Reisereportage: Klettersteig Hochkönig

Hochkönig - Anstieg HochkönigsjodlerDrahtseilakt

Risiko war gestern. Heute kraxelt man entspannt an fest verankerten Stahltrossen die Alpen hinauf. Längst schießen Klettersteige wie Pilze aus der alpinen Felswand. Ist das wirklich Bergsteigen Light? Nicht am Hochkönig.

Von Jan Freitag

Dieser Ausblick: Im Osten der flächig aufragende Hochkönig, im Osten sein spitzer Gipfelnachbar Hochseiler, das Steinerne Meer in Sicht, weiß überzuckert, grüngrau geädert, von Schäfchenwolken umwickelt – ein Herzensöffner, der für vieles entschädigt. Für die Anstrengung und die Versagensangst, für die brennenden Muskeln, zitternden Knie, geschundenen Finger, eigentlich für alles. Sogar für diesen Irrtum.

Klettersteige, kriegt man vorab von allen zu hören, die im Fels die reine Lehre predigen, das sei doch kein echter Alpinismus. Klettersteige, sagt selbst Gerald, „der Gerry“, dessen Nachname im Berg nichts zählt, „das ist für Könner manchmal eher Micky Maus“; Klettersteige, den Eindruck gewinnen auch Laien am ersten Haken, das ist ja gar nicht so schwer. Ist es doch. Und irgendwie nicht. Denn nach dem Einstieg mag bald die Erschöpfung anklopfen und irgendwann ein Signal ans Gehirn: Aufgabe. Doch spätestens oben, die letzte Kuppe in Griffweite, mündet das Wechselbad der Gefühle in Euphorie, etwas Großes vollbracht zu haben.

Dabei beginnt es zunächst ganz klein, unterm höchsten Berchtesgadener Gebirgsstock. Genau genommen beginnt sie 36 Stunden zuvor, im Alpinpark Dienten am Fuße des Hochkönig. Übungsprogramm für Untrainierte, Aufwärmphase, „Vertrauen zum Fels kriegen“, meint Gerry. „Und zum Material.“ Denn das spielt in dieser Teilkaskoversion des Bergsteigens eine Hauptrolle. Nervenkitzel war das Mantra des Singleurlaubs früherer Tage und leidlich lukrativ für die Region. Erst gepaart mit Sicherheit aber wird er familientauglich und somit Garant für eine ungewisse Zukunft. In der Ära von Schneearmut und Klimawandel wird die Sommersaison schließlich zur neuen Stoßzeit; da muss der Fremdenverkehr Alternativen zum winterlichen Wedeln entwerfen. Und findet ihn vor der eigenen Nase.

Auf deren Höhe zeigt Gerry das Werkzeug der alpinen Zukunft im Fels seiner Heimat: Ein gewundenes Stahlseil an kräftigen Eisenhaken, die unterarmlang und zeigefingerdick alle drei Meter tief in die Wand getrieben und mit 2-Komponenten-Kleber fixiert werden – „das hält euch alle auf einmal“. Und locker zehn weitere Anfängergruppen, 5000 Kilo insgesamt. Es ist ein stählerner Vertrauensvorschuss, an dem man sich gleich doppelt vertäut. Nach dem Partnercheck, versteht sich: Gegenseitig prüfen die Zweierteams Gurte, Knoten, Winde, Karabiner, Seile und übt das Pendeln in Falllinie, den Hub aus beiden Beinen, die Schonung der Arme. Safety geht vor Thrill, Helm ist Pflicht. Also doch Vollkasko? „Nein“, ruft Gerry und sein etwas lautes Lachen verrät den Geschäftsmann im kreuzehrlichen Bergführer: „Wenn du runter fällst, fällst du runter, und das tut weh.“

Aber man falle eben doch nur ein wenig, bis sich das dehnbare Seil vorm Bauchnabel strafft und so denn Absturz dämpft. Zwei Meter, maximal drei. Nicht schön, aber auch nicht nötig. Denn anders als in der Seilschaft ist man im Steig zwar auf sich allein gestellt, hat aber bei Bedarf stets die Hand an der Trosse. „Da passiert nix“, betont der wettergegerbte Fünftagebartträger mit den sehnigen Armen, rät im Fall des Absturzes aber doch: „Nicht abstürzen!“ Dafür probt die Schar Neulinge. Erst mit Seil, um den Stein zu spüren, dann am Stahl, um den Steig zu spüren, zwischendurch am Staudamm, um das Abseilen zu spüren, zuletzt im Hochseilgarten, um die Höhe zu spüren.

Doch am Morgen drauf spürt man erstmal nur die Kälte am Grandlspitz. Wie Quellwasser kriecht sie durchs Fleece. Der Tag ist jung, die Kleidung auf Gipfelfrische geschichtet, 2307 Meter hoch liegt das Ziel, doch bis da ist es noch weit. Erst kommt der Zustieg, zwei Stunden aufwärts bis zum Einklinken. Schon das kostet Körner. Und Nerven. Wer sich den ungesicherten, bisweilen bloß hüftbreiten Schotterpfad indes vor Augen hält, links steil den Berg hinauf, rechts steil zu Tal hinab, der verliert ein bisschen Angst vor den 170 Höhenmetern, die es im Klettersteig zu überwinden gilt. Kategorie B, zum Schluss gar D, eine Stufe vor professionell. Kaum zu glauben, dass die Skala noch weiter reicht.

Denn es ist steil. Ab elf brennt die Sonne. Arme und Beine brauchen zunehmend Pausen. Aber wie sagte Gerry eingangs: „Die Alternative heißt Helikopter.“ Eine teure. Also weiter, die letzten 30 Meter mit Extraseil gesichert, um sich mal hängen zu lassen; wer will schon die makellose Sturzstatistik trüben? Und mit jedem Meter zum Ziel, wo eine furioser Panoramablick jede Mühe – auch des zweistündigen Abstiegs – rechtfertigt, wird man sich der Schizophrenie des Steiges bewusster: Dem Drang, frei zu klettern, dem Zwang, am Draht zu bleiben; dem Glauben, diesem Berg zu trotzen, der Erkenntnis, das könne ja jeder.

Neun Klettersteige hat die Region, zwei davon am Hochkönig, wo der Naturschutz Baugrenzen setzt. Trotzdem erreicht die Zahl der Aufstiege auch hier bald die 1000 pro Jahr. Zu wenig sagen viele, die den leichteren Gipfelsturm als Demokratisierung des Elitensports loben. Zu viel entgegnen jene, die Verhältnisse wie im Südtiroler Klettermekka Arco fürchten, wo der Fels wie käsiger Marmor sei: perforiert, geglättet von Abertausend Haken und Händen. Bei uns, sagt Gerry und meint das positiv, „ist’s so rau, dass die Finger bluten“. Bei ihm, fügt er Tirolerisch hinzu, „wird’ nix zerklettert“.

Berge gibt’s ja genug. Und meist herrsche Stille. Am Grandlspitz, doch auch in den leichten Steigen kann man ihn also spüren: Den Geist des Kletterns, allein mit sich und dem Fels. Nun ja, und einem fingerdicken Stahlseil.

Infos Hochkönig:

http://www.hochkoenig.at/de

www.almhof.co.at

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s