Hinnerk Schönemann: Dampfkessel & Ventil

Ich passe gut in Uniform

Ein Theatercafé in Hamburg. Hinnerk Schönemann kommt in Turnschuhen, Jeans und Daunenweste rein und fühlt sich offensichtlich unwohl unter den Kulturbeflissenen der Metropole. Erst als er seine Freundin an den Tisch telefoniert hat, taut er ein wenig auf – und redet über seine Filmrollen, die ihn – oft in Uniform – zu den derzeit besten Schauspielern im Land machen. Heute zum Beispiel in Nord bei Nordwest (ARD, 20.15 Uhr), einer Art Ostseewestern, den erst der Mecklenburger so wirklich sehenswert macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Hinnerk Schönemann, in Ihren vielen Rollen spielen Sie auch diesmal wieder die Unscheinbarkeit in Person. Werden Ihnen nur solche Rollen angeboten – unprätentiöse, einfache, normale?

Hinnerk Schönemann: Das würde ich gar nicht mal sagen, aber diese Rollen liegen mir. Ich mag es, wenn sie wie das tatsächliche Leben verlaufen, wo es meistens viel einfacher zugeht als im Film, wo man seine Sätze nach hinten raus schon mal verhaspelt. Film vergrößert die Sprache auf ein unnatürliches Maß, ich bevorzuge es zurückgenommener.

Erden Sie dadurch die unnatürliche Drehbuchvorgaben oder Charaktere

Wenn es sich im Wechsel zwischen Drehbuch, Regie und meinem Spiel ergibt, vielleicht. Situationen, die zu sehr ins Theatralische abgleiten, versuche ich nach Gesprächen mit dem Regisseur wie jetzt Markus Imboden schon ein bisschen runterzuholen. Da haben Markus und ich ein ähnliches Gefühl für die Szene. Wir erden das dann gemeinsam.

Auf ein Niveau von Bodenständigkeit, das Ihnen auch als Mensch entspricht, Ihrer Persönlichkeit?

Mag sein. Privat bin ich ungeheuer bodenständig, das liegt an meiner Herkunft auf dem Land. Unter 70 Einwohnern kann man sich keine Extrawürste erlauben, sag ich mal. Aber trotzdem – die Art wie ich spiele, dieses Rohe, Unperfekte, vor allem in der Sprache, ist eindeutig ein Stilmittel. Das wende ich an, indem ich die Texte vorher nicht allzu intensiv lerne. Ich weiß immer, worum es geht, lasse mir aber die Freiräume, eigene Worte einzufügen, sofern mir ein Regisseur wie Markus dazu die Freiheit lässt. Trotzdem hat es natürlich mit mir zu tun. Auch diese Rolle als Dorfpolizist ist mir näher als manche andere. Darin fühle ich mich wohl.

Ihre Rollen offenbaren immer eine große Unsicherheit im Umgang mit Menschen.

Totale Überforderung. Aber Figuren, die nicht genau wissen, was sie tun, sind auch viel spannender als jene, die alles unter Kontrolle haben und hinterher mit geschwellter Brust davon erzählen. Das Natürliche macht mir auch deshalb mehr Spaß, weil die Zuschauer es besser verstehen, weil es näher an ihnen dran ist. Sonst gehen Sie ins Theater. Fehler, Fehltritte, Lehrstellen gefallen mir gut, gefallen mir sehr gut. Aber selbstverständlich gibt es Filme, für die man exakt den Vorgaben entsprechen muss, auch wenn es mir schwer fällt; Texte auswendig zu lernen liegt mir nicht so. Hier hab ich so um die 70 Prozent gelernt, der Rest ist Improvisation, hab ich ja auch in Ausbildung gelernt.

Wenn man wie Sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht – ist das von der Ausbildung bis zur Karriere eher hinderlich oder sogar förderlich?

Na ja, als klassischer Heldentyp mit Titelseitenqualität wächst die Gefahr, Fehltritte zu machen und ein erreichtes Niveau wieder nach unten zu verlassen. Ich muss immer durch mein Schauspiel, weniger durch die Oberfläche glänzen.

