Die Sterne: Diskurspop & Psychobeat

IMG_20140711_163114Unsere Großstadtexistenzen

Zwischen alten Sofas, noch älteren Teppichen und unwesentlich jüngeren Instrumenten laden Die Sterne zum Interview in ihr Studio im Hamburger Stadtteil Altona. Mit Flucht in die Flucht (Staatsakt) bringen die einstigen Oberprimaner der Hamburger Schule gerade die zehnte Platte in 22 Jahren raus. Und wie das Vorgängeralbum 24/7 geht es völlig neue Wege – diesmal in den Psychobeat. Sänger Frank Spilker (re.) und Bassist Thomas Wenzel über Richtungswechsel, Publikumserwartungen, Teenagerfragen und was genau Diskurspop ist.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Die neue Platte beginnt gleich mal mit einer Ansammlung von Fragezeichen. Ist das ein Ausdruck von Ratlosigkeit angesichts der herrschenden Verhältnisse?

Frank Spilker: Nein, ich betrachte Fragezeichen eher als Aufforderung, das Gegenüber zum Sprechen zu bringen. Wir wollen ja niemandem die Welt erklären, sondern Angebote zum Mitdenken machen. Auch die Frage von „Was hat dich bloß so ruiniert?“ war weder eine Bitte um Antwort noch das Eingeständnis, keine eigene zu haben, sondern ein Vorschlag, sie sich selbst zu stellen. Da empfinde ich die Frage, Wo soll ich hingehen, als hervorragenden Einstieg eines Albums mit dem Namen: Flucht in die Flucht.

Was wiederum bedeutet?

Frank Spilker: Wie der Albumtitel deutet auch das zugehörige Stück eine gewisse jugendliche Ungeduld in einer konkreten Konfliktsituation an, nämlich es nicht auszuhalten, dass das Leben, wie man es sich vorstellt, einfach nicht beginnen will. Aus Erwachsenensicht gibt es in diesem Fall nur drei Möglichkeiten: Rebellion. Flucht. Resignation.

Die typischen Pubertätskrankheiten im Angesicht der drohenden Logik.

Frank Spilker: (lacht) Wenn man so will. Den Druck des Lebens nur auf einem dieser Wege aushalten zu können, ist definitiv eine Teenager-Frage. In meinem Alter sollte man sie eigentlich anders beantworten können als auf diese drei Arten.

Dennoch stellst du sie auch mit fast 50 und antwortest mit Flucht.

Frank Spilker: Schon. Aber es ist ein großes Missverständnis bei Sterne-Platten, dass man nicht alles darin immer eins-zu-eins dem Sänger zuschreiben sollte, als sei alles daran autobiografisch.

Hat das Album trotzdem biografische Züge?

Frank Spilker: Es ist schwer, die vollends rauszulassen, wenn man konkrete Lebenswelten beschreibt. Aber es geht eher ums realbiografische Dokumentieren allgemeiner Umstände, etwa dass das was man Gentrifizierung nennt auch für uns persönlich Existenzängste mit sich bringt. Wie also ein übergeordnetes Problem schleichend zum eigenen wird, wenn man sich überlegen muss, ob man sich die Wohnung im nächsten Monat noch leisten kann. Das klingt vielleicht etwas neurotisch, ist aber nun mal nah dran an meiner Großstadtexistenz.

Du hast die gelösten Teenagerfragen eben im Konjunktiv beantwortet, wo man als Erwachsener also eigentlich sein sollte. Bist du denn schon so weit?

Frank Spilker: Ich bin zwar nicht unabhängig von gesellschaftlichem Zwängen und Ängsten, aber von der Ungeduld, mit der Jüngere ihnen begegnen. Sich darin eingesperrt zu fühlen, empfinde ich als eher jugendlich.

Thomas Wenzel: Und es fällt nach 20 Jahren Musikmachen vielleicht schwerer, dieses Gefühl, eingesperrt zu sein zu empfinden. Wenn man diese Ungeduld und die zugehörige Wut aber wieder in sich wachruft, vermittelt das für die Musik eine positive Energie.

