, Stromlinienfernsehen, die abendliche Dosis Eskapismus. Die jedoch schmeckt ein bisschen bitter, wenn sie 13 Episoden lang vermeintlich realer Grundlage beruht.

Erlebt hat die mal ungewöhnlichen, mal alltäglichen Fälle zwischen Beziehungskrise, Firmenmobbing und außergerichtlicher Einigung nämlich ein gewisser Ed Watzke, der aus 20 Jahren Berufserfahrung als Mediator ein gut gehendes Buch gemacht hat, bevor ORF und MDR auf ihn aufmerksam wurden. Es soll also ziemlich tatsachengetreu zugehen, wenn Watzkes Alter Ego Kemp gleich in Folge 1 erst einen medizinischen Kunstfehler psychisch begradigt, sodann das Doppelleben der beteiligten Ärzte zurechtrückt, zwischendurch einen Kollegen vorm Untergang bewahrt, nebenbei die eigene Ehekrise samt Pubertät des Sohnes anpackt und zwischendurch noch ein paar seiner persönlichen Defizite.

Aber Tatsachen spielen naturgemäß die zweite Geige, wenn das Erste den Alltag von seiner leichten bis seichten Seite zeigt. Dann darf dieser Paul Kemp Klienten „feiger Hund“ nennen und mit eigenen Privatgeschichten behelligen, dann darf er juristisch komplizierte Schadensersatzfälle in drei Minuten zum Wohlgefallen der Streithähne verhindern und danach praktisch alle Mandanten bei sich übernachten lassen. Weil dazu nahezu jede Pointe mit süffigem Klaviergeklimper angekündigt wird (das immerhin den noch süffigeren Frank-Duval-Gedächtnissound kurz durchbricht), weil jedes Auto wie auf diesem Sendeplatz üblich das jeweilige Sozialverhalten exakt symbolisiert (Hauptfigur: Oldimer; Fiesling: Cabrio; Mittelstand: Golf), weil das Klischee hier so grundlegend für die Handlung ist, dass sogar Computer-Nerds noch aussehen, wie anspruchsvolle Kostümbildner sie schon seit 15 Jahren nicht mehr anziehen, aus all diesen Gründen gibt es eigentlich nur einen Anlass, diese Serie weiter zu verfolgen. Und das ist Paul Kemps Darsteller.

Harald Krassnitzer.

Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Abendprogramm schafft es der Österreicher aus dem Salzburischen, die Widersprüche unseres Gesellschaftssystems allein durch die Aura seiner Augen zum Ausdruck zu bringen. Wie sie gleichsam lachen und weinen können, wie sie Sarkasmus und Melancholie zwischen zwei Lidschläge packen, kommentiert der abgedankte „Winzerkönig“ und amtierende „Tatort“-Kommissar den Aberwitz um seine Filmfigur Kemp in einer Lässigkeit, die sie erträglich, ja unterhaltsam macht. Und die im Nebeneffekt auch noch das zuweilen miserable Drehbuch mit dem denkbar debilen Untertitel Alles kein Problem ein wenig mildert.

So schafft es der gelernte Speditionskaufmann von 53 Jahren fast im Alleingang, dass sich ein ziemlich neuer Berufszweig des Serienpersonals ein Stück weiter in den Vordergrund spielt: Standen dort früher nämlich fast ausnahmslos Ärzte, Juristen, Ermittler und ein paar Geistliche auf der Besetzungsliste ganz oben, machen sich zusehends soziale Berufe auf dem Bildschirm breit: Lehrer (die nicht mehr unbedingt Specht heißen), Psychotherapeuten (etwa In Treatment), dazu Sozialandroiden (Real Humans), zuletzt Elena Uhlig als Familiendetektivin und nun also Paul Kemp.

Der muss sich in den nächsten zwölf Folgen nur noch so verhalten, als wäre er ein richtiger Mediator. Dann hält man nicht nur das Stammpublikum von Um Himmels Willen am angestammten Sendeplatz, sondern zollt Harald Krassnitzer den nötigen Respekt für das, was er kann: Das Seltsame sehr realistisch zu spielen.

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