Arte: Die Zukunft der Zeitung

Das Zeitungsleben

Seit Jahren schon gilt die Zeitung als Streichkandidat der Medienlandschaft. In der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder (heute, 21.30 Uhr) lernen wir, warum das so ist. Erfahren aber auch, dass redaktioneller Journalismus dennoch eine Zukunft hat – nur eben seltener auf Papier.

Von Jan Freitag

Symptomatischer für den Abstieg könnte eine Bild kaum sein: In Indien, Ursprung jeder fünften Zeitung auf Erden, hat ein Rindvieh seine Artgenossin im Mund. Gelangweilt kaut da also eine heilige Kuh aus Fleisch und Blut auf einer anderen aus Papier und Druckerschwärze herum. Das mächtigste Informationsmedium vieler Jahrhunderte, wichtiger als Mundpropaganda, Sendboten, Radio, Fernsehen, Internet, ein Nachrichtenmonument, hochverehrtes, selbstverliebtes Kulturgut – verspeist. Einfach so. Von einer Kuh. Ein Desaster.

Und eine Chance.

Denn im Untergang der Publizistik, wie wir sie kennen, liegt eine große Zukunft begründet. Das behaupten zumindest die zwei Filmemacher Philippe Kiefer und Pierre-Olivier François. Um es zu belegen, sind sie um die halbe Welt gereist, stets auf der Suche nach Vergangenheit, Gegenwart und Perspektiven des analogen Journalismus im digitalen Sperrfeuer von Computer, Smartphone, Tablet. Die virtuelle Feder heißt das Resultat ihrer globalen Recherche auf der Suche nach dem Journalismus von morgen. Dabei stoßen die Medienexperten auf Platzhirsche und Bilderstürmer, Frischlinge mit drei Flatscreens vor der Nase und Veteranen mit zwei Fingern auf grauen Tastaturen. Sie stoßen auf Untergangsszenarien und Durchhalteparolen. Vor allem aber stoßen sie auf eins: Liebe zur Information.

Wo immer die Kamera nämlich landet – ob in der Bild, bei Le Monde oder am Times Square, im Start-up, Forschungsinstitut oder Pressehaus voller Pulitzerpreise: Überall herrscht diese obskure Mischung aus Fatalismus und Aufbruchsstimmung. In den USA, wo seit Ende der Neunziger 200 Zeitungen eingegangen sind, werden sie laut einer Studie schon 2017 ausgestorben sein. Zwölf Jahre darauf wäre Frankreich fällig. Und Deutschland? 2030, vielleicht etwas später, vielleicht auch noch früher.

Klingt dramatisch. Nach einem Weltuntergang im Kleinen, spürbar auch für die Großen. Und was tut einer von denen, Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer AG und somit mächtigster Medienmacher im Land? Tiefenentspannt sitzt er in seinem Berliner Büro, unter sich Kreuzberg, hinter sich ein Gemälde namens „Kraft der Bilder“, drüber, drunter, drumherum die Zeitungsmacher der Zukunft, und sagt ohne Anflug von Angst: „Unsere Aufgabe ist es, die Idee der Zeitung vom Informationsträger Papier zu lösen.“

Die Königin ist tot, es lebe die Königin. In ihrer gedruckten Form nämlich, darüber sind sich selbst Haptik-Fans wie Michael Shapiro einig, ist Zeitung bald Geschichte. Trotzdem, fügt der Direktor vom journalistischen Institut der Columbia-Universität in New York umgeben von Büchern hinzu, leben wir „in einem goldenen Zeitalter“. Schließlich sei das Bedürfnis nach handfesten News, geliefert von Kennern vor Ort, editiert von Profis, sortiert nach Bedeutung, nicht Beleuchtung, nach Sinn und Verstand statt Knalleffekten ein Grundbedürfnis intelligenter Menschen. Nur: wo genau das dann zu lesen ist, auf geheckselten Bäumen oder Flachbildschirmen, schlauen Telefonen oder knisterndem Papier – das ist gleichgültig, ressourcenabhängig zudem und allerlei Moden unterworfen.

Und so ist die Botschaft dieser grandiosen Dokumentation im Untergangsgeschrei der Medienbranche eine hoffnungsfrohe: Solange Journalismus von echten Menschen gemacht wird statt von Algorithmen, wie es Google probiert, solange er die Informationsflut professionell vorgesiebt wird und damit auch noch Geld verdient, solange er sich und andere ernst nimmt, wird es Zeitungen geben. Auch wenn die heilige Kuh in Indien darauf irgendwann besser nicht mehr herum kaut.

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