Nina Hoss: Hollywood, Barbara & Petzold

Muse klingt mir zu passiv

In Christian Petzolds gefeiertem DDR-Melodram Barbara (Freitag, 3. Oktober, 22.15 Uhr, ZDF) spielt Nina Hoss wie so oft eine leidgeprüfte Frau zwischen zwei Männern. Das sage allerdings weniger über diese Frauen aus als übers Land, in dem sie leben, sagt die 38-jährige Schauspielerin, die zurzeit an der Seite von Philip Seymour Hoffman auch in Anton Corbijns Terrorfilm A Most Wanted Man zu sehen ist. Nina Hoss über Frauenfiguren, Musen, ihr komisches Potenzial und warum sie bei langen Kameraeinstellungen entspannt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hoss, wissen Sie, was Ihre Barbara in Christian Petzolds gleichnamigen Film nach geschlagenen 30 Minuten zum ersten Mal tut?

Nina Hoss: (überlegt lange) Nein, geben Sie mal einen Tipp.

Es hat mit ihrem westdeutschen Lover Jörg zu tun.

Sie lächelt?

Genau. Und bis zum ersten herzlichen Lachen dauert es nochmals eine Stunde. Was sagt diese Freudlosigkeit aus über Barbara?

Erstmal wenig, weil weder Christian noch ich im Vorwege viel darüber nachdenken, Emotionen möglichst früh oder spät zuzulassen. Zu Beginn der Geschichte hat Barbara eben nichts zu lachen. Das Schöne daran ist aber doch, wie sie sich peu à peu der Welt öffnet und Empfindungen zulässt.

Dennoch muss man selbst dann als Zuschauer lange nach Spuren der Leichtigkeit suchen.

Die liefern dafür andere Faktoren: Wind, Farben, der Sound. Selbst das Miteinander ist allerdings nicht wirklich schwer, sondern wie sich belasteter Alltag für eine Dissidentin und ihre Umgebung in so einem System nun mal darstellt. Es geht dem Film eben nicht um Leichtigkeit.

Was die meisten Ihrer Figuren kennzeichnet oder?

Anders als im Theater ist es zumindest das, was mir überwiegend angeboten wird. Dennoch gibt es keinen Grund, sich dagegen aufzubäumen. Wie sich meine Charaktere nach Christians Drehbüchern zurück ins Leben kämpfen, sagt ja mehr über die Umstände als die Frauen aus. Christians Filme wirken ja nicht deshalb so schwer, weil ich sie spiele, sondern weil er mit großer Genauigkeit ein beschwertes Land untersucht.

Bedingen Christian Petzold und Nina Hoss einander womöglich?

Das hoffe ich doch. Aber er kann auch ohne mich, wie ich auch ohne ihn kann. Dass wir uns allerdings auch gemeinsam entwickeln können, zeigt unser neuer Film Phoenix

Wieder ein Frauenname?

Nein, eher der aus der Asche. Es geht um eine jüdische KZ-Überlebende auf der Suche nach ihrem Mann, deren zerstörtes Gesicht 1945 wiederhergestellt wird, weshalb er sie, als sie ihn gefunden hat, nicht erkennt.

Puh. Lars von Trier wird gern gefragt, ob er Frauen hasst, so übel wie ihnen seine Filme mitspielen. Könnte man die Frage auch Christian Petzold stellen, dessen weibliche Figuren – oft eingeklemmt zwischen zwei Männern – ähnlich viel erdulden müssen?

(lacht) Nein, lieber nicht. Und ich wehre mich auch dagegen, Geschichten auf Faktoren wie weibliches Leid zu reduzieren. Das Leben ist einfach stets komplizierter, als es einzelne Begriffe suggerieren. Andererseits haben Sie recht: Frauen müssen sich ihre Räume – gerade in zurückliegender Zeit – weit mehr erkämpfen als Männer. Das ist oft ein Kraftakt gegen Widerstände. So gesehen stellt Christian Frauen realistisch dar – und zwar gerade deshalb, weil er Frauenfiguren aus der männlichen Perspektive die nötige Distanz entgegenbringt. Ich finde es frappierend, wie exakt er das weibliche Wesen dabei oft trifft. Vielleicht hat er als Mann mehr Interpretationsspielräume, wenn er nicht sein eigenes Geschlecht beschreibt.

Mittlerweile tut er das zum sechsten Mal mit Ihnen. Sucht sich die Schauspielerin da überhaupt noch ihre Rollen aus oder umgekehrt die Rolle ihre Darstellerin?

Also ich habe schon noch Einfluss. Aber stimmt schon – für manche Charaktere werde ich gar nicht erst angefragt, da falle ich offenbar durchs Raster.

Zum Beispiel – Actionfilme?

