25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte

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Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.

Von Jan Freitag

Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.

„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“

Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.

„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.

Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.

Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.

Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.

Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti

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