Wut und Ungeduld entfachen positive Energie?

Thomas Wenzel: Wenn man sich ihrer bewusst wird und versucht sie nutzbar zu machen, auf jeden Fall. Gerade, wenn man die Ungeduld als Musiker einsetzt, ist das ein ebenso legitimer wie sinnvoller Kunstgriff.

Aber wie holt ihr diese Ungeduld denn zurück in euer erwachsenes Gemüt – Erinnerung, Autosuggestion, Fantasie?

Frank Spilker: Das muss man wie Theater auffassen: Du musst ja nicht Hamlet sein, um ihn zu spielen. Je mehr man erlebt hat, desto mehr hat man in sich. Diese Gefühle sind darstellbar, selbst wenn sie nicht mehr deinen Alltag bestimmen. Es geht bei dieser Platte ebenso wie in der Musik allgemein nicht darum, ständig Gemütszustände abzubilden, sondern Tendenzen zu beschreiben und gegebenenfalls zu übertreiben.

Musikalisch bedient ihr euch dafür auf „Flucht in die Flucht“ psychedelischer Klänge. War das eine bewusste Entscheidung, jetzt mal so eine Platte zu machen, oder hat sie sich beim Spielen im Proberaum entwickelt

Thomas Wenzel: Vielleicht bewusster Entscheidungsprozess, der sich nach und nach entwickelt.

Frank Spilker: Wir haben hier nach Gemeinsamkeiten gesucht zwischen unseren eigenen musikalischen Entwürfen und die dann abgeglichen mit Inspirationen von außen. Ich zum Beispiel fand Bands wie Tame Impala aus Australien toll, die den düsteren Psycheldelic der 60er Jahre ebenso brillant wie vielschichtig reproduzieren. Oder Dirty Projectors, die ihre Stücke dekonstruieren, bis kaum noch was davon da ist. Auf der Basis solcher Einflüsse haben wir ein Demo aufgenommen, das von Olaf O.P.A.L. produziert die aktuelle Gestalt angenommen hat. Er hat unsere zerstreuten Ideen eines Jahres auf einen Sound gebündelt.

Thomas Wenzel: Wir jammen manchmal einfach drauflos, bringen aber auch fertige Songs, die teilweise schon länger bei Frank in der Schublade lagen, ins Bandkonstrukt ein und nehmen darauf alle Einfluss. So ein Findungsprozess ist vielfältig.

Frank Spilker: Wichtig ist dabei weniger, etwas zu haben, worauf man aufbauen kann, als sich für etwas zu begeistern. Wenn ich mir alte Sachen anhöre, die zu ihrer Zeit nicht gepasst haben, ist da für aktuelle Zwecke manchmal viel Gutes, Verwertbares dabei. Musik spiegelt auch immer die Energie eines Momentes wieder, in dem sie entsteht wie bei uns im Proberaum. Und in einer Band, die sich als solche versteht, ist sie immer auch Ergebnis einer Einigung aller Beteiligten.

Auf euer technoides Vorgängeralbum „24/7“ habt ihr euch also auch im Zusammenspiel geeinigt?

Frank Spilker: Genau. Ich kann mich da sehr konkret ans Titelstück erinnern. Ein toller Groove, den man viel länger spielen konnte als unsere Stücke sonst dauern. Plötzlich empfanden wir es als Verschwendung, daraus die übliche Tracklänge zu machen, haben ein Echogerät gekauft und sind der Logik das Anfangs das ganze Album über gefolgt.

Thomas Wenzel: Es gab auch da einen ähnlichen Prozess mit Abzweigen in völlig andere Richtungen, die sich letztlich als Sackgassen erwiesen haben.

Frank Spilker: Und wenn dann noch ein Produzent wie Mathias Modica dazukommt, der solche Prozesse weiter verstärkt, entstehen so unterschiedliche Alben wie diese beiden.