Das ist nachhaltiger.

Und man ist mit seinem Äußeren weniger präsent. Es hilft dabei, sich im Hintergrund zu halten, um so über die Nebenrollen nach vorn zu kommen. Im zweiten Glied kann man sich mehr austoben, das kommt mir sehr entgegen. Es macht mir den größten Spaß, wenn nicht alle Augen auf mich gerichtet sind, Hauptrollen stehen mir zu sehr im Fokus.

Haben Sie sich in diesem Film dann unwohl gefühlt? Schließlich ruhen alle Augen nur auf Ihnen?

Nein, nein. Das habe ich eher auf diese großen Sat.1-Schinken bezogen. Wenn ich da ständig der Titelheld wäre, würde mir das nicht gefallen. Diese Art Präsenz brauche ich gar nicht. Mit Hintergrund meine ich auch, hintergründig zu agieren. Und weil ich weiß, dass das bei einem Autor wie Holger Karsten Schmidt stets der Fall ist, müsste ich mir dessen Drehbuch gar nicht durchlesen, da würde ich so mitspielen. So eine Rolle ist ein Sechser im Lotto, der absolute Hauptgewinn. Auch in Markus Imbodens Mörderische Erpressung hatte ich das Gefühl, etwas Großes zu machen, ohne groß zu sein. Da war ich auch so ein kleiner Dorfpolizist.

Bevor Sie zur Dauerhauptdarsteller wurden,  hatten Sie in knapp 50 Filmen fast ausschließlich Nebenrollen und viele davon in Uniform.

Hauptrollen sind gar nicht unbedingt bedeutender als die kleineren. Der Wahnsinn war zum Beispiel mein Kurzauftritt in Das Leben der anderen. Da bin ich sogar nur eingesprungen für jemanden, für zwei Tage. Da hab ich mir gesagt: na klar, guck dir das mal an. Und das hat mich eigentlich zuerst mal überfordert. Die waren alle schon total eingespielt und ich komm da reingeschneit und hab gleich eine große Szene, soll einen Witz erzählen, den ich überhaupt nicht witzig fand und mir noch nicht mal merken konnte. Das Drehen an sich war aber nicht so, dass ich es jederzeit wieder machen würde; viel zu gehetzt alles. Und ich hatte auch regelrecht Angst vor dem Film.

Sprichwörtlich oder wirklich Angst?

Nein, wirklich. Weil einen jeder angesprochen hat und meinte, boah wie toll und was du da drin gemacht hast. Wahnsinn. Deshalb hab ich den Film erst eineinhalb Jahre später durch Zufall mal gesehen und hab mich dann so darüber gefreut, diese Szene gemacht zu haben. Die Arbeit war okay, aber das Ergebnis war so toll – das hätte ich nicht gedacht. Es ist ein bisschen konzentrierter Hinnerk Schönemann.

Der sich jetzt ein bisschen als Oscargewinner fühlt?

Nee, Quatsch, überhaupt nicht. Ich habe nicht wirklich gearbeitet an diesem Film, mein Beitrag war kleiner, den Ruhm sollen andere einstreichen.

Ihrer rührt dagegen vor allem von Polizeirollen her. Verselbständigt sich so was?

Ich krieg auch andere Rollen angeboten, aber ich passe unglaublich gut in Uniform auf den Bildschirm. Die Leute wollen junge Polizisten sehen, die nicht zu abgehoben sind, aber auch ein wenig durchgeknallt. Aber ich weiß, dass ich ganz genau ab jetzt, wo Sie das fragen, aufpassen muss, wie viele ich davon noch annehme.

Dabei symbolisieren Streifenhörnchen besser als jeder andere Charakter ein Stück bundesrepublikanischer Normalität.

(Lacht) Streifenhörnchen, genau, damit konnte ich bisher gut leben, nun ist bald mal Schluss. Gute nehme ich weiter an. Selbst ganz normale Polizisten müssen ja irgendwas Ungewöhnliches haben, um ihre Normalität bemerkenswert zu machen.

Und Polizist werden wollten Sie nie?

