Laufendes Band & Reiche Leichen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Oktober

Was wären nur Fix ohne Foxi, Ying ohne Yang, Marianne ohne Michael, Baden ohne Baden? Halbe Sachen, undenkbar wie Gruner ohne Jahr. Bis jetzt. Das Paar zweier Verlagsdynastien, nach dem Krieg eine Keimzelle des demokratischen Aufbruchsjournalismus und noch immer stilbildend klassische Publizistik, es trennt sich. Im Frieden, heißt es, lösen sich die Erben von John Jahr aus dem Hamburger Pressehaus. Der Name dürfte wohl erhalten bleiben, aber ohne das berühmte + in der Mitte, geht ein weiteres Stück Zeitungsgeschichte verloren.

Das kann man nun nüchtern veränderten Informationskonsumgewohnheiten zuschustern, aber jede beendete Ära ist eben auch ein geschlossener Erinnerungsraum, Geschichte statt Gegenwart. So tot, wie es dem Fernsehen seit langem vorhergesagt wird. Gerade in seiner linearen Form, hat es das frühere Leitmedium ja auch nicht leicht. Besonders gegen das eigenmächtige, selbstverwaltete Home-Entertainment auf DVD, Streams oder Youtube.

Wen ein Fernsehformat nämlich so fesselt, dass ein Loskommen unmöglich ist, neigt naturgemäß zu dem, was neudeutsch Binge-Watching heißt. Serienglotzen am Stück, ganze Staffeln in einer Nacht oder wie es ein amerikanisches Liebespaar getan hat: 51 Episoden The Walking Dead nacheinander, zweieinhalb Tage unterbrochen nur von den nötigsten Verrichtungen, in Zeitraffer festgehalten vom US-Sender Fox.

Nicht, dass Extrem-Binging dieser Art mit einer deutschen Serie durchhalten würde; keine einzige erzeugt schließlich auch nur annähernd den Sog von, sagen wir: Homeland oder House of Cards. Aber hiesige Sender sollten sich angesichts der Lässigkeit, in der die zwei Hardcorezuschauer das Zombiegemetzel durchgestanden haben, ruhig mal zum Anlass nehmen, ihre Struktur zu überdenken. Also zum Beispiel, was Privatkanäle wie Vox oder RTL2 schon getan haben, ganze Abende einer Serie zu widmen.

Aber vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seiner grundsatzlinearen Programmpolitik ist so was natürlich nicht zu erwarten. Dort gilt es eher als Sensation, wenn Jörg Pilawa kurz vor Weihnachten im NDR zum 80. Geburtstag von Rudi Carrell Am laufenden Band aufwärmt. Jene schlaghosenalte Siebzigershow, bei der heute niemand mehr so genau sagen kann, worum es dabei bis aufs finale Vorbeirauschen merkwürdiger Sachpreise wie Schnellkochtopf und Trockenhaube eigentlich ging.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 19. Oktober

Aber diese Publikumsvergesslichkeit teilen Klassiker mit vielem aus der Gegenwart. So wird also vom heutigen Fernsehpranger Mein Kind schafft das spätestens zwei Stunden nach der achten Folge nur in Erinnerung geblieben sein, dass sich RTL2 unter Vortäuschung von Anteilnahme an fetten Kindern beim Abspecken ergötzt hat. Auch an Akte D dürfte sich nach dem Montagsauftakt nur wenige erinnern – was allerdings keine inhaltlichen Gründe hat. In der ARD-Reihe wird nämlich endlich das politisch gewollte Scheitern der Entnazifizierung dokumentiert. Allerdings kurz vor Mitternacht, wenn garantiert keiner zusieht. Das gilt dann leider auch für eine weitere Entmystizierung der jungen Republik in Unser Wirtschaftswunder, das zwar um 20.15 Uhr läuft; aber 3sat haben viele gar nicht auf der Fernbedienung.

Den Quotensieg des Tages wird daher wohl Alles muss raus davontragen. Der ZDF-Zweiteiler (Fortsetzung Mittwoch) handelt schließlich von der Pleite des Schlecker-Konzerns. Dass er sie wenig erbaulich per Holzhammermoral verarbeitet, tut da nichts zur Sache; fiktionalisierte Zeitgeschichte mit Starbesetzung (Atzorn, Preuß, Lukas, Martinek, Sadler) zieht immer. Besonders, wenn sie auch noch vom Topthema Fußball handelt, des FC Bayern zumal, der Mittwoch im Ersten mal wieder einen Satz kostenloser Werbung kriegt, wenn es die zugegeben spannende Geschichte des jüdischen Ex-Präsidenten Landauer zugegeben versiert erzählt.

Versiert ist in seiner Sperrigkeit auch alles von Dominik Graf, was Deutschlands wohl bester Regisseur am Wochenende gleich zweimal beweisen darf. Samstag läuft – komischerweise im BR – sein Starnberg-Krimi Die reichen Leichen, der den mysteriösen Tod von König Ludwig II. nochmals in die Gegenwart zieht. Tags drauf lässt Graf seinen Münchner Kommissar Meuffels im Polizeiruf wieder zur Höchstform auflaufen.

Und wo so viel Gutes diese Woche im Süden spielt, biegen wir kurz in den Osten ab: Arte startet heute die Reihe Red Western, wo Defa-Winnetou Gojko Mitic zum Auftakt in Weiße Wölfe zeigen darf, dass Indianerfilme nicht nur von Skalpjägern oder edlen Wilden handeln müssen. Und Dienstag dann wirft der RBB (22.05 Uhr) einen wehmütigen Blick auf DT64, den vergleichsweise rebellischen DDR-Jugendsender, der 1993 viel zu früh abgewickelt wurde.

Der Tipp der Woche wendet sich dann allerdings wieder gen Westen und in die Gegenwart: Samstag schenkt 3sat der fabelhaften Corinna Harfouch als Anstaltsleiterin in Dürrenmatts Die Physiker eine Theaterübertragung, die es in sich hat. Glückwunsch.

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