Reportage: Brachland Neue Mitte Altona

altona-brachland-540x304Trümmerblumenpracht

Hamburg baut in Altona ein neues Stadtviertel. Zugleich geht etwas Wertvolles verloren: Brachland. Urbane Natur bewirkt Nützliches, wo der Mensch sie in Ruhe lässt.

Von Jan Freitag

Das Meer der Blüten ist reich bevölkert. Es gibt genügsame und verwöhnte, wilde und domestizierte, schöne und schlichte, seltene wie häufige. Und es gibt Trümmerblumen. Überall. Sogar hier. Peter Borchardt führt eine davon am Vollbart vorbei an sein kundiges Forscherauge und blättert nebenbei in einem zerfledderten Almanach. Es ist sein steter Begleiter, für Experten fast eine Bibel. “Schmalblättriges Weidenröschen”, teilt ihm Pareys Blumenbuch von 1986 mit. “Epilobium angustifolium”, übersetzt der promovierte Geowissenschaftler mit Biologie-Diplom botanikerstolz ins Lateinische. Und dieses hübsche Pflänzchen, es ist ziemlich robust.

Ganz gleich nämlich ob hoch im Norden, tief im Süden oder auf den Ruinen kriegsversehrter Städte: Trümmerblumen wachsen an den unwirtlichsten Orten. Selbst dort, wo ihnen Abgas, Lärm, Erschütterung und Gifte zusetzen. Wo der Mensch die Natur gestaltet hat, dann aber kurz mal in Frieden lässt. Also auch am Gleisbett der rostigen Schienen vom Bahnhof Altona.

Noch.

Wo jetzt ein dichtes Geflecht unsortierter Gebüsche in die Breite wächst, geht nämlich demnächst etwas ganz anderes in die Höhe: Hamburgs zurzeit aufregendstes Bauprojekt, vergleichbar nur mit der Hafencity, teuer wie die Elbphilharmonie. Es heißt Neue Mitte Altona, und wo in gar nicht so ferner Zukunft Platz für 3.600 Wohnungen jeder Einkommensschicht sein soll – für schmalblättrige Weidenröschen dürfte es den dann nicht mehr geben. Das könnte man nun beklagen oder begrüßen. Peter Borchardt sagt: Von beidem ein bisschen.

Denn was der Pflanzenkundler beim sonntäglichen Erkundungsspaziergang auf einer Fläche von knapp zehn Fußballfeldern an Vegetation entdeckt, sei “im Grunde alles Kroppzeug”, teils endemische, teils invasive Pflanzen, die man “ohne schlechtes Gewissen ausreißen könnte”. Oder wie es aus Sicht des BUND früher besonders in der veränderungsfreudigen Hansestadt üblich war: großflächig mit Pestiziden abtöten, bevor irgendwas Artenschützenswertes für Baustopps sorgt. An der künftigen Neuen Mitte aber war das offenbar gar nicht nötig.

Wie im Baugesetzbuch vorgeschrieben, haben die Investoren bereits 2009 im Entwicklungsabschnitt I zwischen ICE-Trasse und Holstenbrauerei nach bedrohten Arten suchen lassen. Und sie seien auch fündig geworden, erklärt Magnus-Sebastian Kutz von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt: Neben ein paar “naturschutzrelevanten Tagfaltern und Heuschrecken” kleinere “Biotope mit Rote-Liste-Pflanzen” und 29 verschiedene Brutvögel inklusive zweier bedrohter. Doch nichts davon sei geeignet, das Projekt grundsätzlich infrage zu stellen. “Die Bedürfnisse dieser Arten wurden im Ausgleichskonzept berücksichtigt”, beteuert Kutz und fügt hinzu, dass die Vielfalt urbaner Brachen mit wachsender Bewaldung zurückgehe.

