Anke Engelke: Komödiantin & Marge Simpson

Ich werde total gern berieselt

Anke Engelke ist eine der klügsten Frauen der Fernsehunterhaltung. Kein Wunder, dass sie auch den klügsten Fernsehhumor verantwortet. Nur, als sie die Synchronisation der Marge Simpson übernahm, schien die Fallhöhe zu hoch. Dennoch hat sie sich auch in der vielleicht besten Zeichentrickserie aller Zeiten durchgesetzt, die nächste Woche 25 Jahre alt wird. Grund genug, das Gespräch mit einer der besten Gesprächspartner(innen) zu zeigen, die die freitagsmedien je hatten. Mit einer Anke Engelke, die fast alles bestätigt, was man so Gutes über sie denkt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Engelke, was für ein Unterschied, Sie im Vergleich zu ihrer Synchronstimme von Marge Simpsons zu hören.

Anke Engelke: Und wie hat es Ihnen gefallen?

Man muss sich mit Euphorie zurückhalten.

Weil?

Die Simpsons sind eine überaus emotionale Angelegenheit.

Ja, ich weiß. Die Marge-Zusage bekam ich von Pro7 quasi im Kombipaket mit der Vorwarnung, dass ich nicht mit offenen Armen empfangen würde. Aber solche Fans sind mir lieber als eine tumbe, glotzende Masse, die alles frisst, was aus dem Fernseher kleckert. Ich mag es, wenn Menschen kritisch fernsehen und Bezüge entwickeln, empathisch sind oder eine Meinung vertreten.

Haben Sie sich vorher in der Szene umgehört?

Gar nicht. Prinzipiell. Das frustriert auf Dauer nur, denn meistens hört man da nur Beschwerden; gelobt wird man selten. Das ist für die Arbeit so hemmend, wenn man selber so euphorisch ist und sich über diese wunderschöne Serie freut, die so was von rund und scharf und schön und gut und schlau ist.

Mögen Sie Rollen unter besonderer öffentlicher Beobachtung wie damals Harald Schmidts?

Wenn der Inhalt gut ist, entscheidet man nicht danach, hinterher gefeiert oder angegriffen zu werden. Marge ist einfach eine spannende Figur.

Orientieren sie sich am Original oder an Volkmanns Synchronstimme?

An Julie Kavner. Man hat mir erzählt, Elisabeth Volkmann habe im Synchronstudio vor den Takes nie die Original-Marge gehört, also direkt das tonlose Bild besprochen. Das kann ich gar nicht, ich muss sehen, wie das gedacht war. Wenn das Original gut ist, muss ich nichts ändern. Keine Ahnung, was sich die Fans vorstellen: Dass es gar nicht synchronisiert wird? Dass es ein Hund macht? Wie soll man es denen Recht machen?

Durch eine Zweitauflage der Stimme, die sie gewöhnt sind.

Das ist unmöglich. Wer Elisabeth Volkmann nachmachen will, wird es nicht leicht haben und das gehört sich auch nicht.

Dafür klingt Ihre Stimme jetzt so rau wie das Original. Wurde sie digital nachbearbeitet oder rauchen Sie vorher ein Päckchen Filterlose?

Das ist mein Job, mehr nicht. Ich habe schon als Kind Sendungen moderiert, Texte und Hörspiele gesprochen. Sprechen ist das Einzige, was ich wirklich kann. Echt finster, es ist mir vorher noch nie passiert, dass Menschen so was schon sagten, bevor ich was gemacht habe.

Nicht mal bei Anke Late-Night?

Nein, das war was völlig anderes. Da ging es um Vorgaben, Erwartungshaltungen, sich nicht in irgendwas reinpressen zu lassen. Bei der Marge gibt es ein Original, das man nicht senden kann, weil wir eine andere Sprache sprechen. Also wird synchronisiert.

Würden Sie sich wünschen, dass weniger synchronisiert wird? Unsere Sicht auf Originaltexte ist durch die permanente Übersetzung ja sehr verwaschen.

Ich sehe gern Sachen im Original, wenn ich die Sprache nicht fließend beherrsche, auch mit Untertiteln. Aber es ist vermessen und ein bisschen arrogant, mehr Originale zu fordern. Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Meine Nachbarin womöglich nicht.

Vielleicht würde sich ihr Zugang zu Fremdsprachen verbessern, gäbe es wie in Skandinavien oder Holland mehr Originale.

