Wenders Feigheit & Russlands Mond
Posted: June 1, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
25. – 31. Mai
Wenn sich die Film- und Fernsehbranche mit Trophäen feiert, ist allenfalls am Rande Platz für kritische Worte – interne zumal und schon gar nicht an Geehrte. Als die Deutsche Filmakademie am Freitag in Berlin ihre Lolas verliehen hat, wären aber wenigstens ein paar davon angebracht gewesen. Für Wim Wenders nämlich, den Nastassja Kinski zurzeit bittet, nein: anfleht, Szenen aus Falsche Bewegung zu entfernen, in denen er die damals 13-Jährige 1975 als nacktes Opfer sexueller Gewalt zeigte.
Dazu schwieg die Branche bei der Verleihung des Ehrenpreises an Wim Wenders weiterhin so laut, dass der eingespielte Satz des Produzenten Ulrich Felsberg, er „kenne niemanden, der nicht gerne mit dir zusammengearbeitet hat“ eher nach Rosamunde Pilcher als Arthaus klang. Und so war es Wenders selbst, der nach 80 Minuten einer belanglosen Show die Kohlen aus dem eigenen Feuer zu holen versuchte und alle Filmschaffenden dazu aufforderte, gemeinsam darüber zu diskutieren. Denn würde er sein Werk ohne Diskurs kürzen, schüfe er einen „Präzedenzfall, der euch alle betrifft“.
Das war zwar ein ziemlich verzagter Auftritt, in dem Wenders sehr viel von sich, also dem Täter, sprach und sehr wenig von Kinski, also dem Opfer. Obwohl er das Naheliegendste unterließ, nämlich um Verzeihung zu bitten und seinen Film nachträglich zu schneiden, verstärkte er die ohrenbetäubende Feigheit seines – stehend applaudierenden und dennoch winzigen Kollegiums abermals. Apropos Selbstverzwergung: Julian Reichelts neovölkisches Hetzportal NIUS macht nämlich nicht nur Millionenverluste; die Reichweite ist auf Platz 177 der „redaktionellen“ Online-Angebote abgesackt.
Den Claim „Stimme der Mehrheit“ hat es aber unabhängig davon erst durch „verlässlich, überparteilich, populär“ ersetzt und kurz darauf den ersten der drei Begriffe gestrichen. Weil der rechte Mäzen Frank Gotthart weiter Unsummen ins unverlässliche Medium steckt, ist das allerdings kein Grund zur Entwarnung. Schließlich zeigen die USA, wo CBS Donald Trumps Intimfeind Stephen Colbert in einer Art vorauseilendem Führer-Gehorsam abgesetzt hat, wie schnell Pluralismus und Pressefreiheit unterm Druck totalitärer Systeme biegen.
Das musste die ARD unlängst sehr hautnah in Kiew erspüren. Bei einen der unzähligen russischen Drohnenangriffe wurde ihr Studio – ob gezielt oder nicht – vorige Woche weitestgehend zerstört. Dass Heidi Klums Supermodels 2026 schon vorm sterbenslangweiligen Finale bekannt waren, ist da wirklich nur noch egal.
Die Frischwoche
1. – 7. Juni
Ungefähr so egal wie die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft in der angehenden Diktatur Amerika. Nichtsdestotrotz gibt es zur Vorbereitung retrospektives Anschauungsmaterial. Das ZDF erinnert uns ab morgen im Vierteiler Elf Helden – Ein Albtraum ans verpatzte Turnier 1994. Die ARD verwendet einen Teil weniger seit ein paar Tagen schon auf die Mission Sommermärchen. Und Donnerstag versucht Netflix mit einem Porträt des Wonneproppens Lukas Podolski Stimmung zu machen, die sonst nicht so recht aufkommen will.
Bleibt also fiktionale Ablenkung vom Korruptionskomplex WM. Mit dem großartigen Spin-Off der SciFi-Serie For All Mankind etwa, das Apples Alternative History der russischen Monderoberung in Star City zehn Folgen aus russischer Perspektive erzählt. Oder ab Freitag an gleicher Stelle auf andere Art faszinierend: Cape Fear, ein serielles Remake des sehr amerikanischen Rachethrillers von 1962 und 1991 mit Javier Bardem als Haftentlassener, der an denen, die ihn unschuldig ins Gefängnis gebracht hatten, perfide Vergeltung übt.
Weder was für Feingeister noch schwache Nerven. Was irgendwie auch aufs Wacken Open Air zutrifft, dem Magenta TV am Donnerstag die hochinteressante, aber leicht unkritische Entstehungsdokumentation Hands Full of Metal zum 35. Geburtstag widmet. Gut unterhalten wird man ab Dienstag bereits von der Disney-Serie Not Suitable for Work über eine Handvoll Mittzwanziger, die in New York am Arbeitsmarkt (und ihrer Persönlichkeitsbildung) verzweifeln. Der schwedische Streamer Viaplay geht diesen Monat mit einem Satz – meist skandinavischer – Serien in die Offensive.
Heute starten der achtteilige Politthriller The Circle und die Film-in-Film-Comedy Veni Vedi Vici. Nach dem krachenden Scheitern seiner missratenen Apfelernte Ein Hof zum Verlieben wagt sich Sat1 parallel an die nächste Daily. Ab heute nämlich kämpft die alleinerziehende Krankenschwester Frieda (Laura Lippmann) 162 Episoden lang im Elbsandsteingebirge gegen das Aus ihrer Klinik und miese Quoten. Na, viel Glück!