Netflixhype & Lindenstraße

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

15. – 21. September

Am Dienstag war es so weit: Mit Netflix ging ein Film- und Serienportal online, das Fernsehen ernsthaft Probleme bereiten könnte. Und das liegt weniger am duften Eröffnungsfest, das der amerikanische Streamingdienst in Berlin mit Stars und Sternchen, Superessen und Superstimmung gefeiert hat. Es liegt auch nicht unbedingt an den technischen Möglichkeiten, die endlich untertitelte Importserien im Original erlauben. Nein, leicht macht es dem flexiblen Emporkömmling, was ihm die linearen Platzhirsche zur allerbesten Sendezeit so entgegen zu setzen haben.

Um 20.15 Uhr zeigte etwa die ARD an jenem Abend Mord mit Aussicht, was langsam zum zeitversetzten Schmunzelkrimi vergilbt. Das ZDF dagegen lobhudelte Prinz Harry als wilden Windsor. RTL wiederholte mal wieder Bones, Sat1 ein Stromliniendrama mit Anwältin im Rollstuhl und bei Pro7 machten Two and A Half Men die ewig gleichen Adoleszenzverweigerungswitze. Außerdem im Angebot: Restauranttester, Wohnungswechsler, Existenzgründer, Tatort-Retorten und eine tolle Reportage auf Arte, die kaum jemand sah. Da hätte sich Netflix die schöne Supersause zwischen angemieteter Vierzimmerwohnung zur Programmpräsentation und anschließender Megaparty in einem hauptstädtischen Opernhaus, wo natürlich alles „really awsome“ war, eigentlich sparen können; denn so erledigt sich das alte Glotzenangebot eher früher als später von selbst.

Und würde somit das vielfach beschworene Schicksal der Tageszeitung als Medium ereilen, deren einstiges Primiumprodukt Frankfurter Allgemeine gerade 200 Stellen abbauen lässt, davon ein Fünftel redaktionell. Oder auch der Castingshow. Der hat RTL höchstselbst das Grab geschaufelt, indem der DSDS-Kanal nicht nur die neueste Version Rising Star vorzeitig vom Sender nahm, sondern zugleich verkünden ließ, nach mehr als zehn Jahren sei der Bedarf nach derlei Gesangswettbewerben im deutschen Fernsehen „jetzt mal gedeckt“.

TV-neuDie Frischwoche

22. – 28. September

Gedeckt nannte Reinhold Beckmann voriges Jahr auch den Bedarf nach seiner gleichnamigen Talkshow im Ersten und kündigte seinen freiwilligen Rückzug an. Am Donnerstag steht der nun an, um Mitternacht ist nach den letzten 75 Minuten von 624 Sendungen Schluss. Und was die einen bedauern, sehnen die anderen im Grunde schon seit der ersten Ausgabe vor 15 Jahren herbei. Was man vom gefühligen Host von mehr als 2000 Gästen letztlich hatte, könnte vielleicht das Best-of im Anschluss belegen. Tatsache aber bleibt bei aller Distanzlosigkeit, die Beckmann Kuschelstunden oft zugrunde lagen, dass sich seine Befragten kaum einem Fragenden so öffneten wie ihm. Bedarf noch ungedeckt, könnte man da durchaus behaupten.

Bedarf seit 29 Jahren gedeckt, meinen dagegen viele Kritiker der Lindenstraße, deren Teilung in Hass und Liebe noch intensiver gepflegt wird als beim Strom deutscher Talkshows. 1985 als frühzeitig beschworene Totgeburt gestartet, feiert die Leistungsschau bürgerlicher Fernsehunterhaltung am Sonntag die 1500. Folge. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Das teilt die langlebigste Serie hierzulande mit dem Dauerbrenner Kindesmissbrauch. Die Fiktionalisierung keines anderen Deliktes steht abgesehen von Vatermord in einem so eklatanten Missverhältnis zur Realität. Urs Eggers ARD-Mittwochsfilm Der Fall Bruckner müsste einem also schon vor Beginn um 20.15 Uhr auf die Nerven gehen – gäbe Corinna Harfouch darin nicht eine so unglaublich glaubhafte Jugendhelferin zwischen Fürsorge und Verleumdung.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch ein exzellenter Film aus Frankreich, den Arte am Freitag zeigt. Jean-Philippe Amars Adaption der Graphic Novel Niemand weiß davon erzählt die Geschichte des Illustrators JB, dessen Freundin samt Kind HIV hat, was er nur in Comicform verarbeiten kann. Verarbeitung ist ein guter Übergang zur wichtigsten Dokumentation dieser Woche. Vier Tage vorm 34. Jahrestag, wagt sich 3sat heute abermals an die Aufklärung des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980. Längst weisen sämtliche Indizien und diverse Zeugenaussagen darauf hin, dass die gerichtlich festgestellte Einzeltätertheorie des vermeintlich verwirrten Gundolf Köhler ein Lügenkonstrukt auf Anordnung der CSU ist. Ein Wiederaufnahmeverfahren steht dennoch aus.

Dass belegt auf erschreckende, wie eng Macht und Recht gerade in Bayern verwoben sind. Wäre das Ganze nicht so lange her, Die Anstalt könnte sich des Themas nochmals annehmen, wenn sie morgen im ZDF (22.15 Uhr) aus der Sommerpause kommt. Und wem all dies ohnehin zu politisch ist, kann sich ja mit dem Tipp der Woche vom Alltag ablenken: ZDFkultur zeigt Dienstag ab 21.40 Uhr erst Die Dinge des Lebens, dann Das Mädchen und der Kommissar, zwei Meilensteine des französischen Kinos von 1970. Zweimal mit Michel Piccoli und Romy Schneider, dem Traumpaar jener aufregenden Tage.

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