Widerspruch erntet er dafür nicht mal von Naturschützern. Entlang der berüchtigten “Kreischkurve”, wo selbst die schnellsten Züge auf Schneckentempo drosseln, um nicht vom maroden Viadukt zu fallen, herrscht also Konsens. Hier gibt es weder singuläre Juchtenkäfer noch hundertjährige Eichen, also irgendwas, wofür es sich an Oberleitungen zu ketten lohnte. Dennoch treibt es die Natur hier kunterbunt. Die Bahndämme tragen genug Brombeeren, um Altonas Neue Mitte auf Jahre mit Marmelade zu versorgen. Nachtkerzen schießen, Goldruten sprießen. Wild wuchert die Ackerkratzdistel, spät blüht der Flieder. Und allerorten ragen Robinien drei, vier, gar fünf Meter aus dem Gestrüpp. Unterm Dröhnen riesiger Bagger wächst und gedeiht es mithin derart üppig, dass Pareys Blumenbuch nur so rauscht.

Allein: Es trägt, schießt, sprießt, wuchert, blüht, ragt, wächst, gedeiht wenig Wertvolles. Wo der Mensch sein Umfeld besonders intensiv gestaltet, entsteht eben höchstens, was Borchardt “Ruderalflur” nennt: Habitate genügsamer Pflanzen mit überschaubarer Tierartendichte. So was, meint der weitgereiste Wissenschaftler von 36 Jahren, “sieht an einer Brache in Paris fast genauso aus wie in New York oder Köln”.

Dennoch bieten auch die kleinsten Naturreservate nicht bloß lässliche Grünflächen im Betoneinerlei, hübsch anzusehen, leidlich erholsam. Sie kühlen die aufgeheizte Stadt und regulieren deren Hydrologie, sie reinigen die Atemluft von Feinstäuben und das Erdreich von Kontamination. Sie sorgen für besseres Klima – atmosphärisch, geologisch, generell. Und letztlich, sagt Borchardt beim Klassifizieren eines einsamen Gänsefußes auf der gewalzten Fläche vorm Gerippe denkmalgeschützter Bahngebäude, die dereinst Eigentumswohnungen beherbergen, “letztlich sind sie auch für Flora und Fauna im Ganzen wichtig”.

Diese benötigt nämlich gerade bei dichter Besiedlung Brückenkorridore. Rastplätze auf der beschwerlichen Wanderung von Insekten, Samen, Vögeln, Lebensverbreitern durch besonders zersiedelte Gebiete. Botanisch wertlos werden diese Migrationsinseln nur, wenn sich die Zivilisation zurückholt, was ihr zwischenzeitlich unwichtig war. Ließe man sie weiter in Frieden, entstünden daraus erst Vorwaldgesellschaften und irgendwann der “Klimax”, wie Borchardt Germaniens Beitrag zum Weltkulturerbe nennt: Buchenwald. Die Natur findet einen Weg. Alles nur eine Frage der Zeit.

Aber genau die ist nun mal eine besonders wertvolle Ressource unserer Tage. Sehr rar, schwer zu schürfen. In acht Jahren, planen Stadt und Bahn, soll die Verlegung der zweitgrößten Hamburger Fernverkehrsstation Richtung Diebsteich Wirklichkeit werden. Wo jetzt zarte Birkenkeimlinge aus dem Gleisbett lugen, wo selbst die grundwasserfreie Brücke überm Verkehrschaos der Stresemannstraße noch genug Regen für Geranien speichert, beginnt dann der Bahnsteig.

Und wird wirklich mal termingerecht geliefert, hätten die Baugesellschaften Aurelis und ECE hier bis dahin 78.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche aus der jahre-, teils jahrzehntealten Brache gestampft. Dazu vier Kitas, eine Schule, die zugehörige Infrastruktur nebst Erholungspark, drei Hektar groß, mit schickem Mischgehölz, englischem Rasen, menschengemacht und durchdekliniert.

Für Trümmerblumen ist darin kein Platz.

Der Text wurde zuerst veröffentlicht unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-08/neue-mitte-altona-baugelaende-brachland

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