Reportage: St. Pauli ohne Touristen

Fischbrötchen, Heiner HarhuesDer Alltagskiez

Vom Nobiskrug zum Fischimbiss: Am Wochenende ist St. Pauli ein schrilles Amüsierviertel. Wem begegnet man, wenn die Besucher aus aller Welt wieder abgereist sind?

Von Jan Freitag

Samstagnacht kommen sie von überall her / und am Sonntagmittag bist du wieder menschenleer / wie hältst du’s nur aus / dieses Hin und Her (Bernd Begemann, Oh St. Pauli)

Es gibt Orte, da führt selbst die Sonne ein Schattendasein. Erwacht sie an einem Frühsommermorgen über St. Pauli, ist alles noch auf den Beinen, und keiner interessiert sich für sie. Steht sie dann hoch am Himmel, zieht es die Leute in die Betten – Rollo runter, Sonne raus, gute Nacht am helllichten Tag.

Es sei denn, man verlässt die Partymeile, läuft die Lincolnstraße ein paar Meter runter Richtung Elbe. Hier ist der Tag nicht beendet, er steuert auf seine Mitte zu. Und wenn Harald Buers am Vormittag das allererste Astra für Tagträumer zapft statt ein allerletztes für Nachtfalter, dann trennt sich das Wochenende vom Montag. Dann wird der Kiez vom Ausflugsziel zum Lebensraum. Dann ist man im Nobiskrug.

“Älteste Schankwirtschaft auf St. Pauli” steht darüber in Stein gemeißelt, daneben eine Zahl: 1895. Das klingt ein wenig nostalgisch, vor allem aber klingt es stolz. “Hier liegt das wahre St. Pauli“, sagt Buers, ein Zugereister wie so viele der Gegend, nach 35 Jahren vor Ort aber längst einheimisch wie jene, die der Wirt mit flüssigem Frühstück versorgt. Es sind Nachbarn, Anwohner, Stammgäste, die an diesem sonnigen Montag im Dunst des Nobiskrugs den Morgen begrüßen. Denn was Kiezgäste, die freitags einfallen und Sonntagfrüh abziehen, meist nicht wissen, vergisst auch Bernd Begemann in seinem melancholischen Lied: Hier leben Menschen, echte Menschen. Mal arbeitende, mal arbeitslose, arme oder reiche, also sehr alltägliche.

Gut 24.000 sind es, Anrainer angrenzender Stadtteile nicht mitgerechnet. Und gut ein Dutzend von denen sitzt nun hier, zwischen Schwarzweißfotos einer Ära, als vorm Nobiskrug noch Matrosen flanierten und das Bier mit Pferdewagen kam. In einem Mobiliar, das kaum jünger ist als die mitteilsamen Rentner beim Frühschoppen. Nur warum, bei dem Wetter, zu dieser Zeit, hier, im Restrauch vieler Millionen Zigaretten? “Zuhause”, meint einer am abgewetzten Tresen. Er lächelt nicht. Ein Wort, alles gesagt.

Zuhause.

So nennen viele ein Wohngebiet, das schon 400 Jahre besiedelt war, als es Mitte des 17. Jahrhunderts zum Amüsierviertel wuchs. So nennen selbst Quiddjes, also Zugezogene, ihr Quartier, sofern sie nur lange genug da sind. Wie Jozi Sustar, genannt Pepi. Friseur Pepi, Jozi SustarPepi war schon einiges: Er sprang für Jugoslawien vom Wasserturm, flog die höchsten Skischanzen runter, spielte wie sonst kaum ein Slowene Tischtennis. 1960 aber wurde er St. Paulianer und steht auch mit 79 Jahren Tag für Tag vorm Spiegel seines winzigen Friseursalons. Links raus der Hamburger Berg mit seiner Flatratekultur, rechts raus die Talstraße. Auf dem Weg dorthin, gegenüber steht die Kneipe jener Rockabillies, denen Pepi bis heute Frisuren verpasst, die vor 54 Jahren populär waren. “Schöne Zeiten”, sagt er wehmütig. Ohne Nepp, Vertreibung, Eventkultur. Ohne die Gräben zwischen denen, die immer da sind, und denen, die tageweise reinschneien.

