Sofas friends & Auserwählte

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

22. – 28. September

So irreal die Messung der Einschaltquote auch sein mag – manchmal hilft ihre Gegenüberstellung beim Begreifen des Fernsehens ein Stück weiter. Wenn etwa der vorige Tatort Münster fünfzehnmal mehr Zuschauer hatte als der letzte Einsatz von Reinhold Beckmann, der sich am Donnerstag muchsmäuschenstill von seiner Talkshow verabschiedet hat, dann wird deutlich: Was laut ist, schrill und ulkig, scheißt im Zweifel, was dezent, leise und ernst ist so zu mit Effekthascherei, dass es schnell mal ignoriert wird.

Andere Formate dagegen hallen halbe Ewigkeiten nach ihrem Ende nach, als seien sie noch auf Sendung. Vorige Woche zum Beispiel wurde ein Jahrzehnt nach dem Abschied von Friends das berühmte Wohnzimmer der noch berühmteren Sitcom in New York aufgebaut und tausende von Fans setzten sich zum Selfie in die Kulissen, was zuvor schon mit dem Original-Sofa in Berlin der Fall war, wo man sein Gesicht in Pappkameraden wie Jennifer Aniston stecken konnte. Für richtig Furore sorgte allerdings auch eine Mitteilung für die Welt von morgen: Vince Vaughn und Colin Farell lösen Matthew McConaughey und Woody Harrelson als Ermittler der Krimiserie True Detective ab, die 2015 ihrer 2. Staffel entgegensieht. Das ist schon einen kleinen Medienhype wert. Von dem die alten Druckmedien nur träumen.

Dass G+J die Verleihung des bedeutsamen Henri-Nannen-Preises 2015 aus Spargründen ausfallen lässt, interessierte da im Grunde nur die Anhänger des Qualitätsjournalismus. Dass der gleiche Großverlag seinem Flaggschiff Stern vorige Woche eine rein männliche Chefredaktion verpasste, interessierte dagegen vornehmlich den Gleichberechtigungsverein ProQuote, der die Frauenfreiheit im Fünferteam völlig zu Recht als „Schritt zurück in die redaktionelle Steinzeit statt in eine moderne Medienzukunft“ geißelte. Den der Focus mit der Inthronisation des Alphatiers Ulrich Reitz übrigens gewohnt maskulin mitgeht. Und dass mit der Düsseldorfer Wirtschaftswoche ab Mittwoch das erste Zentralorgan ökonomischer Berichterstattung weiblich geführt wird, nämlich von Miriam Meckel, war im Vorfeld sogar nur für die Branche selbst ein Anlass zum Aufmerken.

TV-neuDie Frischwoche

29. September – 5. Oktober

Überhaupt – die Branche. Dieses hermetische Wesen mit Außenwirkung. Seit jeher beweihräuchert sie sich selbst mit allerlei internen Trophäen wie dem Deutschen Fernsehpreis, durch den sich die vier großen Sender seit 1998 gegenseitig auf die Schultern klopfen. Bis jetzt. Die Verleihung am Donnerstag, von der ARD tags drauf nach der Degeto-Schnulze gezeigt, ist die letzte ihrer Art. Und somit auch die letzte Chance für RTL, für sein Anti- bis Nichtprogramm ausgezeichnet zu werden. Um zu zeigen, wie absurd das ist, wird an dieser Stelle abermals kein einziges Format der Privatsender empfohlen, was nichts mit Trotz zu tun hat, sondern mit purer Sachlichkeit.

Exemplarisch sei daher nur mal auf Die Schlikker-Frauen verwiesen. Mit denen verwurstet Sat1 morgen die Schlecker-Pleite, in dem Sky Du Mont als elitärer Drogerie-Boss von vier entlassenen Verkäuferinnen gekidnappt wird, was leider nur ulkige Hausmannskost zum Schenkelklopfen ist und fix vergessen. Humor sollte Sat1 lieber seinem Partner Pro7 überlassen. Und gutes Fernsehen den Öffentlich-Rechtlichen. Mittwoch zum Beispiel läuft in der ARD Die Auserwählten. Ein Film über die berüchtigte Odenwaldschule, der am Originalschauplatz ebenfalls die Realität eines Missbrauchssystems verarbeitet, allerdings seriös und unterhaltsam. Vor allem dank Ulrich Tukur, der den Direktor mit verstörendem Charisma spielt. Wenn er ihn denn spielen darf – denn vorab muss noch juristisch entschieden werden, ob die ARD womöglich Persönlichkeitsrechte Betroffener verletzt.

Mit solchen Fragen muss sich das ZDF tags drauf nicht rumschlagen. Eher mit der, ob Die Fremde und das Dorf so schmalzig ist, wie es heißt. Ist es nicht. Was in Titel und Sendeplatz auf pilchereske Schnulzen schließen ließe, gerät zum klugen Drama über Abschottung im ländlichen Raum. Mit der famosen Henriette Confurius als italienische Lehrerin, die eine Gruppe junger Erdbebenopfer in Österreich regenerieren soll und dabei Teil eines Familienthrillers wird. Unbedingt empfehlenswert ist auch Vladimir Kotts vielfach preisgekröntes Regiedebüt Mukha (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) um den russischen Fernfahrer Fjodor, der sich zwischen seiner Freiheit und einer unbekannten Tochter entscheiden muss.

Es sind gute Filme. Flankiert von guten Schwerpunkten wie 30 Jahre Mauerfall, mit dem Arte ab Dienstag allerlei Sehenswertes zur Wende zeigt. Flankiert auch von kritischen Dokumentationen wie Projekt Hühnerhof, wo Dirk Steffens zwei Dienstage zur besten Sendezeit im ZDF dem Irrsinn industrieller Geflügelproduktion auf den Grund geht. Flankiert sogar von ordentlicher Satire wie Ein Fall fürs All, in das sich Urban Priol und Alfons bildlich schießen lassen, um von oben den Aberwitz der Weltpolitik zu analysieren. Dass das Geburtstagsständchen des gestandenen Journalisten Hanns-Bruno Kammertöns für Der Mann, der Udo Jürgens ist am Montag im Ersten etwas arg lobhudelig ausfällt – geschenkt.

War noch was? Ach ja – Wetten, dass…? kehrt zurück aus der Winterpause, was irgendwie zum Tipp der Woche passt, der auch mit Horror zu tun hat: Black Sheep (Dienstag, 22 Uhr, Tele5), ein famoses Splatter-Movie über biotechmutierte Killerschafe in Neuseeland.

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