Folkfriday: Mirel Wagner, Jeff Beadle

Mirel Wagner

Hätte die Dunkelheit einen Tonfall, hier wäre er gut zu hören. In dieser düster tröpfelnden Gitarre, diesem verschrobenen Wattegesang, all den menschenleeren Zwischenräumen, aus denen man sich so sehr einen Hoffnungsschimmer herbeisehnt. Und wenn schon kein heiteres Glockenspiel, dann doch wenigstens Bass, Schlagzeug, Keyboard, Chorus, egal – Hauptsache, irgendetwas hilft dem gefangenen Kind aus Mirel Wagners Keller ans Licht. Aber da ist nichts außer dunkelbunter Traurigkeit, deprimierend, trist. Es ist zum Heulen.

Nun hat die Finnin mit äthiopischen Wurzeln ihr zweites Album When The Cellar Children See The Light Of Day veröffentlicht. Darauf zeigt sie mehr noch als auf ihrem Debüt, dass der viel zitierte Soul im Sound farbiger Musiker nicht zwingend grooven muss. Wenn Mirel Wagner zur Gitarre greift, bleibt die Seele verschattet und das Kellerkind in der Dunkelheit ihrer trüben Gedanken gefangen. Da regnet es zehn Stücke lang aus dicken Wolken aufs kaputte Dach darüber. Permanent geht es um alptraumhaften Herzschmerz und schmerzhafte Wachträume. Um The Devil’s Tongue, die da furchtbar an ihr leckt. Oder um schwarze Wellen aus Fleisch, Blut und Knochen, unter denen sie förmlich begraben wird. Zum Heulen, wie gesagt.

Zum Heulen schön.

So niederschlagend Text und Gitarre im Zusammenspiel schließlich beim ersten Hören wirken, so groß ist Wagners musikalische Kraft, die darin zum Ausdruck kommt. Ihr Gesang klingt meist, als käme er aus einem Puppenhaus, in dem sie gefangen ist, seltsam dürr und zart wie hinterm Schrank versteckt gesungen. Durch einen äußerst dünnen Gitarrenschleier zudem, der oft nur aus vier, fünf Noten besteht. Doch selbst wenn die zehn Stücke durchweg aus den staubigen Ecken ihres Innersten berichten, dort wo nie ein Besen hingelangt: When The Cellar Children See The Light Of Day betört durch Mirel Wagners Mut, all dem Ausdruck zu verleihen. Man wünschte ihr nur, sie würde mal brüllen, statt zu flüstern.

Mirel Wagner – When The Cellar Children See The Light Of Day (Sub Pop)

Jeff Beadle

Um im Strom der folkinspirierten Songwriter nicht an der ersten Flussbiegung schon auf dem Trockenen zu landen, sollte sich jeder Liedermacher ein Alleinstellungsmerkmal zulegen. Ben Howard zum Beispiel versucht es mit exzellenten Gitarrenspiel, William Fitzsimmons mit einer rauschebärtigen Flüchtigkeit, Mike Rosenberg mit Quakorgan und Passenger-Pop. Aber Alleinstellungsmerkmale? Auch Jeff Beadle ist instrumentell versiert, ein ganz schöner Beardo, stimmlich eher quakig als kernig und dem Mainstream zumindest nicht strukturell abgeneigt. Doch der Kanadier hat noch ein anderes Distinktionselement – eine dufte Legende.

Sie geht ungefähr so: Bereits im zarten Alter von zwölf Jahren ist Jeff Beadle mit Kumpels durch seine Heimatstadt Toronto gezogen und hat bei jeder Gelegenheit selbstkomponierten Folk zum Besten gegeben. Weil ihm der frühe Start ins Business jedoch nicht zum frühen Durchbruch verhelfen konnte, schlug sich der Nachwuchsmusiker nach der Highschool erst mal als Poolreiniger durch, wobei er so vielschichtige Geschichten übers Mit- und Gegeneinander von Arm und Reich in seinem schlauen Telefon aufnahm und mit allerlei Alltagseindrücken garnierte, dass daraus nun ein Debütalbum voller “sehr privater Erlebnisse und Erfahrungen” entstanden ist. So heißt es zumindest im PR-Sprech.

Hübsche Geschichte, keine Frage. Aber ungefähr so banal wie egal und zudem ziemlich unnötig. Denn auch ohne urban legend und ähnlich inszeniertes Zeugs hat Jeff Beadle das, was jedem Künstler gut zu Gesichte steht: einen unverwechselbaren Sound. The Huntings End nämlich, acht wunderbar harmonische Erzählungen eines jungen Lebens, klingen als unternähmen sie kurze Zeitreisen in Epochen, die dem Metier singender Solisten mit Gitarre ihre je eigenen Stempel aufgedrückt haben.

Mal schimmert im ergreifenden Did You Run eine Art Americana durch, die sich noch mühsam aus dem Korsett des konservativen Country seiner Epoche schälen musste. Mal arbeitet sich dieser moderne Folk wie in Cautious Lovers zu einem Alternativerock vor, der sich einst von der harmonieduseligen Flower Power emanzipieren wollte. Mal singen die Blumenkinder aber doch dazwischen wie im gefühligen Devil’s Arms. Allerdings zieht Jeff Beadle stets die Einflüsse aus allen Epochen seines Genres – zwischen Guthrie, Dylan, Mumford & Sons – zurück auf seine Seite und macht daraus ein famoses Songwriting jenseits aller Referenzen.

Jeff Beadle – The Huntings End (Butterfly Collectors)

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