Sturm der Liebe: Zupacker & Rehkitz

Laues Lüftchen der Liebe

Unglaublich, aber wahr: Die ARD-Telenovela Sturm der Liebe sucht seit ein paar Tagen bereits das zehnte Hochzeitspaar in spe, diesmal also Julia und Niklas. Damit dürfte das Erste auch im Jubiläumsjahr Topquoten erzielen. Ein Versuch das Unerklärliche zu erklären.

Von Jan Freitag

Amnesie geht immer. Wenn Filmhandlungen zu verworrene Filmwendungen nehmen, wenn Filmfiguren unerkannt in andere Filmfiguren schlüpfen oder spätere Filmsequenzen plötzlich nicht mehr auf spätere passen wollen, dann eben: Amnesie. Mit der Diagnose Gedächtnisverlust lässt sich jeder dramaturgische spielend Graben überbrücken, und sei er noch so tief. Julia zum Beispiel nimmt die Identität ihrer tödlich verunglückten Freundin Sophie an, um deren Vater Geld zur Heilung ihres sterbenskranken Bruders abzuringen. Sollte der Geschäftsmann mit dem eisenharten Namen Stahl nicht ebenso wie sein gesamtes Umfeld taub, blind, blöd, jedenfalls ungeheuer naiv sein, ist das natürlich trotz eiartiger Ähnlichkeit der Rollentauscherinnen grotesker Unsinn; aber – hey! Wir sind hier in einer Telenovela.

Und da geht es nicht um Logik, es geht um den fiktionalen Rahmen eines Fernsehjahrs im Sturm der Liebe, an dessen Ende die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia Wegener (Jennifer Newrkl) garantiert ganz in weiß vorm Traualtar landet, um dort den „leidenschaftlichen, erfolgreichen Sternekoch“ Niklas Stahl (Jan Hartmann) zu freien. Mit derlei Attributen versieht die ARD also nun bereits zum zehnten Mal ein Hochzeitspaar in spe, um dem Endlosformat sein Stammpublikum zuzuführen. Und wie gut das klappt, ist durchaus bemerkenswert.

Denn als vor ziemlich exakt neun Jahren das Premierentraumpaar im Dunstkreis vom Luxushotel „Fürstenhof“ und seiner wiederkehrenden Besatzung auf Tuchfühlung ging, war dieser Typus Seifenoper grad auf dem Weg nach oben. Seit Bianca – Wege zum Glück, die das südamerikanische Genre einer Protagonistin auf ihrem beschwerlichen Weg zur Ehe 2004 zugkräftig importierte, gab es mehr als ein Dutzend süßer Fräuleins mit „a“ am Ende, die das Format in 99 bis 333 Folgen zu ehrbaren Frauen machte. Heute gibt es abgesehen vom Heidschnuckenschmalz Rote Rosen allerdings nur noch Sturm der Liebe, die praktischerweise direkt hintereinander weg laufen.

Das wäre keiner Erwähnung wert, würde nicht Nachmittag für Nachmittag fast jeder dritte Zuschauer am Nachmittag zuschalten, insgesamt bis zu drei Millionen, überwiegend weiblich, selten unter 60. Und es dürften auch diesmal kaum weniger werden, wenn der blauäugig-kernige Zupacker Niklas um die rehäugig-kesse Julia buhlt. Den ersten Kuss dazu gab‘s schon zum Finale der vorigen Staffel, als SIE beim Baden im Gebirgssee ihre Herzchenkette verlor, die ER ihr flugs vom Grund fingerte, worauf es so heftig funkte, dass noch am Ufer tropfend die Lippen glühten, was allerdings nur Auftakt der branchenüblichen Irrungen Wirrungen bildet.

Das Wirkprinzip lautet: Wechselbäder der Gefühle, Distanz und Nähe in schneller Abfolge, prozessuale Liebesharmonielehre mit Misstönen, bis sämtliche Standards serieller Eheanbahnung durchdekliniert sind: Fieslinge, die auch fies aussehen, Sympathen, die aber mal sowas von nett sind. Dazu bei guter Laune Sonnenschein, bei schlechterer Wolken. Und Geigen, bis die Saiten reißen. Schließlich sind Telenovelas die Musicals der Seifenoper. Jede Mimik ist eine Spur drüber, jedes Lächeln etwas arg selig, jeder Furor viel zu furios. Trachten sorgen in Bayerns Bergwelt für Verlässlichkeit, Intriganz ist eine genetisch kodierte Wesenseigenschaft, Liebe währt wirklich, bis dass der Tod sie scheidet. Und Julia braucht genau 90 Sekunden sozialer Interaktion mit ihrem Zukünftigen, bis ihr erstmals das Wort „Schicksal“ über die bebenden Lippen kommt. Dem muss sie auf dem Weg zum Happyend zwar noch allerlei Schnippchen schlagen.

Aber es kommt. Und damit Jennifer Newrklas Chance, Henriette Richter-Röhl nachzueifern. Die erste Liebesstürmerin hat es als einzige zur wahrnehmbaren Anschlusskarriere gebracht. Sprungbretter sind selbst die haltbaren Versionen des Schrumpfgenres längst nicht mehr; ein gutes Training für höhere Aufgaben jedoch allemal. Vor allem dank der Leistung, täglich ganze Folgen abzudrehen, wo ernst gemeinteres Fernsehen kaum drei Minuten schafft. Kein Schauspieler muss sich schämen, da mitzumachen. Tag für Tag für Tag zuzusehen, wie bessere Laiendarsteller banale Baukastensätze billiger Drehbücher durchs Zahnarztlächeln drücken – dafür vielleicht schon eher.

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