Tracks: Musikfernsehen & Fernsehmusik

Tracks_HDSeismographen des Pop

Tracks ist nicht nur die beste, sondern letzte echte Musiksendung. Zu schade, dass auch Samstag, wenn Arte sein Prachtstück mal wieder rundumüberholt, wieder mal kaum einer zusieht.

Von Jan Freitag

Manchmal muss sich anspruchsvolles Fernsehen an Kleinigkeiten erfreuen. Im Vorjahr, sagte Marie-Anne Iacono vor einigen Jahren mal über ihr liebstes Kind bei Arte, „haben 1,3 Millionen Personen mindestens einmal 15 Minuten Tracks gesehen“. Ojemine. Auch wenn es in Frankreich dreimal so viele waren – mit diesen Zahlen vegetiert das klingende Lifestylemagazin selbst in der televisionären Sauregurkenzeit Richtung Mitternacht im Nirwana der Wahrnehmung. Übertrumpft von Golfübertragungen bei Eurosport, überholt von Westernwiederholungen im Spielfilm-TV, übertölpelt von Riesenbaggerreportagen auf N24. Das ist weniger schade, als eine Schande, denn Tracks ist nicht nur die beste Musiksendung im Land, sondern genau genommen die einzige.

Über jeden Sat1-Blockbuster wird heutzutage mehr Sound gekippt als in eine typische Viva-Show. Ambitionierte Epigonen von VH1 bis Viva2 wurden nicht ohne Kalkül im Quotenrennen an die Wand gefahren. Sogar das legendäre „Top Of The Pops“ wurde nach 42 Jahren von der BBC beerdigt. MTV, wo einst der Videoclip seinen Durchbruch feierte, wo die Jugend musikalische Inspiration, das Alter Retrospektiven und der Mainstream Unterwanderung erfuhr, läuft längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Pay-TV. Und kaum hört sich mit ZDFkultur ein wahrnehmbarer Spartenkanal in der Independent-Kultur um, wird er vom Muttersender auch schon wieder beerdigt. „Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen reden“, klagt mit Steve Blame ein MTV-Moderator aus Zeiten, da man für diesen Job statt Astralleibern noch Fachverstand benötigte. Heute dagegen, so Blame im Online-Magazin Tonspion weiter, gebe es nur Jugendfernsehen.

In der Tat, denn die Zuschauer der bestätigenden Ausnahme mögen deutlich jünger sein als das Restpublikum bei Arte. Mit rund 43 Jahren sind die „Tracks“-Fans aber auch alles andere als juvenil. Die Generation Pickel lässt sich bei Viva auf die Kommerzwelt impfen, die der Falten schunkelt öffentlich-rechtlich zu Blaskapellen, dazwischen herrscht so gähnende Leere, dass man Peter Illmanns seliger Chart-Show Formel 1 nachzutrauern geneigt ist, die das Erste 1990 mit der Begründung absetzte, man könne ja nun permanent im Privatfunk Videos gucken. Es scheint eine Primärtugend der ARD, sich konsequent Richtung Vergreisung zu programmieren.

Immerhin schuf dieses Vakuum zwischen Beat-Club, Hitparade und konsumorientierten Zielgruppenkanälen Freiräume für Tracks. Wenngleich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1997 ging die französisch-deutsche Co-Produktion on Air, damals noch als reines Musikformat. Ein ehrgeiziges, ein kostspieliges Projekt, das via Hamburg, München, Berlin, Paris mit Beiträgen vom ganzen Globus gefüttert wurde. „Quotengift“, befand Mitentwicklerin Tita von Hardenberg, die ihre Firma Kobalt Productions auch für den schon damals gewagten Mix aus Populärkultur und ihrer hintergründigen Phänomenologie gründete. Kein Wunder also, dass David Bowie drei Relaunches, 500 Folgen und 2500 Reportagen später einst auf die Frage, ob er je was von Tracks gehört habe, verdutzt näselte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

So läuft es eben in der öffentlich-rechtlichen Nachtschleife: Hier tummelt sich alles, was den Erfordernissen privaten Oberflächenfernsehens zur Primetime nicht genügt. Kreatives, experimentelles, abstraktes, anregendes TV ohne Rezipienten, denn all diese Attribute dichtet man schließlich gern intellektuellem Anspruchsdenken an. Zu dumm, dass die Bohème so wenig von der Glotze hält wie vor ihr hängt. So gesehen werden 50.000 Nachteulen mit kulturellem Bedarf fast schon wieder zur respektablen Größe. Und dass Mr. Bowie nicht dazu zählt, überrascht ja nun auch nicht wirklich, obwohl er Ende 2003 selbst mal Schwerpunkt einer Sendung war und überhaupt ein Paradebeispiel jenes Credos darstellt, das die verantwortliche Marie-Anne Iacono so beschreibt: „Tracks liebt Stars, vor allem aber Anti-Stars“.

Und es besitzt die ungeheure Kraft, zwischen diesen Polen zu vermitteln. Tracks ist eine Art Seismograph independenter Erdbeben des Pop. Von The Strokes oder The White Stripes hatte hierzulande noch kaum einer gehört, als hochmobile Arte-Autoren sie aus amerikanischen Kellerclubs kramten; Coldplay oder Franz Ferdinand waren purer britischer Underground, als „Tracks“ sie mit langen Elogen feierte. Und als die besten Rapper noch schwarz waren und die besten Golfer weiß, hielt man bei Tracks einen gewissen Eminem für empfehlenswert. Leider ist es wie in jedem Katastrophenfilm à la Hollywood: Es muss erst richtig wackeln, bis man die Warner ernst nimmt.

Deshalb versucht sich die Redaktion auch so oft, selbst zu erneuern. Ab Samstag zum Beispiel mit der nächsten Generalüberholung, neue Rubriken und frischer Vorspann inklusive, dazu natürlich eine eigene App nebst aufgepepptem Online-Auftritt. Alles, um die Absonderlichkeiten hinter den Fassaden des Pop-Biz, von denen Trend-, People-, Klatsch- und Boulevard-Magazine nie Notiz nehmen, publikumswirksamer auszuloten. Zum Relaunch geht es dabei um 23.30 Uhr aber auch inhaltlich nicht nur um Off-Art und Nischen-Punk. Sondern neben „Zimmerpflanzen-Elektro“ von Data Garden oder die „Working-Class Grantler“ Sleaford Mods auch um auch um das Geschäftsmodell von 50 Cent. Tracks darf das. Wer Kunst im Ganzen betrachtet, braucht auch den Mainstream nicht zu scheuen.

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