Das würde mich zumindest interessieren, schon allein wegen der Stunts. Ich habe zwar schon sehr körperliche Sachen gedreht, einen Vampirfilm, Die Weiße Massai. Aber wenn ich nur mit Christian arbeiten würde, fehlte mir ganz sicher ein Ventil. Bei ihm neige ich ja doch eher zur Implosion. Explodieren tue ich dagegen eher auf der Bühne, das sieht aber halt nur ein Bruchteil der Kinozuschauer. Ich opfere jedenfalls nicht drei Monate für einen Film, der mir zu platt ist und unausgegoren, der weder mein Interesse trifft noch meinen Geschmack.

Welcher wäre das denn?

Als Zuschauerin liebe ich Godard, sehe aber auch gern echte Blockbuster. Als Schauspielerin will ich das Publikum mit komplizierten Figuren beanspruchen und den Film auf einer langen Reise gemeinsam entdecken. Nur so erreicht er die Kraft des Theaters, wo ich direkt spüre, ob die Zuschauer nachdenken. Ich mag nichts Vorgekautes, Durcherklärtes – ganz gleich ob Tragödie oder Komödie.

Kriegen Sie letztere denn überhaupt angeboten?

Durchaus.

Aber gespielt haben Sie noch keine.

Da war die letzte wohl Nackt von Doris Dörrie, über den allgemeinen Beziehungswahnsinn unserer Zeit. Aber auch da war es mir wichtiger, meine Figur in die Extreme zu treiben, als ein paar Lacher zu erzeugen. Ich suche den Humor eher in der Überzeichnung des Normalen.

Würden Sie denn für einen zünftigen Klamauk taugen?

Na klar! Ich bin Schauspielerin geworden, um alles Mögliche darstellen zu können. Aber eben nicht auf Gedeih und Verderb. Es muss schon meinen Humor treffen.

Til Schweiger hat seine Klamotte 1½ Ritter mit den Worten verteidigt, Kopf gegen Eisengitter fänden nun mal alle lustig. Sie auch?

Im Rahmen der richtigen Geschichte schon. Und Slapstick zu beherrschen, vor allem das richtige Timing ist eine große Kunst. Ich merke aber gerade, wie es sich in mir bei all den Fragen nach dem Humor zusammenzieht. Ich kann als Schauspielerin ebenso komisch sein wie ich es als Mensch bin und auch auslebe. Aber mir fehlt total dieses drängende Bedürfnis: Oh mein Gott, darf ich endlich mal was anderes als ernst machen?! Ich bin total glücklich mit dem, was ich zeigen darf und kann.

Zum Beispiel, kompletter Ereignislosigkeit Spannung zu entlocken. Wie in Barbara, wo sie über Minuten nichts tun, außer wortlos ihre neue Wohnung zu vermessen.

Wenn man wie bei Christian Dinge oft stumm erklären soll, muss jede Regung fast zwingend zum Ereignis werden, weil sie Erklärungen ersetzt. Deshalb macht man sich in solchen Einstellungen permanent irre viele Gedanken, was sie über die Figur erzählen. Und diese Konzentration aufs Wesentliche überträgt sich im Idealfall auf die Zuschauer. Ich selbst finde es ja auch ungeheuer spannend, mir meinen Reim darauf zu machen, was Menschen gerade denken oder tun, wenn ich sie auf der Straße beobachte.

Können Sie dieses Beobachtetwerden gut ertragen, wenn Christian Petzold die Kamera gefühlt Minuten lang auf ihr Gesicht hält, ohne das etwas passiert?

Das geht. Und wissen Sie was: Ich finde diese Momente, wo die Kamera sich etwas bei mir abholt, sogar ungemein entspannend.

Oh, die meisten Menschen verkrampfen eher, wenn sie derart beobachtet werden.

Als Nina täte ich das ja auch. Das Entspannende ist aber, dass meine Figur bei diesen Szenen nichts forcieren muss. Szenen wie Barbaras in der neuen Wohnung dürfen sich in den Proben unabhängig vom Drehbuch entwickeln. Ich kann die Einsamkeit darin wirklich erspüren, weil Christian sie mich eigenständig empfinden lässt.

Wenn Sie so von Christian Petzold und sich reden, klingt das wie eine Symbiose, um nicht Ehe zu sagen.

(lacht) Wir kennen uns schon ziemlich gut, ja. Wir sind zwar keineswegs immer einer Meinung, aber ich weiß schon, wohin unser Weg geht, was er sucht. Und das weiß er wohl auch bei mir.

Könnte man das mit dem nostalgischen Begriff der Muse umschreiben?

Muse klingt mir zu passiv, bloß anregend. Wir befinden uns im permanenten Austausch, aber so viele Freiheiten er mir auch lässt: Christian ist und bleibt der Autor, ich bin die Interpretin seiner Ästhetik. Dennoch: wenn schon Muse, dann ist er auch meine.

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