Femalefriday: Mina Tindle, Haley Bonar

Mina Tindle

Das Französische ist bekanntlich gesprochen wie gesungen eine der schönsten Sprachen überhaupt. Verglichen damit, als Französin englisch zu singen, erscheinen Perlen vor die Säue demzufolge fast als lohnenswerte Investition. Die französische Singer/Songwriterin Mina Tindle hat genau das auf ihrer ersten Platte getan. Taranta hieß es und bereicherte die weite Welt des Chansons vor drei Jahren dennoch um eine traumhaft schöne, melodisch ausgewogene, emotional berührende und dabei überaus vielfältige Version dessen, was gern als French Folk vermarktet wird. Allein: Die junge Pariserin tat es seinerzeit eben nur ausnahmsweise mal in ihrer Muttersprache. Das hat sich auf ihrem zweiten Album geändert. Und das ist mal wirklich gut so.

Auch auf Parades greift Mina Tindle zwar gelegentlich zum Sprachmix, doch der Grundton ist heimisch und somit näher an dem, was ihr Land musikalisch so ausmacht: Die weiche Melodie des Wortes, hier gepaart mit Tönen, die etwas fülliger daherkommen als 2011, mit mehr Tempiwechseln, poppiger also, manchmal fast wavig. Es gibt da heitere Synthie-Einsätze und verspielte Samples, viel Westerngitarre, aber auch elektrische Passagen. Die Multinstrumentalistin von 31 Jahren macht aus dem gefühligen Chanson früherer Jahre ein kleines Abenteuer filigraner Popmusik. Das klingt meistens fröhlich, aber nicht so bräsig, wie die Durlastigkeit ihres Sounds vermuten ließe. Mina Tindle macht Musik fürs offene Cabrio im Sonnenschein, aber man kann das schon auch bei Regenwetter daheim hören. Parades ist das perfekte Herbstalbum, die Sprache ist da fast zweitrangig.

Mina Tindle – Taranta (Believe Recordings)

Haley Bonar

Aus den stillen Ecken des Pop kommen zuweilen erstaunlich laute Töne. Sie klingen zunächst gar nicht so, platzen aber schier vor Kraft. Erinnert sei da an Talk Talk, deren Sänger Mark Hollis zu Beginn der Achtziger aus voller Kehle zu schreien schien, dabei das Gegenteil von Geschrei erzeugte und dennoch bis auf den Grund der Seelen vordrang. Dies sind die seltenen Momente unscheinbarer Energie, die im Hallraum der Aufmerksamkeit zu verwehen drohen und sich auf sonderbare Weise behaupten. Momente wie bei Haley Bonar. Die Songwriterin aus Minnesota ist seit vielen Jahren auf Tour. Sie hat in diesen vielen Jahren sogar vergleichsweise viele Platten gemacht. Platten, von denen viele sicher noch nie gehört haben. Und doch ist das, was sie nun auf ihrem ersten Album bei einem einigermaßen zugkräftigen Label – Memphis Industries – kompiliert, in seiner Zurückhaltung ein so durchdringender Schrei aus den Tiefen des Pop, dass man angesichts dessen fast erschaudert.

Last War heißt die Sammlung mal trübsinniger, mal deprimierter, selten jedenfalls lebensbejahender Liebeslieder, deren melodramatische Stoßrichtung bereits im Titel des Eröffnungsstücks Kill The Fun deutlich wird. Es klingt ein bisschen nach den Pierces, diesem psychedelischen Feenfolkduo aus den Südstaaten, deren hypnotischer Doppelgesang wirkt wie einst die Sirenen auf Homer. Ein wenig erinnert es auch an Bon Iver, mit dessen Sänger Haley Bonar schon gemeinsam gespielt hat. In seiner Geruhsamkeit wirkt Last War dabei manchmal wie Hilferufe aus einem Kellerloch, durch das kaum ein Laut nach außen dringt. Doch dann taucht man tiefer hinein in dieses epische Werk. Lässt sich im Titelstück abwärts ziehen und sodann mit Schwung an die Oberfläche. Schwimmt in Heaven’s Made For Two mit schnellen Zügen seelenruhig durch ein tosendes Gewässer. Treibt in From A Cage auf dem Rücken unterm Sternenhimmel und lässt sich in ein seichtes Meer aus Beatles-Harmonien treiben. Nimmt in Woke Up In My Future wieder Fahrt auf, bis einen das Finale namens Eat For Free im Sonnenaufgang an einen malerischen Strand spült, erschöpft, nicht glücklich, aber bis ins tiefste Gemüt geerdet.

Stets vollbringt Haley Bonar dabei das kleine Wunder, gleichsam zu flüstern und zu brüllen. Ihre Stimme mag manchmal wie in Watte gepackt klingen, runtergeregelt wie am frühen Morgen einer Sommernachtsparty, nicht mehr ganz wach, schon fast im Halbschlaf. Doch angetrieben von ihren Musikern, die sie sich aus dem Kosmos diverser Bands von Alpha Consumer bis Tapes ‘n Tapes geborgt hat, entfaltet sich inmitten der Stille eine orchestrale Kraft, die gelegentlich fast in den Krach abdriftet, ohne je überdreht, gar aufgeregt zu sein. All dies macht Last War zum letzten Beweis, dass die Wahl der Mittel im Pop ihr Ergebnis weniger beeinflusst als der Geist, der das Ganze gefühlvoll federn lässt. Haley Bonar ist eine Zauberin des Unterschwelligen; wer sich ihr entziehen kann, ist Speedmetalfan oder emotional zu abgebrüht für Folk aus der Tiefe des Herzens. Selten klang Zwiespalt schöner.

Haley Bonar – Last War (Memphis Industries); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/10/20/haley-bonar-last-war_18793

 

 

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