Reisereportage: Per Postschiff zum Nordkap

IMG_3485Mehr wäre weniger

Eine Kreuzfahrt mit den Hurtigruten ist weniger eine simple Fahrt zum Nordkap als eine ins Innere seiner Seele. Dass die Schiffe bei aller äußeren Schönheit innerlich eher geschmacklos sind, gehört scheinbar zum Programm: erst an Deck und in den Häfen lernt das Gemüt laufen.

Von Jan Freitag

Mit der Farbe ist das so eine Sache. Was bunt ist, steht für Lebensfreude und Leidenschaft, für Vielfalt, Liebe, solche Sachen. Tristesse dagegen hat keine Farbe; Schwermut ist grau, Einfalt schwarzweiß und der Tod, berichten jene, die ihm mal nah waren, grüße Sterbende mit gleißendem Licht. Soweit die klassische Farbenlehre. Dann aber steht man an Bord der Polarlys und kann kaum genug kriegen von der Ödnis. Dann sieht man in Norwegens winterliche Fjordwelt und sehnt sich auch im Frühling nichts weniger herbei als den Sommer. Denn wenn sich dieses Kreuzfahrschiff, das keines sein will, weil es nur ein Postschiff der Hurtigruten ist, wenn also dieses Arbeitsgerät von 123 Metern die Westküste nordwärts fährt, an jedem Hafen hält, Ladung löscht, Passagiere aufnimmt, normale Norweger zumeist, und weiterfährt Richtung Nordkap, ändert das Auge seine Gewohnheiten.

Und trist wird bunt.

Doch was heißt hier trist, was bunt? Während der Frühling in Deutschland, wo zwei Drittel der Gäste wohnen, gerade alles koloriert, durchmisst die Fähre mit Freizeitabteilung eintönige Landschaften, die noch ihren Winterschlaf halten und gerade deshalb schillernder kaum sein können. Von der Hafenstadt Bergen aus, fast auf dem Breitengrad Islands, startet die Polarlys am Abend eines verhagelten Maitags auf eine der schönsten Seereisen überhaupt. Der regendunkle Mittagshimmel lässt zwar wenig Gutes erahnen für die nächste Woche gen Mitternachtssonne. Doch das ist nur der Schock vorm Ablegen. Und der zweite folgt an Bord.

Im Gegensatz zu dem, was außerhalb der sieben Decks bald folgt, ist das Interieur des Schiffes ein Inferno der Neunziger, als es entstand. Alles daran wirkt ästhetisch überladen wie seinerzeit die Leggings an Frauenbeinen. Bizarre Muster – gern mit Muscheln – fluten jede Faser Teppich, der sich die Bordwand empor zu fressen scheint. Jede Applikation wiederholt sich unablässig wie der stupideste Technobeat jener Jahre. Das ganze Ambiente erinnert an ein Schulterpolster im Blumenblazer. Baujahr 1996 eben, offenbar um Funktionalität bemüht, leider im Zeitgeist gefangen.

Und doch hat das Fegefeuer innenarchitektonischer Geschmacklosigkeit einen höheren Zweck, fast eine Mission: Es liefert den nötigen Kontrast zur Welt da draußen, die sich von Fjord zu Fjord und Ort zu Ort weiter öffnet. Hätte die Einrichtung der Polarlys einen Sound, er läge mittig zwischen Eurodance und Volksmusik. Kaum aber, dass stählerne Deckstüren zentimeterdick verpackte Kreuzfahrer ins Freie entlassen, weicht der kakophonische Lärm einer Symphonie der Stille. Bis aufs leise Tuckern des Schiffsdiesels, der den Ohren anders als auf den schwimmenden Hotelclubs à la Aida den Eindruck vermittelt, wirklich auf dem Wasser zu reisen, herrscht hier völlige Stille. Und sie erzeugt eine innere Ruhe, die man wohl nirgends sonst erlebt.

Das hat viele Gründe. Das Spektakel einer verschrobenen Umwelt, die Norwegens Westrand in Jahrmillionen ausgefranst hat wie eine alte Fahne im Orkan dieser Gegend. Das klärende Licht des immerwährenden Tages, der mit jeder Meile nordwärts tiefer in die Nacht ragt. Dazu völlig unberührter Schnee auf dem steil ansteigenden Festlandschelf, der nicht nur an den Golfstrom leckt, sondern auch an den Seelen der Passagiere. Seltsam geschrumpfte Menschen also, die hier von einer Demut ergriffen werden, als läse der Fels die heilige Messe. „Natur pur“ preisen Reiseführer flankiert von PR-Worten wie faszinierend, traumhaft, einzigartig. Alles korrekt und doch nur die halbe Wahrheit. Das Wesen der schwarzrotweißen Postschiffflotte, die das Leben der Bewohner seit 1893 auf 2700 Küstenkilometern verbindet, es beinhaltet weit mehr als zwei entspannte Wochen bei maritimer Kost und netten Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten wie dem spektakulären Geirangerfjord oder Kurztrios mit dem Jetski, Rentierkontakt garantiert. Mehr auch als die dauernde Vorbeifahrt an aberwitzig Schauspielen der Natur. Denn mindestens ebenso bedeutend ist Ørnes, ein Fischerdorf voll emsiger Hafenarbeiter, das nichts mit den betonierten Glasstahlthäfen fernab touristisch verwertbarer Ortskerne zu tun hat, in denen Kreuzfahrer andernorts gern in Reisebusse gekippt werden.

Hier steigt kaum jemand aus, hier steigt Harald zu. Mit Anfang 30 ist er kaum halb so alt wie das Gros der Feriengäste und unterscheidet sich auch dadurch vom Durchschnitt, dass er nicht ständig eine roten Becher für Gratiskaffee in der Hand hält, den die Kreuzfahrer zu Beginn der Reise für 40 Euro kaufen, um im sündteuren Konsumangebot wenigstens diesen Posten zu minimieren. Der wortkarge Industriemechaniker bevorzugt nach Schichtende zwei Dosen Bier, während ihm die Polarlys 200 Kilometer Heimweg nach Bodø spart, von wo aus das Schiff zu den Lofoten übersetzt. Auch die Inselgruppe mag im diffusen Glanz der nächtlichen Sonne verzaubern mit Plakatschönheiten wie dem Trollfjord, der selbst die drei demutsfreien Amerikanerinnen am Panoramafenster kurz zum Schweigen bringen – ihren echten Geist atmet die Reise woanders. In Svolvær etwa, der größten Inselstadt und doch ein Nest mit Dönerbude auf dem Platz, aber  sonst praktisch nichts. Außer einer Atmosphäre zum Niederknien. Wie in Tromsø, kurz vorm Ziel. In dieser Mischung aus Bullerbü-Syndrom und Alltagsrealität kann man sich mental gut vorbereiten auf den nördlichsten Punkt europäischen Festlandes tags drauf.

Beeindruckende Steilküste. 2000 Kilometer zum Pol. Schickes Museum. Nördlichster Supermarkt. Nördlichstes Kino. Nördlichste Toilette, Siedlung, Cafeteria. Alles der Welt. Abgehakt, denn selten war der Weg mehr das Ziel: Eine Reise, bei der selbst grauer Himmel über grauem Meer kunterbunt wird, weil hier nichts künstlich bemalt ist, sondern so ist wie es ist. Eine Reise, auf der mehr weniger wäre.

http://www.hurtigruten.com/de/

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