Günter Netzer: Exfußballer & Stilikone

Mein Friseur in Zürich

So alt und immer noch kein Haarausfall: Günter Netzer wird 70. Zum Geburtstag dokumentieren die freitagsmedien ein Interview im Vorfeld der vorvorigen WM, bei dem der früheren Nationalspieler, Komoderator und Berufsjugendliche endlich mal nicht von jenem Pokalspiel erzählen muss, bei dem er sich selbst eingewechselt hat um dann in der Verlängerung blablabla. Stattdessen geht es ums Eingemachte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Netzer, kann es sein, dass sich die Frisuren von Ihnen und Gerhard Delling zum Ende Ihrer Beziehung hin immer mehr angleichen?

Günter Netzer: Ja, da ist was dran. Nur das ich meine nicht verändert habe.

Herr Delling meint dazu, er wisse gar nicht, was Ihr Friseur beruflich macht.

Also bitte, ich habe immer noch denselben Friseur wie 1976 und er versteht sein Handwerk vortrefflich. In Hamburg und anderswo hatte ich natürlich andere, immer solche, die einen guten Namen hatten, die was konnten. Aber keiner hat es so gemacht wie mein Friseur in Zürich. Doch ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Haare waren das Letzte, worum ich mich gekümmert habe. Das hat einst eine langjährige Freundin übernommen; die ist verantwortlich für die Anfänge meines Äußeren.

Die hat Sie zum Trendsetter gemacht.

Aber gar nicht unbedingt wegen der Haare. Ein Journalist hat mal geschrieben, ich hätte schon Schwarz getragen, als es andere nur zur Beerdigung getan haben. Das hat mir sehr gefallen. Diese Farbe war schließlich gerade in der Provinz verpönt. Meine Diskothek in Mönchengladbach war ja auch komplett schwarz eingerichtet. Viele sagten beim Betreten, das war aber das letzte Mal, dass wir hier waren, bis ich sie dann um 6 Uhr früh rausfegen musste. Das war außergewöhnlich, auch mutig für die damalige Zeit.

Genau genommen haben Sie also Stil den deutschen Fußball gebracht, als er noch den Geist des Arbeitersports in sich trug.

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich bin sicher nicht angetreten, um dem Fußball durch meine Erscheinung zu bereichern oder zu entstauben. Aber die Art und Weise, wie ich Fußball gespielt habe, die war zweifellos eine andere als üblich, das ganze moderne Gladbacher Spiel hat die Leute fasziniert. Es hat sogar die 68er damals in unsere Richtung gezogen. Von den zwei großen Clubs dieser Jahre war Bayern München der geordnete, CSU-Verein, ganz ruhig, ohne Besonderheiten; in Gladbach gab es die Auffälligen, die Außergewöhnlichen. So wie den Netzer. Wie der aussieht – der lässt sich von der Obrigkeit nichts vorschreiben, der macht, was er will, der muss einer von uns sein…

Weit gefehlt.

Und wie! Ich bin und war ja nie ein politischer Mensch. Nichtsdestotrotz fand ich das überaus amüsant, aber völlig falsch.

Wollten Sie das Außergewöhnliche, Auffällige später dennoch in Ihre Funktion als Kommentator hineintragen?

Überhaupt nicht. Es haben schon viele versucht, meine Außenwirkung auf der menschlich-psychologischen Ebene zu erklären. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie versucht, mich zu verändern! Ich bin völlig authentisch, immer eins-zu-eins. Mit mir kann man keine Show machen. Und ich hasse das Fernsehen eigentlich. Deshalb kann ich mich dort selbst auch nicht anschauen. Das tue ich wenn möglich nie. Ich zeichne meine Sendungen nicht auf, um sie mir hinterher noch mal anzusehen.

Und Ihre aktiven Spiele?

Genauso wenig. So, wie sich besonders gute Schauspieler die eigenen Filme nicht ansehen können, konnte ich meine Spiele als Fußballer kaum ansehen.

Da ist Ihnen zweifellos etwas entgangen. Welche Fußballerlebnisse anderer Spieler sind Ihnen im Gedächtnis haften geblieben?

Ich tue mich mit solchen Erinnerungen, mit Vergangenheitsbewältigung im Ganzen unheimlich schwer. Wenn Sie mich jetzt also so fragen: ich habe da überhaupt nichts präsent. Daraus folgt, dass ich es mir auch abgewöhnt habe, Erwartungen in die Zukunft zu setzen. Grad vermeintliche Topspiele erfüllen die nämlich in der Regel nie. Das war zu unserer Zeit so und wird sich kaum ändern. Zwei Spitzenteams mit Superstars gespickt werden uns immer wieder enttäuschen.

Weltmeisterschaften werden folglich Feste hochklassiger Außenseiterbegegnungen.

Das wünscht sich jeder. Aber wir werden auch dieses Mal nicht in den Genuss kommen, dass zum Beispiel eine afrikanische Mannschaft weit kommt.

Wer wird denn der prägende Spielertyp?

Da gibt’s nur einen, das ist der Messi. Ich sage schon seit Jahren, das dass der beste Spieler der Welt ist.

Was Kollege Delling ganz anders sieht.

Sehen Sie – ich habe noch nie viel Wert auf das Fachwissen von Herrn Delling gelegt; das ist nachgewiesenermaßen nicht so toll.

Nach 13 Jahren vor der Kamera an seiner Seite – sind Sie da noch Fußballer oder schon Fernsehmann?

