Rabenvögel & Liebesstürme

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

1. – 7. September

Von wegen – eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus: Zwei der übelsten Rabenvögel des Fernsehens widerlegen das Sprichwort bereits von Anbeginn ihres Bestehens und überbieten sich vehement in der Unterbietung jeder Art von Niveau. Nun hat der kleinere endlich so oft gehackt, dass beide im August gleichauf waren bei der Versorgung anspruchsreduzierter Zuschauer. In Quoten ausgedrückt: Bei der willkürlichen Zielgruppe 14- bis 49-Jähriger trennten RTL und Pro7 zuletzt ganze 0,2 Prozent. Und weil der Emporkömmling aus Unterföhring in seiner programmatischen Dummheit wenigstens ab und an lustig ist, bleibt der Kölner Platzhirsch bierernst blödsinnig.

Doch wirklich aufmerksam schaut auch das kaum jemand aus der jüngeren Generation, ohne sich nebenbei auf anderen Kanälen unterhalten zu lassen. Crossmediale Nutzung heißt das dann, wenn neben der Glotze noch Computer, Smartphone, Tablet laufen, wo individuell gestaltbares Programm wie Youtube läuft. Von dort allerdings gab es vorige Woche erstaunliche Neuigkeiten: Laut der You Tube Global Audience Study wird das Online-Portal nicht überwiegend von hibbeligen Digital Natives unter 25 gesehen. Es sind eher besser gebildete, vornehmlich männliche Nutzer über 30 mit höherem Einkommen.

Nun ist so eine Studie aus dem eigenen Haus natürlich schon deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil die dargestellte Kernklientel verdächtig gut auf die Werbeinteressen des milliardenschweren Konzerns passt. Aber so ganz unwahrscheinlich erscheint das Ergebnis ja auch nicht. Gerade geistig und physisch mobile Jahrgänge 1984 abwärts, die das analoge Zeitalter noch atmosphärisch erlebt haben, die digitale Gegenwart aber schon mitgestaltet, sind fürs Regelprogramm des Fernsehens ja längst verloren.

Die Ankündigung der Ufa zum Beispiel, im Auftrag des BR eine große Dokumentation über einen gewissen Franz Beckenbauer zu drehen, dürfte also eher jene interessieren, die ihn noch als aktiven Halbprofi im Pelzmantel wahrgenommen haben. Und selbst modernere Formate wie Verbotene Liebe, 1995 für den öffentlich-rechtlichen Publikumsnachwuchs konzipiert, wurden zuletzt ja von so wenig – jungen wie alten – Zuschauern verfolgt, dass die Daily Soap abgesetzt wurde. Bis, ja bis das Netz revoltierte, wo einschlägige Mediatheken zeitlich flexibel zeigen, was auf Schloss Königsbrunn so vor sich geht. Die Serie soll nun doch fortgesetzt werden. Wöchentlich. Seifenfans werden sich freuen.

TV-neuDie Frischwoche

8. – 14. September

So wie über die Jubiläumsstaffel Sturm der Liebe, mit der die ARD-Telenovela ab Donnerstag das zehnte Liebespaar seit 2005 zusammenführt. Und bislang deutet wenig darauf hin, dass die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia und der „leidenschaftliche, erfolgreiche Sternekoch“ Niklas 2015 nicht in weiß heiraten werden. Das mag man als Ästhet verachten; verhindern lässt es sich nicht mal durch stattgegebenen Abschaltimpuls, solange billiger TV-Schmalz wie dieser seine solide Fanbase hat.

Die würde man auch unaufdringlichen Dokumentarfilmen mit Tiefgang und Informationsgehalt wünschen. Etwa der trimedialen Arte-Reihe Refugees, in dem 16 Künstler künftig samstags gegen 17 Uhr Flüchtlingslager in aller Welt vorstellen. Oder Weniger ist mehr, mit der Franziska Mayr-Keber und Constanze Griessler dem Trend mit Nichts glücklich zu sein nachspüren. Dummerweise beschäftigt sich der Film mit dem Thema Abstinenz in der Überflussgesellschaft, was zu Entertainmentzwecken eher ungeeignet ist. Und dann läuft es auch noch auf 3sat, dessen Platz auf der Fernbedienung große Teile des Publikums gar nicht kennen. Der Tradition österreichischer Dokumentationen über unser Konsumverhalten wird der Sender nach dieser zunächst allerdings keine weitere hinzufügen: Weniger ist mehr soll die letzte Eigenproduktionen von 3Sat Österreich sein. Schade.

Wie die Tatsache, dass RTL immer noch nicht mehr einfällt, als Aufgewärmtes Aufzukochen. Weshalb der Restauranttester ab heute (21.15 Uhr) eben einfach nicht mehr Rach heißt, sondern Henssler, der zwar zuletzt hinter Gittern furchtbare Kritiken (und Quoten) eingefahren hat, aber eben einfach zu populär ist, um ihn nicht dauernd im TV-Kochtopf zu verwursten. Verwurstet werden im Grunde auch die Ermittler am Münchner Tatort, allerdings kann selbst der sagenhaft untalentiert Antischauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht nicht verhindern, dass ihr neuer Fall am Sonntag überzeugt. So wie der ARD-Mittwochsfilm. Ein offener Käfig thematisiert zwar den populistischen Dauerbrenner Serientäter, allerdings nicht aus Sicht der Opfer, sondern des Täters im Würgegriff seines Umfeldes, das sich seinerseits schuldig macht an einem freigelassenen Vergewaltiger, den Martin Feifel mit großer Hingabe spielt.

Das kann man auch von Kai Schumann behaupten, der dem Tipp der Woche die nötige Leidenschaft verpasst. Als Der Minister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg gibt er Dienstag auf Sat1 einen famos schmierigen Karl Theodor zu Guttenberg und stellt damit fast den zweiten Wochentipp in den Schatten: Ari Folmans (aus)gezeichnetes Dokumentarcomic Waltz with Bashir (Montag, 0.45 Uhr, NDR) über den Libanonkrieg 1982.

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