Es ist eben ein Merkmal unseres Landes, so was nicht zu machen. Da sind wir verkrampft, die Fans manchmal auch und das macht mich manchmal traurig.

Kann so eine anarchische Serie wie die Simpsons das Publikum da öffnen?

Sie läuft hier seit 17 Jahren. Und, hat sich was verändert? Ich werd mich auch hüten, die Resonanz zu analysieren. So deutsch bin ich nicht. Ich kann nur arbeiten, wenn ich froh bin, an Dingen, die mich froh machen, weil mein Frohsinn sich dann überträgt. Wenn’s gut läuft, bin ich ansteckend. Diese Euphorie ist das Ziel. Wenn man sein Talent gefunden hat, ist zu viel Analyse, die ständige Beschäftigung mit sich und anderen, eher hemmend.

Dennoch: Was macht die Serie so erfolgreich?

Dass man bei einer Folge nicht von Anfang an dabei sein muss, um alles zu begreifen. Jede Episode transportiert eine Grundgefühl, eine Haltung, ästelt sich aber in Geschichten auf, die überall hinführen könnten. Man möchte auch so viel auf dem Schirm haben wie die Serie, ist aber kein Harvard-Absolvent wie die 20 Autoren, nicht so auf Zack. Wenn man zurückspulen und noch mal anfangen würde, könnte die Geschichte eben andere Wendungen nehmen. Die Serie erzählt vieles nur an und selbst im Abspann kommt wieder was Neues. Ich hab eine synchronisiert, wo das Team kommentiert wird. (Mit Marges Stimme) He’s still in the team, I didn’t know he’s still livin’. Oder: Oh, I know him; I mean: her… I haven’t seen her such a long time, she’s fuckin’ old.

Haben Sie einen Lieblings-Charakter?

Na ja, ich kenne keinen so gut wie Marge, also finde ich die am geilsten.

Ist sie eine emanzipierte Frau?

Nein.

Immerhin ist sie selbstbewusst und setzt ihren Willen durch.

So gesehen ist sie emanzipiert, aber heißt Emanzipation nicht: gleichberechtigt?

Als Zustand ja, als Prozessbeschreibung ist sie auf einem Weg dorthin, manchmal aber auch ein Hausmütterchen.

Wenn das ihre Wahl ist, dann hat sie zwar die Hosen an, wie man so schön geschlechtsspezifisch sagt, ist aber nur bedingt emanzipiert. Nun komme ich aus dem Dunstkreis von Alice Schwarzer und bin so was von geimpft und alert. Aber das gute an der Figur ist ja, dass sie nicht bemitleidenswert ist, nicht würdelos und armselig.

Und in ihrem Dunstkreis wächst eine echte Feministin heran – Lisa.

Nur, dass sie nicht wächst.

Wird sie das irgendwann?

Moment, ich stell Sie durch zu Matt Groening (der Erfinder). Keine Ahnung. Obwohl er kürzlich sagte, jetzt sei so eine Art Halbzeit. Ich bin sehr gespannt auf den Film, den ich im Mai synchronisiere. Da packen die einiges rein.

Wollen wir zum Abschluss ein Quiz machen?

Auf keinem Fall! Ich habe nicht alle 17 Staffeln gesehen, was erwarten Sie. Schön, Ute (Ihre Managerin) fällt mir auch in den Rücken. Warum nicht, sagtse. Also…

Wie viele Kinder hat Apu, der indische Supermarktbetreiber.

Also Ned Flanders hat zwei. Weiß ich nicht. Wie viele?

Achtlinge. Zweite Frage?

Keine Wissensfragen. Die kann ich nicht.

Lernt man die Antworten nicht einfach im Arbeitsprozess?

Nein, da kenne ich nur meine Folgen.

Also eine Frage zu Marge: Nennen Sie drei Süchte, denen Sie mal verfallen war.

Bei mir hatte sie nur mit einem Putzzwang zu tun.

Exakt. Außerdem war sie spiel- und anabolikasüchtig.

Ach, ich bin ständig auf die Probe gestellt, irgendwelche Andeutungen in den Dialogen oder Fragen des Regisseurs richtig einzuordnen. Der ist auch neu im Team und, was ich sehr gut finde, Muttersprachler. In der letzten Zeit haben öfter Fans protestiert, weil es da so komische Fehler in den Übersetzungen gab.