Bleiben solche Platten dann Exkurse eures eigentlichen Schaffens oder geben sie auch Richtungen vor?

Frank Spilker: Wenn du die Frage stellst, hast du womöglich die alten Sterne missverstanden. Alles, was sich auf den aktuellen Alben ballt, war auf den vorherigen bis zurück zu „Posen“ bereits in Ansätzen enthalten. „24/7“ war so gesehen nur die Vertiefung einer bestehenden Groove-Verliebtheit.

Was überwiegt denn nach 20 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte: Das Bedürfnis, sich zu erneuern, oder das Bedürfnis der Kontinuität?

Thomas Wenzel: Das Bedürfnis der Kontinuität besteht bei mir nur insofern, keine schlechteren Platten als die vorherigen zu machen. Das Gewohnte zu reproduzieren ist doch eher langweilig.

Frank Spilker: Und ist, glaube ich, auch nichts, was sich die Sterne vorwerfen müssen.

Thomas Wenzel: Aber vielleicht war „24/7“ ein größerer Schritt raus aus dem, was zumindest von außen gern als Sterne-Kosmos wahrgenommen wird, während „Flucht in die Flucht“ wieder ein kleiner zurück in die Songhaftigkeit ist.

Frank Spilker: Man arbeitet immer ein wenig gegen die Trägheit des Publikums an. Was ich gut nachvollziehen kann; ich bin ja auch Publikum anderer. Wer eine Platte besonders toll fand, möchte, dass sich das auf der nächsten wiederholt, besser noch verstärkt. Radikale Abweichungen irritieren da oft eher als zu begeistern. Ich möchte von Tame Impala auch noch ein Album in der Art des Debüts haben. Aber wer sich vier, fünfmal wiederholt, gräbt sich musikalisch sein eigenes Grab.

Gibt es dennoch eine musikalische Klammer, die eure zehn Platten in 22 Jahren verbindet?

Thomas Wenzel: Hmm.

Frank Spilker: Weiß nicht.

Vielleicht Diskurspop?

Frank Spilker: Wenn es denn einen Diskurs mit dem Publikum gäbe…

Ich dachte die eingangs erwähnten Fragezeichen stünden dafür einen Austausch?

Frank Spilker: Das stimmt. Aber das Diskursive am Diskurspop bezog sich ja neben der Abgrenzung zur Hippiegeneration auch auf den Austausch zwischen den Bands einer gemeinsamen Stilrichtung. Heute würde ich sagen, das Einlassen auf einen Diskurs ist zu selbstverständlich geworden, um damit eine stilistische Abgrenzung zu umschreiben. Insofern ergibt der Begriff „Diskurspop“ ebenso wie „Hamburger Schule“ nur in einem bestimmten zeitlichen Rahmen Sinn.

Diskurspop heißt ja auch, nicht nur Entertainment zu liefern, sondern Stoff zum Nachdenken und Mitmachen.

Frank Spilker: Um das zu beantworten, bräuchte man mehr Abstand zum eigenen Schaffen. Aber keine Veränderung zu wollen, ist ja nicht bloß ein Ausdruck vom tiefen Einverständnis mit den Verhältnissen, sondern ein Zustand des Scheintodes.

Anders gefragt: Hat Musik die Kraft zur Veränderung der Welt?

Frank Spilker: Bei Kritik geht es immer darum, Verhältnisse zu verbessern. Aber zu glauben, man könne die Welt mit Musik verändern, ist absurd. Dennoch will jeder, dass sein Handeln Wirkung zeigt. In unserem Fall, dass Hörer jene Lebenswirklichkeit, die wir in unseren Liedern beschreiben, nachvollziehen können und womöglich das Gefühl kriegen, mit ihrer Wahrnehmung nicht allein zu sein. Veränderung beginnt immer mit Kommunikation.

Das Interview ist zuerst erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/08/veraenderung-beginnt-mit-kommunikation-die-sterne-im-interview/

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