Gummibären & Kometensonden

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. November

Kürzel sind toll. Sie komprimieren ganze Zeilen auf Wortlänge und vereinfachen das Leben so ungemein. HSV, LPG, CDU, NSA, ICE, BGB, FAZ usw. auszuschreiben, würde die Dinge ja eher komplizierter machen als klarer. Etwas anders sieht es mit n-tv aus. Offiziell steht es für „News-Television“ und verweist auf den Nachrichtenwert des Gezeigten. Oberflächlich war es auch ziemlich nachrichtenwertig, was eine Dokumentation dort kürzlich über fossile Bodenschätze und ihren Verbrauch in den USA zu sehen war. Doch je länger sie lief, desto mehr vernunftbegabte Zuschauer fragten sich: Müssten da nicht irgendwann Begriffe wie Klimawandel, Emmissionen, auch nur Kohlendioxid fallen? Die Antwort: Nein. Nicht bei der RTL-Tochter. Ob nun wegen all der Autowerbespots dazwischen oder Sympathie für die Tea Party.

Deren Intellekt befindet sich in etwa auf dem Niveau handelsüblicher Gummibärchen, also einem, mit dem die RTL-Gruppe gemeinhin ihr Publikum bedient. Klüger als die Gelatinebomben ist dagegen Michael „Bully“ Herbig. Auch deshalb löst er Thomas Gottschalk nach 24 lukrativen Jahren nun als Testimonial für Haribo ab, kann sich vorher aber noch ein paar Tipps vom Altmeister abholen, wie man dessen Produkte verkaufsfördernd vor der Kamera postiert. Aber vielleicht ist im Werbevertrag ja auch gleich die Nachfolge von Wetten, dass…? Geregelt. Dass es mit der vorletzten Show am Samstag in Graz, die abermals den eklatanten Kompetenzmangel des scheidenden Masters offenbarte, kurz vor Weihnachten wirklich wahrhaftig vorbei sein soll, mag man ja noch immer nicht recht glauben. Zumal das ZDF Anfang 2015 angeblich doch noch mal über ihre Rettung beraten will.

Mit den üblichen Verdächtigen, vermutlich. Ganz oben, wie immer: Jörg Pilawa. Der übernimmt zwar Dezember auch noch die NDR-Quizshow von Alexander Bommes. Aber bevor sein Nachfolger im Dritten nicht 24 Stunden parallel auf allen Kanälen zu sehen ist, so scheint es, könnte sich Jörg Pilawa auch jederzeit auf die Wettcouch setzen. Oder zum Beispiel in einen Hamburger Imbiss, als Schildkrötenersatz neben Ditsche, der im WDR gestern seinen 10. Geburtstag feierte. Obwohl – für einen wie Pilawa ist die Sonntagsanstoßzeit gegen Mitternacht wohl doch zu nischig. Da könnte er ja gleich zu Sky gehen, die im Auftaktquartal 2014 mit 12,3 Millionen Euro zwar erstmals in der Bezahlsendergeschichte ein Plus verzeichnen, aber dennoch weit davon entfernt sind, massenhaft Zuschauer zu haben, wie Pilawa es mag.

TV-neuDie Frischwoche

10. – 16. November

Selbstredend keine Massen wie der Tatort, in dem Boris Aljinovic Sonntag nach 13 Jahren einen dramatischen Abgang als Berliner Kommissar Stark kriegt. Aber ein Vielfaches anderer Sendungen, die in dieser Woche ungerechtfertigt unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Der Thementag Komet in Sicht zum Beispiel, mit dem 3sat am Mittwoch die Landung einer Sonder der ESA-Raumfähre Rosetta auf 67P/Tschurjumow-Gerassimenko nach zehn Jahren Anflug um 16.30 Uhr flankiert – voll kreativ kuratierter Dokus, Spielfilme, Reportagen zum Thema Komet.

Der ist gewissermaßen auch Hauptdarsteller eines anderen Schwerpunkts im Spartenprogramm: Als Teil der Retrospektive zum Dogma-Erfinder Lars von Trier läuft Sonntag auf Arte Melancholia, sein Film über einen drohenden Meteoriten-Einschlag, der sich zusehends als Depressionsstudie im Gesicht der famosen Kirsten Dunst entwickelt. Den Auftakt der Werkschau macht Montag (20.15 Uhr) allerdings Triers Meisterwerk Breaking The Waves über ein gelähmtes Unfallopfer, dass seine Frau bittet, ihre Sexualität mit anderen vor ihm auszuleben. Dicht gefolgt von seinem gefeierten Debütfilm Element of Crime von 1984 im Anschluss, der einer bekannten deutschen Popband den Namen lieferte. Etwas weniger dicht gefolgt von der fabelhaften Kurzserie Geister, in der es Mittwoch unter einem Kopenhagener Krankenhaus furchtbar zu spuken beginnt. Arte zeigt den überarbeiteten Director’s Cut mittwochs in vier Doppelfolgen.

Dänische Wochen, könnte man meinen. Ergänzt vom NDR, dessen Erstausstrahlungen skandinavischer Filme heute (23.15 Uhr) mit dem hochgelobten dänischen Gangsterfilm Der Nordwesten langsam zum Montagsmarkenzeichen wird. Komplettiert von ServusTV, das Dienstag um 22.25 Uhr Hijacking zeigt, ein hyperreales Drama vom Borgen-Macher Tobias Lindholm, das die Geschichte eines dänischen Frachters in Piratengewalt erzählt, ohne die Schuldfrage zu klären. Puristisch, fabelhaft, toll gespielt.

Zumindest letzteres kann man auch von Jan Georg Schüttes Komödie Altersglühen sagen. Was explizit nicht am Drehbuch liegt – da keins existiert: Wie so oft gibt der Regisseur seinen Darstellern nur grobe Rollenprofile zu Hand. Und Mario Adorf über Senta Berger bis Michael Gwisdek beim improvisierten Speeddating zuzusehen, ist die reine Freude. Witzigerweise gibt es gleich im Anschluss ebenfalls was zum Thema Tempoflirten, diesmal im Blindtest. Bei Sexy Beasts, der ersten hausgemachten Show von Sixx, erkunden die Probanden innere Wert hinter Horrormasken.

Apropos Horror: Der steht auch an, wenn sich die ARD Donnerstag erneut zum dauerwerbenden Büttel von Burda macht und drei Stunden zur besten Sendezeit die Verleihung des filmisch irrelevanten „Bambi“ überträgt. Dann doch lieber Fernsehen ohne Worte, wie im Tipp der Woche: Abel Gances schwarzweißer Antikriegsstummfilm J’accuse von 1919 (Dienstag, 23,25 Uhr, Arte), aufwändig restauriert und sinfonisch überarbeitet.



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