Ich wusste frühzeitig, dass ich weder Fernsehmann noch -profi sein werde. Weil ich es – und das ist jetzt kein Kokettieren – im Grunde überhaupt nicht kann. Das Medium ist mir nach wie vor suspekt, deshalb bin ich nach jeder Sendung froh, sie hinter mich gebracht zu haben. Der Grund ist ganz einfach: Meine Authentizität ist für mich das alles Entscheidende und die hat es am Bildschirm schwer. Die Leute werden mich auf der Straße genauso erleben wie im Studio, da gibt’s keinen anderen Netzer. Bei den meisten anderen geht das rote Licht an und die mutieren zu völlig anderen Personen, die spielen dem Zuschauer eine Rolle vor. Ich bin nie anders als im normalen Leben und erkenne mich dort jederzeit wieder. Dass meine Art vor der Kamera trotzdem Erfolg hat, ist natürlich hocherfreulich, aber wer er selbst bleibt in diesem Genre ist kein Fernsehmann.

Ist Ihre nüchterne Gelassenheit dennoch ein Statement in einer Branche, die immer schriller, lauter, bunter, sportferner wird?

Es entspricht zunächst mal mein Charakter. Aber stimmt schon: Das Schrille ist für mich im Fußball keine Lösung. Er ist nach wie vor eine hochseriöse Angelegenheit, die ich entsprechend hochseriös betreiben möchte. Ich hatte einen Trainer in Madrid, der sagte: Ich gestatte keine Scherze in meinem Beruf.

Oder wie es Liverpools verstorbener Trainer Bill Shankly ausdrückte: „Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod, es geht um mehr.

Großartig. Ich finde es nicht gut, wenn der Fußball zur bloßen Unterhaltung verkommt. Die soll auf dem Platz stattfinden; die Spieler da unten sind die Hauptpersonen, die sollen eine Show bieten, nicht wir oder irgendein anderer abseits des Rasens. Wenn deren Bedeutung die des Sports an sich übertrifft, wäre das fürchterlich für den Fußball.

Sie bestreiten Ihren eigenen Unterhaltungswert?

Nein, nein. Aber der war für mich eine riesengroße Überraschung. Und mir hat niemand gesagt, ich müsse das oder das tun, um ihn zu erreichen. Es gab überhaupt keine Strategie, um bei den Zuschauern möglichst gut anzukommen. Die Kommunikation von Delling und mir ist so gesehen ein purer Glücksfall. Das Schönste, das Wichtigste, was mir der Fußball fürs Leben mitgegeben hat, ist, dass ich ein Menschenkenner bin. Als es zu einer Zeit, da ich ihn noch gar nicht kannte, mal ein Gespräch zwischen ihm und mir beim NDR gab, 45 Minuten lang, nichts besonders, da wusste ich schon nach wenigen Momenten, dass wir einen Draht zueinander haben.

Was verbindet Sie noch?

Er ist ein Spießer. So wie ich. Er ist ein hochseriöser Junge. Man kann sich auf ihn verlassen. Er ist sprachlich auf dem allerbesten Stand. Und schon damals, bei diesem Gespräch, habe ich gemerkt, dass wir ganz eigene Ebene der Unterhaltung pflegen konnten. Die Sprache des Fußballs ist eben eine ganz eigene, geprägt von Humor. Man veralbert sich da gern, besonders die Rheinländer untereinander, von ihrem Naturell her.

So wie Gerhard Delling aus Rendsburg in Schleswig-Holstein.

Trotzdem ist es auch bei ihm der Fall. Nur nie auf einem billigen Niveau. Man muss über die Scherze der Gegenseite häufiger nachdenken. Aber der Glücksfall war nicht allein, dass es so ist, sondern dass die Leute es auch noch sehen wollen. Wir wollten beide nicht weltberühmt werden; solche Pläne kann man mit mir nicht schmieden. Ich lasse mir Erfolg nicht verordnen. Aber er war eben da.

Klingt ja fast wehmütig?

Ja? Ich lebe dieses Gefühl jedenfalls anders aus als normale Menschen. Die Minuten werde ich also gewiss nicht zählen, die mir noch verbleiben, um mit Gerhard Delling über Fußball reden zu dürfen. Ich bin nicht so ein Mensch, der in Momenten des Abschieds von den schönen Dingen melancholisch wird. Wenn es vorbei ist, dann ist es halt vorbei um Himmels Willen! Ich drehe es malm: In meinem Leben gab es so viele tolle Dinge und die Zeit mit Delling gehört dazu. Nicht wegen unserer Preise, sondern wegen der Leute draußen, weil mich auf der Straße Taxifahrer angesprochen haben. Sogar Frauen. Deren Beurteilung war für mich von jeher das Wichtigste

Die fachliche?

 

Nein, eben nicht. Das war mir schon immer ein Gräuel. Eine Frau, die mir sagt: na das war ja wirklich eine katastrophale strategische Leistung, strategisch alles falsch – so was brauche ich grad noch, am besten zuhause. Nein, der weibliche Instinkt hat mich schon immer zusammenzucken lassen. Frauen wissen im Zweifel nicht mal welche Mannschaft grad von wo nach wo spielt, aber ihr Instinkt, das Geschehen trotzdem einordnen zu können, gleich das aus. Toll!

 

Da sind Sie konservativ.

 

Und stehe dazu.

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