11 Freunde im TV: Die Last des Anspruchs

Bolzplatz war gestern

Die Fernsehversion des alternativen Fußballmagazins 11 Freunde im RBB hätte dem Fußballjournalismus durchaus etwas Neues hinzufügen können. Was Magazin-Chef Philipp Köster und Ko-Moderatorin Jessy Wellmer in der ersten Folge vor einem Monat ablieferten, war dann aber doch bloß eine halbgare Mischung aus Sport1-Stammtisch und Sat1-Comedy, die wenig Hoffnung macht, dass es heute wesentlich besser wird.

 

Von Jan Freitag

 

Die Assimilierung alternativer Ideen in den Mainstream ist ein probates Mittel der herrschenden Meinung, Abweichlern ein Stück ihrer renitenten Kraft zu rauben. Nach diesem Prinzip wurden schon grüne Gedanken christlich-demokratisch und rechtsradikale christlich-sozial, so gerieten Atomkraftwerke auf konservative Streichlisten, besetzte Häuser ins Stadtmarketing und nun also 11 Freunde ins Fernsehen. Seit gestern nämlich ist das rotzfreche Fußballmagazin früherer Tage beim RBB auf Sendung. Nach einer Testphase von zwei Folgen soll es dort monatlich zu vorgerückter Stunde zeigen, was das gedruckte Magazin schon lange nur noch so nebenbei liefert: Die abseitigen Seiten von Deutschlands Leib- und Magensport. Oder wie es Moderatorin Jessy Wellmer vor der Premiere herausposaunt hat: „Wir berichten leidenschaftlich über Fußball, wir beziehen Stellung, vor allem aber haben wir Spaß an diesem Spiel“.

Das ist der Kommunikationswissenschaftlerin vom ZDF-Morgenmagazin mit Sportschau-Erfahrung sogar zu glauben. Allein – ihr Spaß am Spiel erschließt sich gesendet noch ein bisschen weniger als in Heftform. Im Mittelpunkt des Auftakts aus dem Hause der Hamburger Produktionsfirma Riesenbuhei, stand schließlich nicht irgendein Bolzplatz im Umfeld glitzernder Champions-League-Städte, kein Randgruppenkicker im Ringen um Anerkennung, nicht mal zweite, dritte, gar Verbandsliga – nein, es ging ausnahmslos um die Belletage vorm Auftaktspiel am Freitag. Um profane Fragen nach Bayerns Durchmarsch, Hamburgs Abstieg oder Wolfsburgs Einkaufspolitik. Es ging also exakt um jene fußballerische Massenkultur, der die 11 Freunde vor 14 Jahren von der Etagenwohnung des Chefredakteur Philipp Köster aus doch eigentlich das Herz, genauer: die Magengrube des Fußballs entgegensetzen wollte.

So begrüßte dieser graswurzelbewegte Edelfan der drittklassigen Bielefelder Arminia sein Publikum im Schwiegersohnhemd zur Klugscheißerbrille allen Ernstes mit den Worten: „Herzlich Willkommen – hier ist Berlin Mitte“. Womöglich, weil das mehr an die Hitparade als Instagram erinnert, feuerte das Format fortan aus allen Rohren Wackelzooms und Zappelschnitte, als hätten die Kameraleute kollektiv Pennälerblasen. Und auch sonst erinnerte abseits der obligatorischen Turnschuhe aller Protagonisten vieles an Schultheater. Das Interview der ersten Studiogäste Arne Friedrich und Thees Uhlmann wirkte unstrukturiert wie ein Drittklässler-Referat. Jessy Wellmer kombinierte im gewagten Zebrastreifenshirt Fragen nach der Fußballbiografie des Popstars (Tomte) völlig haltlos mit solchen nach seiner jeweiligen Frisur. Und wie oft Friedrichs früherer Verein Hertha BSC in Wort und Bild verarbeitet wurde, das roch dann doch schwer nach den frisierten Ranglisten von Kerners Besten und NDR-Rankingshows.

Dabei hätte man von 11 Freunde TV durchaus ein wenig mehr erwarten können als Kneipengespräche im Barambiente und Duzen als Distinktionsmoment. Schon auf gediegen mattiertem Papier hatte sich das selbsternannte „Magazin für Fußballkultur“ zwar nicht erst seit der Übernahme durch Gruner + Jahr 2010 dem Milliardenevent samt seiner unersättlichen Gier nach Stars, Pokalen, Big Business verschrieben. Doch wer abseits handgemachter Fanzines nach Geschichten mit Grant statt Geld an den Hacken sucht – in Kösters Blatt wird er noch ab und zu mal fündig.

Seine Anmoderation, die Sendung werde sich „irgendwo zwischen Lionels Messis Goldfuß und verregneten Auswärtsspielen in Usbekistan“ bewegen, muss man dennoch eher als Fiebervision abheften. Denn was da gestern kurz vor Mitternacht zu sehen war, befasste sich von der ersten bis zur letzten Sekunde mit Spitzensport. Die Rubrik „Fünf steile Thesen“ konstatierte zu Beginn Bayerns Sturz auf Platz 2, Paderborns Abstieg und natürlich irgendwas mit Friedrichs Hertha. Ein leidlich unterhaltsames Puppenzirkusstück mit Papp-Kahn als Direktor persiflierte den Toptrainer Rangnick, den Topstürmer Lasogga, solche Kaliber. Der lange Bericht übers Chaos beim HSV ließ immerhin einen Fanvertreter zu Wort kommen, doch das einzige Stück mit echten Tribünenflair war eine Satire über – was sonst – einen Hertha-Anhänger auf der erfolglosen Suche nach einer BSC-Kneipe in der Hauptstadt.

Witzig.

Und so dümpelten die ersten 30 Minuten ziemlich überdreht zwischen teurem Formatfernsehen und billigem Abi-Scherz herum – nie so ganz mit sich selbst im Reinen, ob das nun echte Satire sein soll oder doch ein ernster Blick hinter die Kulissen. Den größten Witz allerdings hob sich der leicht seifige Köster bis zum Schluss auf. „Damit“, behauptete er nicht spürbar ironisch vorm Abspann, „hätten wir fast alle Fragen zur anstehenden Bundesliga-Saison zufriedenstellend beantwortet“. Bis auf eine: was 11 Freunde TV dazu künftig Erhellendes beitragen könnte. Kleiner Vorschlag: Zurück zu den Wurzeln, fort vom Hochglanzprodukt, hin zum Fußball wie er leibt und lebt, also etwas mehr von der unterschwelligen Kapitalismuskritik, zu der man den St.Pauli-Fan Uhlmann immer mal wieder nötigte, und viel weniger vom biederen Promikult, der in einem skurrilen Fakevideo des gescheiterten Exnationaltorwarts Tim Wiese gipfelte. Dann wäre die Premiere vielleicht doch nur eine verpatzte Generalprobe gewesen. Und das Beste kommt vielleicht noch. In der Winterpause.

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