Michael Kessler: Parodist & Realitätskopierer

Mit Humor hat das wenig zu tun

In Kessler ist… schlüpft der Switch-Parodist Michael Kessler donnerstags um 22.30 Uhr (ZDFneo) in die Rollen Prominenter und interviewt sie dann als Spiegelbild ihrer selbst. Ein Fernsehexperiment – das aus Sicht des Künstlers nichts mit Humor zu tun hat. Nach Matthias Steiner zum Auftakt wird der famose Komiker heute zu: Heino.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kessler, wenn Sie als Kessler ist… in die Rolle Prominenter schlüpfen, denkt man sofort an einen Abklatsch von Switch.

Michael Kessler: Ein Fehler!

Aber erwartet man von Parodien nicht automatisch Humor?

Vorsicht! Der Begriff mag ja bei meinem Namen aufpoppen. Kessler ist… will aber keine Eigenarten Prominenter karikieren, wie es Parodie gemeinhin tut, sondern die Figur vollends kopieren – inklusive des Wissens um ihre Biografie. Mit Humor hat das wenig zu tun.

Womit dann?

Tja. Mit dem offiziellen Label „Personality-Doku“ tue ich mich schwer. Das Wesen der Sendung ist es, einen Prominenten in zwei Wochen persönlichen Begleitung plus Recherche so gut kennenzulernen, dass man sich nicht nur 1:1 in ihn verwandelt; am Ende sitzt ihm sein Doppelgänger ja im Interview gegenüber und fragt ihn selber, was er von sich wissen will. Ich versuche mich also nicht nur physisch zu verwandeln, sondern auch seine Lebensthemen zu entdecken.

Während Sie kurz vorm Interview in der Maske sitzen, sagen Sie einmal „so, jetzt bin ich Joachim Llambi“. Glaubten Sie das da wirklich?

In dem Moment schon, denn Michael Kessler verschwindet total hinter der Figur. So sehr, dass Originale und Kopien bislang bei jeder der fünf Interviews ihrer selbst gleichermaßen aufgeregt waren. Bei mir schon deshalb, weil ich die Person zugleich spielen und sein muss.

Nach welchen Kriterien wählen Sie solche Personen überhaupt aus – zunächst nach optischen oder gleich nach schauspielerisch machbaren?

Bei Switch hatten wir ein Ensemble, wo geschaut wurde, wer auf welche Figur passt. Hier muss ich mit denen arbeiten, die sich zum Experiment bereit erklärt haben. Deshalb ist auch eine Frau dabei.

Die Ex-Pornoqueen Michaela Schaffrath.

Das war die größte Herausforderung, weil man in der Travestie schnell bei Charly’s Tante ist. Masken können sich immer nur annähern, aber wenn das Gespräch funktioniert, verwischen die Unterschiede schnell.

Ist der Unterschied zur Parodie also, dass Sie keine Marotten hervorheben, sondern das Gewöhnliche?

Richtig. Es geht um Inhalte, nicht Lacher.

Wann ist Ihnen überhaupt aufgegangen, dass Sie Menschen gut nachmachen können?

Ich habe jedenfalls nicht schon mit zwölf die Lehrer kopiert. Meine Karriere funktionierte nie so, dass ich bestimmten Fähigkeiten nachgegangen bin. Es waren eher Interessen. Wenn mir etwas gefällt, probiere ich es aus. Die Parodien von „Switch“ kamen ebenso zufällig auf mich zu wie die Improvisation der „Schillerstraße“. Ich weiß noch, wie mir in beiden Fällen der Arsch auf Grundeis ging, ob es funktioniert.

Wobei die Messlatte vor Publikum, ohne Schnitt, ohne Drehbuch größer ist oder?

Das stimmt, man muss das mögen. Deshalb gibt es Kollegen, die sich aus Angst vorm Scheitern nicht aufs Improvisieren einlassen. Auch ich hatte vor der ersten Folge die Hosen gestrichen voll, aber genau das reizt mich. Es ist Teil meiner Kreativität, mich ohne doppelten Boden austoben zu können, was übrigens auch bei meinen Taxifahrten durch Berlin oder auf dem Esel durch Brandenburg der Fall ist, wo ich morgens nicht weiß, was bis abends passiert. Ohne den Mut zum Risiko, nur auf Nummer sicher erringen Künstler ebenso wenig wie Manager wirklich bedeutende Erfolge. Mein Antrieb ist die Bereitschaft zu scheitern.

Die auch zu Beginn Ihrer Karriere groß war, als Sie vor allem Episodenrollen in leichter Unterhaltung gespielt haben. Hatte der künftige Komödiant je Angst vor der Zukunft?

Sogar vor der Gegenwart! Deshalb war es eine ganz schwere Entscheidung, mein Engagement am Nationaltheater Mannheim zu kündigen. Letztlich war es die richtige, aber nach „Switch“ hatte ich ein Jahr lang nicht mal Castings, geschweige denn Rollenangebote. Das war nach der Wochenshow 2001 ähnlich, wo niemand angerufen, wo nichts funktioniert hat. Da fragt man sich als Schauspieler schon: war’s das jetzt?

 

Und seine Antwort?

Ich war immer ein vorsichtiger Mensch, der Geld zurückgelegt hat. Von daher war ich auf schlechte Zeiten vorbereitet und hatte noch die Option, zurück ans Theater zu gehen. Damals reifte aber auch die Erkenntnis in mir, dass man als Schauspieler eine Nische braucht. Bei mir war das Comedy, nicht die schlechteste übrigens. Wer in seiner erfolgreich ist, zählt zu den wenigen im Fach, die von ihrem Beruf gut leben können.

 

Anderseits ist die Nische schnell ein Gefängnis.

Richtig. Aber ich konnte dem deutschen Schubladendenken dadurch entgehen, dass ich mich in Rahmen meiner Nische häufig neu erfunden habe. Immer die gleichen Witzfiguren wären mir definitiv zu langweilig, deshalb sind solche wie in Kesslers Expedition auch sehr eigen. So halte ich mich seit mittlerweile 22 Jahren im Beruf, tauche gelegentlich wieder ab, komme aber stets zurück und bin vor allem künstlerisch glücklich. Solange ich noch guten Gewissens in den Spiegel sehen kann, riskiere ich auch weiterhin das Scheitern.

Bei welcher Parodie oder Kopie war das Risiko zu groß?

An einigen, da gehe ich durchaus hart ins Gericht mit mir. Im Krimi kann man seine Arbeit schließlich nur an der Rolle messen; die Parodie misst sich mit der Wirklichkeit, und die ist ein strenger Juror.

Also – welche?

Oliver Pocher. Oder mein Guido Cantz – schrecklich! Parodien sind immer Experimente; manchmal geht es auf, manchmal nicht.

Was würden Sie gern noch unbedingt aufgehen lassen?

Ach, jeder Charakter ist auf seine Art herausfordernd. Je weniger er anzubieten hat, desto schwieriger. Ein lauter Horst Lichter mit Dialekt ist viel einfacher als ein trockener Peter Kloeppel. Am spannendsten wäre es, mich selbst zu kopieren. Könnte die letzte Folge sein.

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