Doch für beide Gruppen wird rings um die Reeperbahn gut gesorgt. Im Topkauf etwa, dem letzten Krämer. Hier steht Ines Stoppa seit zehn Jahren an der Theke und verkauft vom Gemüse für Ansässige über den Mittagstisch fürSupermarkt, Ines Stoppa Angestellte bis zum Alk für Feierwillige alles, wonach der Kiez dürstet. “Alltags 90 Prozent Hiesige und zehn Partyvolk”, rechnet Ines Stoppa im liebevollen Chaos der früheren Schlachterei vor. “Am Wochenende umgekehrt.” Gleich um die Ecke franst die Davidstraße in verruchte Seitengassen voller Bordsteinschwalben aus, als seien die Zuhälterkriege der Achtziger weiter im Gange.

Für Normalbürger war der Kiez damals Sperrgebiet, heute meiden ihn Menschen mit dem Anspruch nach gehobener Unterhaltung. Dazwischen lag ein Jahrzehnt kultivierten Erwachens: Der Mojo-Club wurde zum Nabel des Nu Soul, das Sparr zum Punkertreff, der Sorgenbrecher zum Trashzentrum, sogar das Top Ten salonfähig und überhaupt alles Zwielicht etwas klarer. Bis der Musicalhype das Neonlicht anknipste.

Kurz zuvor war Thomas Angele in der Silbersackstraße gelandet, wie er mit Resten seines Heimatdialektes erzählt. Dort also, wo die Nutten sich noch immer die Füße platt stehen, übernahm er vor 21 Jahren den “Kiezbäcker”. Ein Kiezbäcker, Thomas AngeleKonditormeister aus Schwaben, in einem alten Sexshop – ausgerechnet! “Nein, genau richtig”, erklärt Angele die Lage seiner Bäckerei, deren Korbmöbel auch in Eppendorf stehen könnten. “Hier leben, arbeiten, feiern so viele Leute”, sagt er, während zwei ältere Damen mit Hund Butterkuchen vom Blech kaufen, “aber es gab kein Frühstücksrestaurant”.

Es gab. Die zwei Worte fehlen in kaum einer Antwort der Kiezbewohner und meist klingt es ein bisschen seelenwund. Es gab mal das Café Möller an der Großen Freiheit, wo Damen mit Rüschenschürzen 59 Jahre lang Torten zu Kännchenkaffee servierten, bis die Miete verdoppelt wurde und ein Ballermannpub einzog. Es gab das Molotow. Es gab die Kieztanke. Es gab die Essohäuser. Es gab auch Verbrechen, Armut, Abzocke, das volle Rotlichtprogramm. Es gab aber eben auch Infrastruktur für alle statt nur Kioske fürs Vorglühen. Und natürlich gab es Fisch.

“Überall”, sagt Heiner Harhues lachend am Pils vorbei. Doch als sich der gelernte Schlosser bei der Arbeit für die Gastronomen auf dem Kiez mal umsah, fehlte der Reeperbahn ihr Grundnahrungsmittel. “Und das im letzten echten Hafenviertel.” Also hat der Mittvierziger im vorigen Jahr umgesattelt und einen Fischimbiss eröffnet. Gegenüber vom berühmten Silbersack, dem mit der seligen Erna grade das letzte Thekenfossil weggestorben war, gibt es nun nicht nur Matjesbrötchen und Bier, sondern Live-Shanties im Ölzeug und einen Hauch jener Art, wirklich in Brackwassernähe zu feiern. Dass auch Heiners “Kleine Haie, große Fische” letztlich der “Marke Hamburg” dient – geschenkt. “Ich wollte dem Kiez was zurückgeben”, sagt er. Und der Kiez revanchierte sich. Mit einem Anflug von Heimatgefühl.

Der Artikel ist zuvor erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-06/st-pauli-kiez-alltag



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.