Einige Idiome lassen sich eben nicht oder nicht gut übersetzen.

Und da frage ich mich, warum man nicht einfach den Mut hat, ein deutsches Idiom zu nehmen. Man darf Original und Übersetzung der Simpsons eigentlich nicht parallel hören, weil man da erkennt, wie viel fürs deutsche Ohr und die deutsche Welt verändert wird.

Gibt es ein Geräusch, das sie herübergerettet haben, etwa knarrende Seufzen, wenn Marge sauer auf Homer ist?

(Macht es nach) Das macht sie immer noch. Sie sagt halt immer Oh, Homie. Aber war ja nicht meine Idee und ich würde nie im Leben darauf kommen, mich und meine Handschrift durchzusetzen. Da bin ich anders drauf. Und übrigens: Man muss als Fan keine Spezialistin sein. Vielleicht liegt das an meinem fernsehfeindlichen Leben. Ich habe wie Marge zu viele kleine Dinge zu tun, um fernzusehen.

Raten Sie etwa von dem Medium ab?

Nein. Aber für mich ist es nichts, weil es sich auf mein Privatleben nicht gut anwenden lässt. Ich kann drei Kinofilme am Tag sehen, dreimal rein, in eine neue Welt und wieder raus. Aber zuhause zu sitzen, gerade wenn es von Werbung unterbrochen wird – da denke ich, die rauben mir meine Zeit. Natürlich finanziert mich das, aber es entspricht nicht meinem Naturell.

Auf den Punkt gebracht: Sie lassen sich nicht gern berieseln.

Sie können mich auf überhaupt keinen Punkt bringen. Da bin ich eine schlechte Interviewpartnerin. Ich werde natürlich total gern berieselt und weiß nicht, woran mein komisches Fernsehverhalten liegt. Es gibt Sachen, da bleib ich hängen, meistens bei Freunden. Ich kann alles gucken, was Bastian Pastewka, HaPe Kerkeling, Christoph Maria Herbst machen.

Die haben mehr Kredit bei Ihnen.

Die sind einfach gut.

Pastewka läuft sich doch tot.

Ich verstehe. Nur weil der Bastian ständig läuft, müssen Sie ihn nicht geil finden müssen, nur weil Stefan Niggemeier das sagt, auch nicht.

A propos Niggemeier, der Medienkritiker: In seinem Fernsehlexikon steht unter Simpsons sehr genau, an welcher Stelle falsch synchronisiert wurde.

Echt? Hart, oder? Puh. Und so deutsch. Manchmal finde ich Deutschsein super, manchmal richtig ätzend. Dann beneide ich Völkchen, die zwar langsamer denken, aber viel gutmütiger und friedvoller sind. Also jetzt bin ich aber mal wirklich gespannt, wie die neuen Folgen ankommen. Ich kann nur hoffen, dass nicht zu viele Fans Probleme damit haben

Da wird es welche geben.

Na ja, Fans zeichnen sich durch den eigenen Willen aus; ist doch super. Dass alle einer Meinung sind, das alle einer Meinung sind, geht nicht.

Werden Sie Kritiken lesen?

Nein, dann traue ich mich ja gar nicht mehr zu arbeiten. Wenn es allen gefällt, macht man was falsch, wenn es den richtigen gefällt ist es gut. So, und jetzt muss ich los, meine Kinder stehen wahrscheinlich an irgendeiner Straßenecke und warten auf mich. Den Ärger hab ich ihretwegen, überlegen Sie sich mal, wie Sie da wieder rauskommen. Meine Lieblingsblumen sind Ranunkeln.

Die gibt es doch gar nicht.

Tja. Dann checken Sie mal ihr Blumenwissen.

Mach ich. Und beim nächsten Mal gibt es ein Blumenquiz.

Das ist auch wieder so ein Ding: Männer müssen nicht wissen, wie Blumen heißen.

Ein paar kenne ich auch.

Ja toll. Rosen, Tulpen, Nelken – alle Blumen welken. Ich lass mich jedenfalls nicht auf den weiblichen Blumenfetischismus reduzieren. Übrigens: In welcher Folge kommt der vor bei den Simpsons?

Blumenfetischismus? Da können Sie mir jetzt ja werweißwas erzählen!

Richtig, das war eine Falle (lacht). Oh, hätte ich jetzt trumpfen können, Folge 14, Scheiße. Und jetzt muss ich los.

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