Nationalpark Schwarzwald: Käfer & Krawall

Schwarzwald Charly EbelAusgeparkt

Ein halbes Jahr gibt es den Nationalpark Schwarzwald  und langsam gewöhnen sich selbst Gegner an ein Naturschutzgebiet, in dem Argumente schnell die Seiten wechseln und selbst Winzlinge zu Monstern werden. Ein Ortsbesuch in der gestörten Kirschtortenidylle, bei Parkranger Charly Ebel (Foto) und seinen Widersachern.

Von Jan Freitag

Der Weg in die Zukunft führt steil zu Tal. Das Geläuf ist schmal, der Boden verwurzelt, die Luft dick wie Nebel. Man sollte trittsicher sein in diesem Teil des Schwarzwalds. Und zur inneren Einkehr bereit. „Seid mal ruhig“, befiehlt Charly Ebel mehr als zu bitten und hebt den Zeigefinger. Der Abstieg sei ja mehr als eine Wanderung ins Herz seines Arbeitsplatzes. „Es geht darum“, flüstert er, „was ihr hier kultursoziologisch empfindet.“ Selbst Schweigepflicht im Nationalpark kann ihn eben nicht auf Dauer zügeln: den Fachmann im Naturburschen, den Geographen im Ranger. Ebel will das Schicksal der Gegend nicht nur erlebbar machen, sondern verständlich. Im Kopf, in der Seele, dem Bauch, überall wo Zivilisation mit dem Urzustand des Menschen ringt.

Also gehorcht man und schweigt. Lauscht seinen Schritten auf knirschendem Grund, den Vögeln darüber und plötzlich, wenige Hundert Meter Luftlinie vom Sessellift am quirligen Naturschutzzentrum Ruhestein entfernt, steht man am braunen Wasser des eiszeitlichen Wildsees und wird, ja, demütig. Vor 100 Jahren ist hier Deutschlands zweiter Bannwald entstanden und mit ihm die Idee einer Schöpfung, die nur sich selbst überlassen zu sich selber findet. Das klang schon am Übergang vom bäuerlichen ins urbane Zeitalter verträumt. Aber 2014? Charly Ebels Gesicht zerkratert in tiefe Lachfalten: „Könnte sich der ganze Nationalpark so entwickeln.“

Er heißt „Schwarzwald“, obwohl er nur einen Teil davon umfasst, kaum zwei Prozent der Gesamtfläche, exakt 10.062 Hektar, auf denen die Natur seit 1. Januar werden soll wie im Bannwald: Von Menschen besucht, statt gestaltet, klimatisch gewollte Flora, floragewollte Fauna, nicht mal Beeren darf man künftig sammeln. Geschweige denn Totholz, einst das Gold im waldreichsten Gebiet Baden-Württembergs, demnächst nur noch Teil dessen, was Charly Ebel am Fuße der uralten, viel gerühmten, oft fotografierten Großvatertanne mit „Zyklusmosaiktheorie“ umschreibt. Wie beim Menschen folge auch beim Wald auf die Phase des Wachstums maximale Stärke, bis Verfall und Tod neues Wachstum bedingen. Ebel lacht sein Kraterlachen. „Es ist der ewige Kreislauf“.

Auch Karl Gaiser lacht faltenreich, als er ihn erwähnt. Nur: es ist kein herzliches Lachen im Schwarzwälder Bannwald. Eher ein bitteres bei Schwarzwälder Kirsch. Und als die Frau des wichtigsten Aktivisten wider den Nationalpark rollenbewusst Filterkaffee ins Sonntagsservice gießt, erklärt er warum: „Ein sauberer, schöner, gesunder Wald ist mir lieber als ein rot-grüner.“ Ebel und Gaiser, sie stehen für die Fronten im Stellungskrieg: Ein Wildhüter, der zwei Drittel seiner 49 Jahre auf allen Ebenen gegen die Zerstörung der Umwelt im Ganzen kämpft, gegen einen Ortsvorsteher, der zwei seiner 60 gegen die Zerstörung der Umwelt am Gartenzaun kämpft.

So geht es weiter: Hier ein Naturschützer, der sein Gemeinschaftsprojekt lobt; da ein Verwaltungsangestellter, der Spaltung und Zerfall beklagt. Hier ein Kind der Grünen, das 30 verlorene Jobs der Holzindustrie mit 650 neuen dank Park verrechnet; da ein schwarzer Holzfällersohn, der ein Verhältnis von 70 zu 140 kennt und auf 75 Prozent der Bürgerbefragung gegen ein Projekt verweist, für das man, hält Ebel gegen, besser mehr als sieben der 105 betroffenen Gemeinden befragt hätte. Stuttgart 21, Pkw-Maut, Energiewende oder Naturparks – wenn Leute öffentlichkeitswirksam um Großprojekte streiten, klingt es stets, als sprächen sie von völlig verschiedenen Orten. Dabei sind verschieden nur die Perspektiven, kaum ein Argument, das nicht zum Gegenargument taugte.

