ChrisTine Urspruch: Alberich & Dr. Klein

Ich mach innere Freudensprünge

Millionen kennen sie als Alberich und das Sams, jetzt tritt ChrisTine Urspruch aus dem Schatten anderer und spielt die Serienärztin Dr. Klein (freitags, 19.25 Uhr). Dass sie nur 132 Zentimeter misst, packt das ZDF schon in den Titel. Doch der 44-Jährigen aus Remscheid geht es um mehr als dieses Merkmal.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Urspruch, da lernt man sein Leben lang, Menschen, die von der Norm abweichen, bloß nie aufs Körperliche zu reduzieren, und dann heißt ihre Serienfigur allen Ernstes Dr. Klein?

ChrisTine Urspruch: (lacht) Ach wissen Sie, wenn alles immer nur der Norm entspricht und jeder Hinweis auf Abweichungen wegfiele, wäre das Leben doch ziemlich langweilig. Deshalb finde ich den Namen auch vor allem witzig, nicht diskriminierend. Außerdem schafft er Aufmerksamkeit für die Geschichte und macht neugierig.

Hat der Titel also mehr damit zu tun, dass deutsche Serien gern sprechende Figurennamen wie Fuchs und Gans haben?

Vielleicht. Aber es hat vor allem mit mir zu tun und wie ich im echten Leben mit meiner Größe umgehe. Denn das was draufsteht ist bei mir auch drin. Und die kleine Frau von 1,32 Meter hat in der Serie unabhängig vom Namen riesige Aufgabe zu erfüllen, die sie mit Bravour erledigt. Sehen Sie den Namen daher doch lieber als Kontrastmittel, das sich auf alle Frauen in männerdominierten Welten wie Krankenhäusern anwenden lässt, wo es kaum Oberärztinnen gibt.

Handelt die Serie also von einer Kleinwüchsigen, die zufällig Ärztin ist, oder einer Ärztin, die zufällig kleinwüchsig ist?

Definitiv letzteres. Zumal auch die anderen Protagonisten selten der Norm beziehungsweise bestimmten Klischees entsprechen. Deshalb gibt es ja auch den schwulen Chefarzt, der sich mit Adoptionsfragen befasst. Das wirft gesellschaftliche Fragen auf, über die man am Beispiel der Serie gern nachdenken darf.

Mit dem Ziel, Unterschiede so beharrlich zu thematisieren, bis sie keine Rolle mehr spielen, die Thematisierung also überflüssig wird?

Sicher. Es geht schließlich vor allem um die Suche nach dem persönlichen Glück unabhängig von allen Äußerlichkeiten.

Sind Film und Fernsehen bei uns denn schon reif, Menschen völlig ungeachtet ihrer Äußerlichkeiten zu besetzen?

Das nehme ich so wahr, auch wenn es in kleinen Schritten vor sich geht. Etwa dabei, Menschen mit Migrationshintergrund nicht mehr als solche zu besetzen. Man kann das auch an meiner Figur Alberich im Tatort sehen: Die hat sich längst von ihrer Körpergröße zu einer handelnden Figur emanzipiert. Das ist natürlich noch ausbaufähig, aber Silke Haller – wie sie übrigens heißt – ist eine gestandene Frau.

Ist es denn auch eine behinderte Frau, als die Sie Ihr Widersacher Dr. Lang in Dr. Klein einmal bezeichnet?

Ach, da gibt es im Englischen viel kreativere Begriffe wie „vertically challenged“, also eher herausgefordert als beeinträchtigt. Ich empfinde mich nicht als behindert, weil ich kaum Einschränkungen habe und nicht auf Hilfsmittel angewiesen bin, auch wenn ich nicht an alles rankomme. Aber Sie müssen für bestimmte Höhen sicher auch mal auf einen Hocker steigen. Das ist eine Frage der Perspektive.

Die sich bei Ihnen schon im Namen zeigt, den Sie bewusst mit großem T schreiben.

Um einen spielerischen Umgang mit meiner Größe zu offenbaren, ja. Wir Deutschen problematisieren ja gerne vieles, da versuche ich es gern mal ein bisschen lockerer zu sehen.

Was kennzeichnet Sie denn übers Körperliche hinaus als Schauspielerin – das Komödiantische, Leichte?

Schon. Das Komödiantische liegt mir schon sehr. Aber keine Sorge: Ich kann auch Drama und spiele es sogar am Theater. Aber unterschätzen Sie nicht das Dramatische an der Komödie, das gibt es auch in Dr. Klein.

Waren Sie dafür in einer Schauspielschule?

Nein. Viele meiner schauspielerischen Fähigkeiten beruhen eher auf Fortbildungen, Kurse und learning by doing.

Was war dabei Ihr Durchbruch: Das Sams oder der Tatort?

Eine Verkettung von Zufällen und Zusammenkünften, aber auf die Kinohauptrolle im Sams werde noch immer oft angesprochen, die empfinde ich bis heute als Bestätigung eines langen Weges ins Schauspiel. Daraus resultierte dann der Tatort und daraus wiederum Dr. Klein. So kommt eins zum anderen.

War das Sams dennoch eher Sprungbrett oder Bürde, was die spätere Rollenfestlegung betrifft?

Sagen wir mal so: Ich hatte anfangs schon Sorge, dass es mich so auf fröhliche Kinderfiguren festlegt wie seinerzeit Inger Nilsson, die kaum andere Rollen als Pipi Langstrumpf angeboten bekam. Aber das ist immer das Risiko unseres Berufes und die Sorge hat sich bei mir als unbegründet erwiesen.

Sehen Sie Dr. Klein da als weiteren Emanzipationsschritt?

Absolut, da mache ich innere Freudensprünge. Gerade, weil ich aus der Nebenrolle in die erstere Reihe trete, mit einer Figur, die mir auf den Leib geschrieben wurde. Davon träumt fast jeder Schauspieler.

Aber Sie bleiben dennoch dem Alberich noch treu?

Die irren Zuschauerzahlen sind da jedenfalls ebenso großer Ansporn wie die tollen Bücher und meine Kollegen.  Ohne die könnte ich mir ein Leben kaum noch vorstellen. Gut, nichts ist für die Unendlichkeit, aber die aktuellen Gespräche deuten nicht darauf hin, dass sich ein Ende anbahnt.

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