Nie, auch wenn es Spaß macht, sie zu spielen.

Was sie immer ein wenig wie ein Dampfkessel machen. In vielen ihrer Rollen drohen sie jeden Moment zu explodieren.

So halte ich meine Energie aufrecht. Außerdem bin ich von Natur aus, also biologisch, ein hyperaktiver Typ, ich habe mein Leben lang gezappelt. Das kann ich beim Spielen einerseits nutzen, andererseits damit kompensieren, weil ich das Gefühl habe, zu arbeiten.

Muss man sie bremsen.

Absolut.

Mit welcher Technik.

Ganz einfach: einfach sagen. Ich stehe nicht kurz vor der Explosion, ich bin bloß energiegeladen, weil ich viel anbiete für meine Rolle, viel investiere. Man muss mich nicht im Zaum halten.

Nutzen Sie all die asiatischen Kampfsportarten, die Sie praktizieren als Ventil?

Hab ich mal, aber eher in der Schulzeit. Heute merke ich allerdings noch, was in mir steckt, weil ich zum Beispiel überhaupt kein Langschläfer bin, nach halb sieben, sieben bin ich nicht hoch, obwohl ich noch gar kein Kind habe; hätte ich aber gerne… Aber ich gehe auch früh zu Bett, nicht nach zwölf. Ich muss immer unterwegs sein, stundenlang im Sessel zu hocken und zu lesen ist nichts für mich. Ich hab mir in meinem Mecklenburger Heimatdorf einen Hof gekauft und baue mir den aus, das liegt mir mehr als rumsitzen.

Ein richtiges Landei?

Total. Und hundertprozentig norddeutsch. Jetzt weiß ich erst, was Heimat ist. In der Stadt fühle ich mich jedenfalls unwohl. Ich hab da zwar gewohnt und studiert und dachte, das gehört einfach dazu, bis ich gemerkt habe, dass das nicht stimmt. Ich brauche die Stadt nicht, ich gehöre aufs Land, weil ich es liebe, allein zu sein. Nicht einsam. Ich genieße es, körperlich zu arbeiten, da hab ich meinen Trecker und kann alles machen, noch keine Landwirtschaft, erst mal das Land urbar machen, bauen, baggern, das geht alles mit meinem Trecker.

Was ist Ihnen an der Stadt so unangenehm?

Die vielen Menschen. Mittlerweile hab ich wirklich ein großes Problem mit Ansammlungen. Drehen, Interviews geben – das ist Teil der Arbeit, das kann ich akzeptieren, aber ich habe allergrößte Probleme, mich einfach so auf einen Kaffee zu treffen und zu reden; Smalltalk liegt mir überhaupt nicht. Ich verkrampfe mich und will nach Hause, das gibt mir nichts und zuhause liegt immer noch so viel Arbeit, dass ich gar keine Zeit für so was hab. Das ist kein Genuss. Ebenso wenig wie zu feiern. Ich war noch nie ein Partytyp, selbst Geburtstag hab ich immer ausgelassen, weil ich keinen Spaß daran habe Leute zu bewirten und zu unterhalten.

Das klingt bei ihrem Beruf ziemlich problematisch.

Da ist es seltsamerweise genau umgekehrt. Da kann ich einen Schalter umlegen, das ist Arbeit und da brauche ich Publikum, ein Team, das mich beobachtet, da kann ich sogar andere mit Humor unterhalten. Aber sobald Drehschluss ist, ist das alles weg. Selbst das Bier hinterher, kann man an einer Hand abzählen, wenn ich förmlich mitgezogen wurde. Bei der Arbeit kann ich mich hinter einer Rolle verstecken.

Traumrolle?

Mit Leander Haußmann, eine große tragende Rolle mit ihm. Oder Detlef Buck. Am besten beide zusammen, das träume ich seit meiner Schulzeit. Komischerweise war es schon immer mein Gefühl, wir würden gut zusammen passen. Aber vielleicht klappt es dann gerade nicht. Wenn sich zwei Komiker unterhalten, kann es ja auch ganz schön traurig sein.

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