Und sei es noch so klein.

Statt Zähne, Stacheln, Riesenwuchs hat eins davon feines Haar und kleine Fühler am winzigen Körper. Am Lotharpfad kann man den Borkenkäfer gut betrachten: Was Gegner als „Schrecken des Schwarzwalds“, hockt dort, wo 1999 ein biblischer Orkan den Schwarzwald planierte, in einer kleinen Kiste. Angelockt von Pheromenen haben sich allerdings nur zwei Käfer in den Schaukasten verirrt. Wo man die Natur zur Anschauung Natur sein lässt, ist von Plage also keine Spur. Auch spricht Charly Ebel lieber vom „Herrn der Rinde“. Er befalle ja allein jene Fichten, mit denen der einst kahlgeholzte Schwarzwald 200 Jahre lang wieder aufgeforstet wurde, und dann auch nur die alten, kranken. Zyklusmosaiktheorie? Ließe man den Borkenkäfer walten, meint Karl Gaiser, „sieht bald alles aus wie nach Lothar“.

So wird dasselbe Insekt zum Kronzeugen des Für und Wider eines Parks, den man mit dem Auto an einem halben Tag gemütlich umfahren kann. Zwischenmeinungen, Kompromisse? Da muss man zwischen die zwei Teilbebiete fahren, zu Nico Sackmann nach Schwarzenberg. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht am Vater, vielleicht auch an ein paar Kilometern Distanz zum Park – aber der 26-jährige Sohn des Sternekochs Jörg Sackmann aus dem Dorf, das Wilhelm Hauff einst zur Köhler-Novelle vom Kalten Herz animierte, sieht die 10.062 Hektar neutraler, als „Einschnitt wie Chance“.

Ersteres fürs Gewohnheitsrecht der Bewohner, die seit je an, mit, von dem Staatsbesitz leben. Letzteres für Umwelt, Tourismus, also nicht zuletzt ihn selbst. „Er ist da, er bleibt da“, übersetzt der weitgereiste Maître in spe das resignierte „s‘isch wie‘s isch“ ringsum. Die Jüngeren verbinden damit allerdings eher Zugewinne: neue Gäste fürs eigene Hotel samt Gourmettempel Schlossberg oder neue Zutaten für seine Kochkunst, die als Kandidatin künftiger Sterne gilt. Deren Kräuter sammelt er selbst vor der Haustür. Bis rein ins Schutzgebiet. Wer weiß, sagt Nico Sackmann, als er Knoblauchranke fürs abendliche Lamm aus der feuchten Erde zieht, „welche alten Kräuter entstehen, wenn man den Park mal in Ruhe lässt“.

Noch dürfte er sie sogar pflücken. Der Nationalpark ist unumkehrbar, aber im Wandel. Wohin genau, das weiß auch Karl Gaiser nicht. Er wartet die Landtagswahl ab, wo der Freie Wähler ausgerechnet den Sieg jener CDU herbeisehnt, die den Nationalpark erst erdacht und dann, als der Widerstand wuchs, bekämpft hat. Doch beerdigt, das weiß auch Gaiser, wird er wohl nie. Also arrangiert man sich. PR-Legenden von Starkstromzäunen und abgeworfenen Braunbären sind ebenso verebbt wie utopische Gästezahlen von drei Millionen jährlich. Die Atmosphäre beruhigt sich. Zumal bis auf ein paar Schilder mit den drei stilisierten Baumkronen wenig vom Park zu sehen ist. „I werd mi mei Lebbe lang ned mit ihm abfinde“, schwäbelt Gaiser noch. „Aber jetzt isch er halt da.“ Und das wohl länger als die Menschen.

Mehr Kommentare und Bilder unter http://www.zeit.de/reisen/2014-09/schwarzwald-baiersbronn-nationalpark

INFO

www.nationalpark-schwarzwald.de

www.schwarzwaldplus.de

www.baiersbronn.de

Unterkunft:

Hotel Sackmann mit Zwei-Sterne-Restaurant Schlossberg

72270 Baiersbronn/Schwarzenberg

www.hotel-sackmann.de

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